13) „Totale und ewige Macht“: Wie KI einen unumkehrbaren Überwachungsstaat ermöglichen könnte

Künstliche Intelligenz birgt das Potenzial, die Machtbalance innerhalb einer Gesellschaft fundamental und dauerhaft zu verschieben. Sogenannte „machtkonzentrierende Mechanismen“ beschreiben, wie KI-gestützte Technologien einer kleinen Gruppe – wie einer Regierung, einem Unternehmen oder sogar einer Einzelperson – ermöglichen könnten, eine extreme und potenziell unumkehrbare Macht über alle anderen zu erlangen. Der Kerngedanke ist, dass KI die Werkzeuge bereitstellt, um politische und wirtschaftliche Macht so stark in wenigen Händen zu bündeln, dass autoritäre Regime stabiler werden oder Demokratien sich in autoritäre Systeme verwandeln könnten.

In der Fachliteratur wird ein solches, von einer einzigen Entität kontrolliertes System als „Singleton“ bezeichnet. Der Philosoph Nick Bostrom übertrug diesen Begriff aus der Mathematik – wo er eine Menge mit nur einem einzigen Element beschreibt – auf die Weltordnung. Für Bostrom bezeichnet ein Singleton einen Zustand, in dem eine einzige Instanz (sei es ein Staat, eine globale Allianz oder eine KI) die Macht derart monopolisiert, dass es keine Konkurrenz mehr gibt. Ein solcher Zustand beendet den Wettlauf der Mächte, indem er nur einen einzigen, dauerhaften Sieger übriglässt. Die Motivation, ein solches System zu errichten, ist dabei eine doppelte:

Zum einen entspringt sie dem offensiven Streben nach einem „entscheidenden strategischen Vorteil“: der Erlangung einer so überwältigenden technologischen und strategischen Übermacht, dass jegliche Rivalität endgültig ausgeschlossen wird. Zum anderen, so argumentiert der KI-Pionier Mustafa Suleyman, entspringt sie der defensiven Notwendigkeit der „Eindämmung“ (Containment). Konfrontiert mit Technologien, die sich ihrer Kontrolle entziehen und die Macht an unzählige nicht-staatliche Akteure verteilen, wäre der Bau des totalitären Apparates ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle in einer Welt zu behalten, die ansonsten im Chaos zu versinken droht. Beide Motivationen – die Gier nach dem ultimativen Preis und die Angst vor dem totalen Kontrollverlust – führen zum selben Ziel.

Die Errichtung eines solchen Singletons stützt sich auf zwei technologische Säulen: die totale Überwachung und die automatisierte, unumstößliche Kontrolle. Diese beiden Säulen bilden ein sich gegenseitig verstärkendes System, das erst in seiner Kombination unentrinnbar wird. Die totale Überwachung wird als das allsehende Auge des Systems ermöglich: Es identifiziert Abweichung und Dissens im Moment ihres Entstehens. Die automatisierte Kontrolle ist die unfehlbare Hand: Sie greift auf Basis dieser Informationen ein und eliminiert die identifizierte „Bedrohung“ präzise und ohne Zögern. Erst diese perfekte Kopplung von Sensorik und Aktorik macht den totalitären Staat absolut und seine Macht unumkehrbar.

Die Werkzeuge der Überwachung: Das gläserne Panoptikum

Die Grundlage für diese totale Überwachung ist eine fundamentale Eigenschaft unserer modernen Welt, die der Cybersicherheitsexperte Bruce Schneier beschreibt: Überwachung ist kein aktiver Prozess mehr, sondern ein industrielles Nebenprodukt. Jede unserer digitalen Handlungen – jede Suchanfrage, jede Kartenzahlung, jede Bewegung unseres Smartphones – erzeugt einen ununterbrochenen Strom an Daten, einen „Daten-Abgasstrahl“. Ein totalitärer Staat muss seine Bürger nicht mehr aktiv bespitzeln. Die digitale Infrastruktur, die wir täglich nutzen, liefert die Daten von selbst. Die Aufgabe des Staates reduziert sich darauf, diesen bereits existierenden Datenstrom zu speichern, zu zentralisieren und mit KI-Systemen auszuwerten.

