2) Unsichtbare Wege: Das Expositionsrisiko

Pestizide sind ein fester Bestandteil der modernen Landwirtschaft, doch ihre Reise endet nicht am Feldrand. Sie finden ihren Weg in unsere Umwelt, unsere Nahrung und letztlich auch in unseren Körper. Doch wie genau gelangen sie dorthin und welche Risiken sind damit verbunden? Die Antwort auf diese Fragen fällt unterschiedlich aus, je nachdem, welchen Teil der Bevölkerung wir in den Blick nehmen. Es lassen sich drei Hauptrisikogruppen mit unterschiedlichen Expositionsprofilen unterscheiden:

  • Die städtische Allgemeinbevölkerung: Für sie erfolgt der Kontakt mit Pestiziden hauptsächlich indirekt über die Nahrung.
  • Die ländlichen Anwohner: Sie sind zusätzlich zur Nahrungsaufnahme der Abdrift aus der Luft und dem Kontakt mit kontaminierten Oberflächen ausgesetzt.
  • Die beruflichen Anwender (Landwirte): Sie tragen das höchste Gesamtrisiko, da sie den Pestiziden bei der Handhabung und Ausbringung direkt und in hohen Konzentrationen ausgesetzt sind.

Für jede dieser Gruppen werden drei Hauptwege untersucht, auf denen Pestizide in den Körper gelangen können: die orale Aufnahme über Nahrung und Wasser, die inhalative Aufnahme über die Atemluft und die dermale Aufnahme über die Haut. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem geografischen Vergleich zwischen der hochregulierten Europäischen Union – insbesondere der DACH-Region – und der globalen Lage. Während die EU über ein engmaschiges Kontrollsystem verfügt, das auf dem Vorsorgeprinzip basiert, ist die Situation in vielen anderen Teilen der Welt durch schwache Regulierung und den Einsatz hochgefährlicher Substanzen gekennzeichnet.

Teil 1: Orale Aufnahme – Der tägliche Cocktail auf dem Teller

Für die große Mehrheit der Menschen, insbesondere in städtischen Gebieten ohne direkten Kontakt zur Landwirtschaft, stellt die orale Aufnahme über Rückstände in Lebensmitteln und Trinkwasser den relevantesten Expositionspfad dar. Es handelt sich hierbei typischerweise um eine chronische Belastung, bei der über lange Zeiträume geringe Dosen verschiedener Pestizide aufgenommen werden.

Das regulatorische Sicherheitsnetz der EU

In Europa existiert eines der engmaschigsten Kontrollsysteme der Welt, das die Exposition über Nahrung und Trinkwasser gering halten soll. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sammelt und bewertet Daten aus allen Mitgliedsstaaten. Auf nationaler Ebene koordinieren Behörden wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Deutschland oder die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Österreich die Überwachung. Dabei werden nicht nur Obst, Gemüse und Getreideprodukte kontrolliert, sondern auch tierische Produkte, da sich Pestizide aus kontaminiertem Futter im Fettgewebe, in der Milch oder in Eiern anreichern können.

Die Bewertung der Sicherheit stützt sich auf mehrere Schlüsselkonzepte:

  • Rückstandshöchstgehalt (RHG) bzw. Maximum Residue Level (MRL): Dies ist die gesetzlich zulässige Höchstmenge eines Pestizids in einem Lebensmittel. Entscheidend ist, dass der MRL primär ein Handelsstandard ist, der auf der „Guten Agrarpraxis“ (GAP) basiert. Er repräsentiert die Rückstandsmenge, die bei korrekter Anwendung zu erwarten ist, und ist somit kein rein toxikologisch definierter Grenzwert, sondern das Ergebnis eines agronomischen und politischen Prozesses.
  • Akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI): Im Gegensatz zum MRL ist dies ein rein toxikologischer Referenzwert. Er definiert die Menge einer Substanz, die ein Mensch täglich und lebenslang ohne erkennbares Gesundheitsrisiko aufnehmen kann.
  • Akute Referenzdosis (ARfD): Für Stoffe, die schon bei einmaliger Aufnahme schädlich sein können, gibt dieser Wert die Menge an, die innerhalb von 24 Stunden ohne erkennbares Risiko aufgenommen werden kann.