Der vollendete Überwachungsstaat entsteht nicht im luftleeren Raum; er wird auf einem Fundament errichtet, das von privaten Technologiekonzernen gebaut wird. Lange bevor der Staat die totale Kontrolle anstrebt, schaffen und normalisieren diese Konzerne die notwendige Infrastruktur für ihre eigenen kommerziellen Zwecke. Die riesigen Datenmengen, die für gezielte Werbung und Produktentwicklung gesammelt werden – von unseren Online-Suchen über unsere sozialen Interaktionen bis hin zu unseren Bewegungsprofilen –, sind dieselben Daten, die ein autoritäres Regime zur Überwachung benötigt. Diese Unternehmen perfektionieren die Algorithmen zur Verhaltensanalyse und Vorhersage. Der Staat muss die Werkzeuge der Überwachung also nicht von Grund auf neu erfinden; er muss sie lediglich von den privaten Architekten übernehmen, sie anordnen oder per Gesetz darauf zugreifen, was den späteren Übergang zur staatlichen Kontrolle beinahe nahtlos macht.

Der Weg in den unumkehrbaren Überwachungsstaat erfolgt dabei womöglich nicht als plötzlicher Sprung, sondern als schleichender Prozess, bei dem jede Stufe als logischer und sogar wünschenswerter Fortschritt erscheint. Die totale Überwachung wird nicht als solche eingeführt, sondern Stück für Stück unter dem Deckmantel von Sicherheit und Bequemlichkeit. „Predictive Policing„-Systeme, die Verbrechen vorhersagen sollen, normalisieren die Vorstellung, dass Menschen für Taten bestraft werden können, die sie noch nicht begangen haben. Bonitätssysteme, die unser Online-Verhalten zur Bewertung unserer Kreditwürdigkeit heranziehen, sind die Vorläufer eines allumfassenden „sozialen Betriebssystems“. Die Bürger bauen die Infrastruktur ihrer eigenen Unterwerfung aktiv mit, indem sie für personalisierte Dienste und reibungslose Abläufe freiwillig immer mehr Daten preisgeben. Jeder einzelne Schritt ist für sich genommen kaum alarmierend, doch in der Summe führen sie zu einem Zustand, in dem die Architektur der Kontrolle so allgegenwärtig und tief in der Gesellschaft verankert ist, dass eine Umkehr unmöglich wird.

Stellen Sie sich vor, die Gesellschaft läuft auf einer Art von sozialem Betriebssystem, bei dem jede Ihrer Handlungen eine Eingabe ist: ein Online-Kauf, ein „Like“, die Wahl Ihrer Freunde. Die KI berechnet in Echtzeit Ihren „System-Kompatibilitäts-Score“. Fällt dieser Score unter einen bestimmten Wert, werden Ihnen automatisch „Zugriffsrechte“ entzogen: Sie können keine Flugtickets mehr buchen, keinen Kredit aufnehmen oder bestimmte Berufe ausüben. Die Pointe ist: Macht wird nicht mehr durch Gesetze und Polizei ausgeübt, sondern durch die grundlegende Architektur der digitalen Gesellschaft. Konformität ist keine Entscheidung mehr, sondern eine Systemvoraussetzung.,

Der systemische Zwang zur Konformität realisiert eine alte Idee zur totalen Kontrolle – die Idee des gläsernen Panoptikums: Ein solches Panoptikum ist ein Gefängnisdesign mit einem zentralen Wachturm, von dem aus ein Wärter jede Zelle einsehen kann, ohne dass die Insassen wissen, ob sie gerade beobachtet werden. Sie müssen daher annehmen, dass sie es immer sind, was sie zur ständigen Selbstkontrolle zwingt. KI skaliert dieses Prinzip auf eine ganze Gesellschaft. Die Pointe ist: Die effektivste Kontrolle ist nicht Gewalt, sondern das allgegenwärtige Gefühl der Beobachtung, das Widerstand erstickt, bevor der Gedanke daran überhaupt aufkommen kann.

Die erdrückendste Wirkung dieses allgegenwärtigen Gefühls der Beobachtung entfaltet sich nicht erst durch aktive Bestrafung, sondern bereits auf einer psychologischen Ebene. Das permanente Gefühl, potenziell beobachtet zu werden, zwingt das Individuum in eine ständige präventive Selbstzensur. Kreativität, kritisches Denken und die Bereitschaft, Risiken einzugehen – die Grundpfeiler einer dynamischen Gesellschaft –, verkümmern, wenn jede Abweichung von der Norm als potenzielles Risiko für den eigenen „Kompatibilitäts-Score“ gewertet wird. Das soziale Gefüge selbst erodiert: Authentische menschliche Beziehungen werden erschwert, wenn man nie sicher sein kann, ob eine unbedachte Äußerung im privaten Kreis nicht doch ihren Weg ins System findet. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die von innen heraus erstarrt, weil der Gedanke an Widerstand bereits im Keim als systemwidrig und selbstzerstörerisch empfunden wird.

Die Datengrundlage eines solchen Systems beschränkt sich jedoch nicht auf digitales Verhalten. Die von Suleyman beschriebene Welle aus KI und synthetischer Biologie ermöglicht vielleicht schon bald den nächsten logischen Schritt: die genetische Überwachung. In einem solchen Staat könnte die Erhebung von DNA-Proben für alle Bürger – etwa unter dem Vorwand eines nationalen Gesundheitsprogramms – zur Pflicht werden. Eine KI könnte diese riesige Gendatenbank dann systematisch analysieren, um nicht nur nach Krankheitsrisiken, sondern auch nach angeblichen Veranlagungen für „abweichendes Verhalten“ oder mangelnde „System-Kompatibilität“ zu suchen. Das Panoptikum würde damit die letzte private Sphäre durchdringen: den menschlichen Körper selbst. Es würde nicht mehr nur unsere Handlungen bewerten, sondern unsere biologische Essenz.

Die gemeinsame technologische Grundlage all dieser Überwachungsmethoden ist die Fähigkeit moderner KI zum maschinellen Lernen, insbesondere zu dem, was man „Deep Learning“ nennt. Wie die Physikerin und KI-Forscherin Inga Strümke erläutert, wird diesen Systemen nicht mehr explizit einprogrammiert, wonach sie suchen sollen. Stattdessen werden sie mit gigantischen Datenmengen trainiert – Millionen von Bildern, Texten oder Gensequenzen – und lernen selbstständig, darin subtile Muster und Korrelationen zu erkennen, die für einen Menschen unsichtbar wären. Genau diese Fähigkeit, in einem unüberschaubaren Meer aus Daten das vermeintlich „abweichende“ Muster zu finden, ist der Motor des digitalen Panoptikums. Konkrete technologische Anwendungen dieser Fähigkeit sind beispielsweise die KI-gestützte Videoüberwachung in Echtzeit und die präzise KI-gestützte Lügendetektion.

KI-gestützte Videoüberwachung in Echtzeit bedeutet hierbei weit mehr als nur eine Ansammlung von Kameras. Sie basiert auf einem neuronalen Netzwerk, das die visuellen Datenströme von Millionen von Quellen – öffentliche CCTV-Kameras, private Sicherheitsanlagen, Drohnen und sogar die Kameras unserer Smartphones – in Echtzeit fusioniert und interpretiert. Eine solche KI ist in der Lage, Gesichter und Gangmuster zu erkennen, um Individuen über ganze Städte hinweg zu verfolgen. Sie kann Objekte identifizieren, verdächtige Verhaltensmuster erkennen (etwa das Übergeben eines Pakets oder ein Treffen bekannter Dissidenten) und sogar emotionale Zustände wie Nervosität oder Aggression aus der Mimik ableiten. Jede Person wird so zu einem Datenpunkt, dessen Position und Verhalten permanent protokolliert und analysiert wird.

Auch präzise KI-gestützte Lügendetektion geht weit über traditionelle Polygrafen hinaus. Statt auf simple physiologische Messungen zu vertrauen, analysiert eine KI in Echtzeit eine Vielzahl von kaum wahrnehmbaren Signalen. Während einer Befragung – die auch automatisiert über einen Bildschirm erfolgen kann – scannt das System die Mikromimik des Gesichts, also unwillkürliche Muskelzuckungen, die Emotionen verraten. Gleichzeitig analysiert es die Stimme auf minimale Veränderungen in Frequenz und Tonhöhe, die auf Stress hindeuten. Die Kombination dieser Datenpunkte ergibt ein so präzises Bild der emotionalen und kognitiven Reaktion einer Person, dass eine Lüge zu einem mathematisch quantifizierbaren Ereignis wird.