Das offizielle Bild: Hohe Konformität und die Tücke der Herkunft

Die Berichte von EFSA und nationalen Behörden zeichnen ein Bild hoher Lebensmittelsicherheit. Das EU-koordinierte Kontrollprogramm (EU MACP) fand, dass 98,0 % der Proben innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte lagen. Nationale, risikobasierte Programme (MANCP) kamen auf eine Konformitätsrate von 96,3 %.

Diese Zahlen verdecken jedoch eine entscheidende Variable: die Herkunft der Lebensmittel. Der deutsche Bericht für 2023 zeigt dramatische Unterschiede bei der Überschreitungsquote:

  • Erzeugnisse aus Deutschland: 1,0 % 
  • Erzeugnisse aus anderen EU-Staaten: 1,3 % 
  • Erzeugnisse aus Nicht-EU-Ländern: 8,5 % 

Die Kehrseite: „Legal ist nicht unbelastet“

Die hohe Konformitätsrate, zumindest bei lokal produzierten Lebensmitteln, verhindert zwar akute Vergiftungen, doch „legal“ bedeutet nicht „harmlos“ oder „unbelastet“. Denn während MRLs selten überschritten werden, enthalten die meisten konventionell erzeugten Lebensmittel messbare Rückstände. Der BVL-Bericht für 2023 zeigt: Nur 35,8% der Proben aus konventionellem Anbau waren rückstandsfrei. Im Umkehrschluss wiesen 64,2% der konventionellen Lebensmittel eine messbare Pestizidbelastung auf. Im Kontrast dazu waren bei Bio-Produkten 71,9 % der Proben unbelastet.

Die größte Herausforderung: Pestizid-Cocktails

Die größte wissenschaftliche und regulatorische Herausforderung dabei sind Mehrfachrückstände. Moderne Landwirtschaft setzt eine Abfolge verschiedener Wirkstoffe ein, weshalb viele Lebensmittel nicht nur einen, sondern eine ganze Palette von Rückständen aufweisen. Laut BVL wurde bei „gut einem Drittel aller untersuchten Proben“ mehr als ein Wirkstoff nachgewiesen. Bei behandlungsintensiven Obstsorten wie Kirschen, Tafeltrauben oder Erdbeeren wiesen sogar „mindestens drei Viertel der Proben Mehrfachrückstände auf“.

Diese Realität steht im scharfen Kontrast zur regulatorischen Praxis, die fast ausschließlich auf der Bewertung von Einzelsubstanzen basiert und mögliche Wechselwirkungen ignoriert. Man unterscheidet dabei zwischen:

  • Kumulativen Effekten: Stoffe mit gleichem Wirkmechanismus addieren sich in ihrer Wirkung.
  • Synergistischen Effekten: Die kombinierte Wirkung ist größer als die Summe der Einzelwirkungen, etwa wenn ein Stoff den Abbau eines anderen blockiert.

Die EFSA hat dieses Problem erkannt und arbeitet an sogenannten „Cumulative Assessment Groups“ (CAGs), um Pestizide mit Wirkung auf dieselben Organe gemeinsam zu bewerten. Dieser Prozess ist jedoch extrem langsam und eine Anwendung steht immer noch aus.