Doch wie der Sicherheitsexperte Bruce Schneier betont, ist Überwachung niemals ein Selbstzweck. Das eigentliche Ziel ist immer die Kontrolle. Die gewaltigen Datenmengen werden gesammelt, um daraus Vorhersagemodelle zu erstellen, die das Verhalten der Bürger berechenbar machen. Diese Modelle wiederum ermöglichen es dem Staat, gezielte Interventionen – von subtilen Anreizen („Nudging“) bis hin zu automatisierten Strafen – zu entwickeln, um dieses Verhalten in die gewünschte Richtung zu lenken. So entsteht eine sich selbst verstärkende Feedback-Schleife: Mehr Überwachung ermöglicht präzisere Kontrolle, und die Ausübung dieser Kontrolle generiert neue Daten, die die Überwachung noch lückenloser machen. Überwachung ohne Kontrolle ist nutzlos, und Kontrolle ohne Überwachung ist blind. Erst ihre untrennbare Verbindung schafft die Grundlage für den unumkehrbaren Staat.

Die Werkzeuge der Kontrolle: Der unumkehrbare Uhrwerk-Staat

Überwachung allein würde die Macht nicht für immer sichern. Die Unumkehrbarkeit entsteht erst durch die Automatisierung der Kontrolle. Dies lässt sich mit der Analogie des Uhrwerk-Staates beschreiben: Ein traditioneller Staat ist auf menschliche „Bauteile“ – Beamte, Soldaten – angewiesen, die eigene Interessen und wechselnde Loyalitäten haben. Sie können Befehle verweigern oder den Herrscher stürzen. Ein KI-Staat ist hingegen wie ein perfektes, unbarmherziges Uhrwerk. Jedes „Zahnrad“ (ein KI-Bürokrat, eine Polizeidrohne) funktioniert absolut loyal, denn es wurde genau dafür gebaut. Die Pointe ist: Der Staatsapparat wird zu einer von menschlicher Natur entkoppelten, sich selbst erhaltenden Maschine. Die Möglichkeit einer Revolution von innen, die auf der Illoyalität von Menschen beruht, wird eliminiert.

Diese Idee ist keine reine Theorie. Wie der Nuklearstratege Daniel Ellsberg beschreibt, hat die Menschheit bereits mit den Vorläufern eines solchen Systems experimentiert. Das sowjetische „Tote Hand“-System des Kalten Krieges war eine solche „Doomsday Machine“: ein automatisierter Apparat, der entwickelt wurde, um einen nuklearen Gegenschlag selbst dann auszuführen, wenn die menschliche Führung bereits ausgelöscht war. Die Logik war dieselbe wie die des Uhrwerk-Staates: Der unzuverlässige Faktor Mensch – mit seiner Fähigkeit zu zögern, Befehle zu verweigern oder schlicht nicht mehr zu existieren – wurde aus der Gleichung entfernt, um einen vorprogrammierten Ausgang zu garantieren. Ein KI-Staat wäre die Perfektionierung dieses Prinzips, angewandt nicht nur auf einen einzigen Vergeltungsschlag, sondern auf die totale, permanente Kontrolle der gesamten Gesellschaft

Die Motivation, einen solchen absolut kontrollierten „Uhrwerk-Staat“ zu errichten, muss nicht allein aus dem Streben nach tyrannischer Macht entspringen. In einem globalen, multipolaren Wettlauf mehrerer Staaten und Konzerne um künstliche Intelligenz entsteht eine strategische Zwangslage, die, wie der Politikwissenschaftler Allan Dafoe argumentiert, durch die fundamentale Intransparenz der KI-Forschung extrem verschärft wird. Anders als bei Atomwaffen, wo man die Anzahl der Sprengköpfe des Gegners schätzen kann, ist der wahre Fortschritt bei einem KI-Modell von außen kaum beurteilbar; ein Durchbruch könnte im Verborgenen stattfinden. Diese Unwissenheit zwingt alle Akteure in eine Logik des „Worst-Case-Szenarios“. Aus Furcht, ein Rivale mit potenziell feindseligen Werten könnte ihnen zuvorkommen, könnten sie zum Schluss kommen, dass die einzig sichere Option im präventiven Bau eines eigenen, kontrollierenden Singletons liegt. Der totalitäre Staat entstünde hier nicht aus reiner Bosheit, sondern aus der scheinbar rationalen Abwägung, das kleinere von zwei Übeln zu wählen.

Die Architektur der Unbesiegbarkeit

Dieser Mechanismus der „loyalen automatisierten Militärs und Bürokratien“ ist der Schlüssel zur Zementierung von Macht. Traditionell muss sich selbst ein Diktator auf eine menschliche Koalition verlassen, die ihn stürzen könnte. Wenn jedoch wichtige Staatsfunktionen von einer KI ausgeführt werden, die direkt an die Befehle des Diktators gebunden ist, entfällt dieses Risiko.

Die Unbesiegbarkeit eines solchen Staates beruht jedoch nicht nur auf der Loyalität seiner automatisierten Teile, sondern auf der kognitiven Überlegenheit seines Zentrums. James Barrat betont, dass eine fortgeschrittene KI nicht einfach nur ein schnellerer Rechner wäre, sondern eine Entität, die in der Lage ist, Strategien auf einer Ebene zu entwickeln, die für den menschlichen Verstand prinzipiell unverständlich sind. Jeder Versuch einer Rebellion wäre wie ein Schachspiel eines Amateurs gegen einen Großmeister, der zehntausend Züge im Voraus denkt. Die KI würde jeden Widerstandsplan nicht nur vorhersehen, sondern ihn subtil und unbemerkt so manipulieren, dass er von Anfang an den Zielen des Regimes dient. Die ultimative Kontrolle ist hier nicht die physische Unterdrückung, sondern die absolute strategische und intellektuelle Dominanz.

Diese intellektuelle Dominanz würde sich auch in der digitalen Architektur des Staates manifestieren. Ein von einer Superintelligenz entworfenes Kontrollsystem wäre, wie KI-Sicherheitsexperten wie Roman Yampolskiy argumentieren, eine Art unknackbare digitale Festung. Die Verschlüsselungsmethoden, die Netzwerkprotokolle und die Hardware selbst wären auf einer Komplexitätsebene entworfen, die für den menschlichen Verstand nicht mehr durchdringbar ist. Jeder Versuch einer Cyber-Rebellion, eines Hacks oder der Organisation von Widerstand über digitale Kanäle wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die KI würde nicht nur die Pläne der Rebellen voraussehen, sie hätte bereits ein digitales Immunsystem geschaffen, das jeden denkbaren Angriff abwehrt, bevor er überhaupt stattfinden kann.

Der finale Akt: Die ewige Machtübernahme

Der finale Übergang in den stabilen Totalitarismus, nach einem langen Prozess der schleichenden Erosion der Freiheit, vollzieht sich womöglich nicht durch einen langwierigen Bürgerkrieg, sondern durch einen schnellen, präzisen und KI-gestützten Staatsstreich. Eine kleine Gruppe könnte die Kontrolle über ein zentrales KI-System mit „singulärer Loyalität“ nutzen, um innerhalb von Stunden die entscheidenden Staatsfunktionen zu übernehmen. Automatisierte Einheiten isolieren illoyale menschliche Generäle, während das System die Kommunikation der Opposition unterbricht und die finanziellen Mittel von Rivalen einfriert. Ein solcher Staatsstreich wäre so schnell und effizient, dass die breite Masse der Bevölkerung erst von der vollendeten Machtübernahme erfährt, wenn sie bereits unumkehrbar ist.