Expositionspfad Trinkwasser: Ein Blick ins chemische Gedächtnis

Neben der Nahrung ist Trinkwasser ein weiterer wichtiger oraler Expositionspfad. Zunächst die gute Nachricht: Das aufbereitete Trinkwasser in der DACH-Region ist von exzellenter Qualität und hält strengste Grenzwerte ein. Jedoch zeigt sich im Rohwasser, insbesondere im Grundwasser, ein anderes Bild. Dieses fungiert als eine Art „chemisches Gedächtnis“ der Landwirtschaft. Hier sind es weniger die aktuell eingesetzten Pestizide, sondern vor allem langlebige Abbauprodukte (Metaboliten) von Stoffen, die längst verboten sind. Ein Paradebeispiel ist das Herbizid Atrazin, das in Deutschland bereits 1991 verboten wurde. Seine Metaboliten gehören laut dem deutschen Umweltbundesamt auch heute noch zu den am häufigsten und in den höchsten Konzentrationen nachgewiesenen Pestizid-Substanzen im Grundwasser. Diese Altlasten zeigen, dass die „Sünden“ der Vergangenheit noch Jahrzehnte nachwirken und eine ständige Herausforderung für die Wasserversorger darstellen.

Teil 2: Inhalative Aufnahme – Die unterschätzte Gefahr aus der Luft

Während Lebensmittel intensiv kontrolliert werden, bewegt sich die Pestizidexposition über die Atemluft in einer regulatorischen Grauzone. Der Mechanismus der Abdrift, bei dem feine Tröpfchen vom Wind über weite Strecken transportiert werden, betrifft vor allem ländliche Anwohner. Im Gegensatz zu präzisen Grenzwerten für Lebensmittel gibt es keine verbindlichen, EU-weiten Immissionsgrenzwerte für Pestizide in der Umgebungsluft. Studien aus dem DACH-Raum belegen die reale Gefahr:

  1. Evidenz für weitreichende Verfrachtung: Eine Studie der BOKU Wien wies insgesamt 67 verschiedene Pestizide in der Luft nach. Besonders brisant war der Fund von bis zu 33 verschiedenen Pestiziden in der Luft von Nationalparks, was beweist, dass die Stoffe nicht am Ausbringungsort verbleiben.
  2. Evidenz für die Kontamination von Innenräumen: Eine von NGOs koordinierte Citizen-Science-Studie („Pestizide im Schlafzimmer“) analysierte Hausstaubproben aus ländlichen Gebieten in 21 EU-Ländern. Die Proben waren im Schnitt mit acht verschiedenen Pestiziden belastet; der Höchstwert lag bei 23 Wirkstoffen in einer einzigen Probe. Dies beweist, dass die Abdrift zu einer dauerhaften Kontamination des unmittelbaren Lebensumfelds führt.
  3. Evidenz für akute gesundheitliche Beschwerden: PAN Germany dokumentiert in seinem Bericht „Giftiger Dunst“ (2024) über 200 Abdrift-Vorfälle. Mehr als 70 % der Betroffenen berichteten über akute Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemnot und Hautreizungen unmittelbar nach einem Spritzereignis.
  4. Evidenz für gesundheitliche Auswirkungen bei Kindern: Die Schweizer PARVAL-Studie liefert den vielleicht stärksten Beweis. Sie untersuchte Grundschulkinder, die in der Nähe von Wein- und Obstanbauflächen leben. Mittels Silikonarmbändern und Urinproben wurde eine Exposition von durchschnittlich 14 Pestiziden pro Kind nachgewiesen. Die Studie konnte einen statistischen Zusammenhang zwischen der Pestizidexposition und einer Verschlechterung der Lungenfunktion sowie einer Zunahme von Atemwegssymptomen herstellen.

Diese Befunde zeigen, dass die inhalative Exposition ein realer und signifikanter Risikopfad ist, der in der EU-Regulierung noch ein Schattendasein führt.

Teil 3: Dermale Aufnahme und die globale Vergiftungskrise

Während die Aufnahme über die Haut (dermal) für die Allgemeinbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt, stellt sie für berufliche Anwender den vielleicht gefährlichsten Expositionspfad dar. Viele Pestizidformulierungen können die menschliche Hautbarriere sehr effektiv überwinden.

Arbeitsschutz in der EU vs. globale Realität

In der EU wird dieses Risiko als Arbeitsschutzproblem behandelt und durch Vorschriften zur Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) und Wiedereintrittsintervalle (REI) reguliert. Risikophasen sind das Mischen hochkonzentrierter Produkte, die Ausbringung und Nachfolgearbeiten auf behandelten Flächen.

Verlässt man die EU, ändert sich das Bild dramatisch. Die schwache Regulierung im globalen Süden führt zu einer globalen Gesundheitskrise. Eine wegweisende Studie in BMC Public Health (2020) belegte, dass jährlich rund 385 Millionen Menschen eine akute Pestizidvergiftung erleiden. Das bedeutet, dass etwa 44 % aller weltweit in der Landwirtschaft tätigen Menschen jedes Jahr betroffen sind. Die höchste nationale Inzidenz wurde in Burkina Faso festgestellt, wo fast 84 % der Landarbeiter jährlich betroffen sind. Die Studie schätzt die Zahl der jährlichen Todesfälle auf rund 11.000, wovon fast 60 % allein auf Indien entfallen.

Die Hauptursache ist die ungeschützte dermale Exposition. Landarbeiter kommen mit bloßen Händen und in Alltagskleidung in Kontakt mit hochtoxischen Substanzen, weil Schutzausrüstung nicht verfügbar, zu teuer oder für das Klima ungeeignet ist. Hinzu kommt die Sekundärkontamination, bei der Familienmitglieder durch kontaminierte Arbeitskleidung ebenfalls exponiert werden.

Der „Gift-Kreislauf“: Wie die EU das Problem externalisiert und re-importiert

Ein zentraler Mechanismus, der diese globale Ungleichheit aufrechterhält, ist der sogenannte „Gift-Kreislauf“. Dieser funktioniert wie folgt:

  1. Ein Pestizid wird in der EU aufgrund von Gesundheitsrisiken verboten.
  2. Europäische Konzerne dürfen es jedoch weiterhin legal produzieren und in Länder mit schwächeren Vorschriften exportieren.
  3. Dort wird es ohne Schutzmaßnahmen eingesetzt und kontaminiert Arbeiter und Umwelt.
  4. Die Substanz verbleibt als Rückstand auf Exportgütern wie Obst oder Kaffee.
  5. Diese kontaminierten Produkte werden zurück in die EU importiert.

Zahlreiche Berichte von NGOs wie Public Eye und Greenpeace haben diesen Kreislauf dokumentiert. Die offiziellen Daten des BVL liefern die indirekte Bestätigung: Die fast achtmal höhere Rate an Grenzwertüberschreitungen bei Lebensmitteln aus Nicht-EU-Ländern (8,5 %) im Vergleich zu deutscher Ware (1,0 %) ist der statistische Fingerabdruck dieses Problems. Das strenge EU-System externalisiert die Risiken somit auf die schwächsten Glieder der globalen Lebensmittelkette, nur um sie dann in abgeschwächter Form wieder zu re-importieren.

Fazit: Ein gestaffeltes und global ungerechtes Risiko

Die Evidenz zeichnet ein klares, gestaffeltes Risikoprofil:

  • Die Allgemeinbevölkerung ist primär der chronischen Aufnahme niedrig dosierter Pestizid-Cocktails über die Nahrung ausgesetzt.
  • Ländliche Anwohner tragen ein höheres Gesamtrisiko, da zu dieser oralen Belastung die kaum regulierte inhalative Exposition durch Abdrift hinzukommt.
  • Berufliche Anwender tragen das höchste Risiko durch direkten Hautkontakt und Inhalation, was in der EU ein managebares Arbeitsschutzproblem ist, im globalen Süden aber zu einer Vergiftungsepidemie führt.

Das EU-System bietet einen hohen Schutz vor akuten Risiken durch Lebensmittel, hat aber systemische Schwächen bei der Bewertung von Mischeffekten und der Kontrolle der Luftbelastung. Auf globaler Ebene ist das Pestizidproblem eine Katastrophe, die aus der Verflechtung von Armut, mangelnder Bildung und den ökonomischen Interessen der Agrarchemieindustrie resultiert. Eine nachhaltige Lösung erfordert daher nicht nur strengere nationale Vorschriften, sondern eine global-ethische Strategie, die die Doppelstandards im Handel mit gefährlichen Substanzen beendet.

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