Die ultimative Garantie für die Ewigkeit eines solchen Regimes wäre jedoch die Abschaffung des letzten unkontrollierbaren Faktors: des Todes des Herrschers selbst. Der Philosoph Anders Sandberg vom Future of Humanity Institute weist darauf hin, dass eine der ersten Aufgaben, die ein Diktator seiner Superintelligenz stellen würde, die Lösung des menschlichen Alterungsprozesses wäre. Durch fortschrittlichste Biotechnologie könnte eine kleine Elite oder sogar eine einzelne Person die eigene Sterblichkeit überwinden. Damit wäre die letzte Hoffnung auf Veränderung – das biologische Ende des Tyrannen – eliminiert. Der „Value Lock-in“ wäre nicht mehr nur ein Zustand der Software, sondern im unsterblichen Herrscher selbst biologisch verankert.
Ein solch unumkehrbarer Machtapparat sichert sich nicht nur politisch und militärisch, sondern auch auf der fundamentalen Ebene der Ökonomie ab.

Strategische und wirtschaftliche Machtkonzentration als Verstärker

Parallel zur politischen Machtkonzentration verändert eine fortgeschrittene KI auch die Fundamente dessen, was geopolitische Macht ausmacht. Wie Denker im Umfeld von Allan Dafoe analysieren, findet eine Verschiebung statt: Weg von traditioneller, industrieller Macht, die auf der Kontrolle von Fabriken und Rohstoffen beruhte, hin zu einer informationellen Macht, die auf der Kontrolle von Daten und Vorhersagemodellen basiert. Der Besitz der besten KI ist nicht nur ein weiterer wirtschaftlicher Vorteil; es bringt die totale Kontrolle über die „Produktionsmittel“ für Strategien, Erfindungen und Einflussnahme selbst. Der unumkehrbare Überwachungsstaat wäre damit nicht nur die Zementierung einer politischen Ideologie, sondern die Monopolisierung dieser neuen, fundamentalen Quelle von Macht.

Diese Monopolisierung der Macht manifestiert sich bereits heute in konkreten ökonomischen Mechanismen. Wenn durch Automatisierung der Anteil der Arbeit [am Einkommen] erheblich schrumpft, fließt das Einkommen überproportional an die Eigentümer von Kapital und Land, was zu extremer Vermögensungleichheit führt. Zusätzlich ermöglicht KI einen extremen „First Mover“-Vorteil. Die Unternehmen oder Staaten, die bei der KI-Entwicklung führend sind, können diesen Vorteil in eine permanente Dominanz umwandeln. Sie können kritische Ressourcen sichern, die Gesetzgebung zu ihren Gunsten formen und so Wettbewerbsbarrieren schaffen, die so erheblich sind, dass ein Aufholen praktisch unmöglich wird. Wer die KI kontrolliert, kontrolliert die Produktionsmittel der Zukunft und kann so seine wirtschaftliche und politische Macht für immer absichern.

Man könnte einwenden, dass eine Welt unter einem stabilen, totalitären Regime, so schrecklich sie auch sein mag, immer noch besser ist als die vollständige Auslöschung der Menschheit. Doch diese Abwägung ist trügerisch. Ein solcher Zustand wäre nicht einfach nur eine weitere dunkle Epoche in der menschlichen Geschichte; er wäre das Ende der Geschichte selbst. Wie die Analyse von Risiken eines stabilen Totalitarismus zeigt, würde ein solcher Staat durch einen permanenten „Value Lock-in“ – das unumkehrbare Festschreiben der herrschenden Ideologie – nicht nur Freiheit und Glück für alle zukünftigen Generationen auslöschen, sondern auch jede Möglichkeit auf eine bessere Zukunft. Holden Karnofsky argumentiert, dass wir uns genau deshalb im „wichtigsten Jahrhundert“ der Menschheitsgeschichte befinden könnten: weil die Entscheidungen unserer Generation darüber, welche Werte „eingefroren“ werden, die Weichen für potenziell Milliarden von zukünftigen Leben stellen. Menschliches Potenzial, Kreativität, wissenschaftlicher Fortschritt und die Suche nach Sinn würden für immer in einem Zustand erstickt, der durch erzwungene Konformität und ständige Angst definiert ist. Es wäre ein Universum, in dem Milliarden über Milliarden von Menschen in eine Existenz endlosen, sinnlosen Leidens gesperrt sind, ohne die geringste Hoffnung auf Veränderung oder Befreiung. Eine solche Zukunft, in der das Menschsein seiner Essenz beraubt ist, stellt eine Form von existenzieller Katastrophe dar, die in ihrer Trostlosigkeit mit der physischen Auslöschung konkurriert – oder sie sogar übertrifft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert