3) Der Fußabdruck: Wie Pestizide in uns nachweisbar sind

Die Reise der Pestizide endet nicht am Feldrand – sie führt direkt in unseren Körper. Die Frage ist längst nicht mehr, ob wir Pestiziden ausgesetzt sind, sondern nur noch, welchen, wie vielen und in welcher Kombination. Um das Ausmaß dieser Belastung zu ermitteln, setzt die Wissenschaft das Human-Biomonitoring (HBM) ein. Es analysiert Körperflüssigkeiten und Gewebe, um die tatsächlich aufgenommene Schadstofffracht nachzuweisen. Das HBM macht die unsichtbare innere Belastung sichtbar und zeigt, was von den von außen kommenden Stoffen wirklich in uns ankommt und verbleibt.

Teil 1: Die „Messstationen“ des Körpers

Keine einzelne Messstation erzählt die ganze Geschichte. Erst die Kombination der Analysen liefert ein vollständiges Bild.

  • Urin – Die Momentaufnahme: Der Urin ist die wichtigste Messstation für die kurzfristige Belastung. Wasserlösliche Stoffe werden über die Nieren gefiltert und innerhalb weniger Stunden oder Tage ausgeschieden. Man findet hier daher nicht die ursprünglichen Pestizide, sondern ihre Abbauprodukte (Metabolite), die beweisen, dass der Körper einen Stoff aufgenommen und verarbeitet hat. Eine Urinprobe liefert somit eine Momentaufnahme der Belastung der letzten 24 bis 72 Stunden, die vor allem die Aufnahme über die Nahrung widerspiegelt.
  • Blut – Das Langzeitarchiv: Die Blutanalyse ist das Fenster in das Langzeitarchiv des Körpers. Hier werden fettlösliche (lipophile) und sehr langlebige (persistente) Pestizide sichtbar, die der Körper nicht schnell loswird. Sie lagern sich über Jahre im Fettgewebe an und zirkulieren beständig in geringen Mengen im Blut. Gemessen werden hier „Klassiker“ wie DDE (der Hauptmetabolit von DDT) und Hexachlorbenzol (HCB). Eine spanische Studie fand DDE in 100 % der Probanden und HCB in 73 %, was eine allgegenwärtige Belastung Jahrzehnte nach deren Verbot belegt.
  • Nabelschnurblut – Das Erbe vor dem ersten Atemzug: Die Analyse von Nabelschnurblut macht die Belastung eines ungeborenen Kindes direkt zum Zeitpunkt der Geburt sichtbar. Lange galt die Plazenta als schützende Barriere, doch das ist widerlegt: Eine wegweisende US-Studie wies durchschnittlich 200 Industriechemikalien und Schadstoffe, darunter 21 Organochlorpestizide, im Nabelschnurblut von Neugeborenen nach. Diese Messung ist der unwiderlegbare Beweis für die vorgeburtliche Schadstoffexposition und zeigt, welcher chemischen Grundbelastung ein Kind bereits in der verletzlichsten Phase seiner Entwicklung ausgesetzt ist.
  • Muttermilch – Die Weitergabe an den Säugling: Ähnlich dem Nabelschnurblut ist die Muttermilch ein Indikator für die Schadstoff-Weitergabe von der Mutter zum Kind. Fettlösliche Stoffe, die sich über Jahre im Körperfett der Mutter angesammelt haben, werden bei der Milchbildung mobilisiert und gehen in das Milchfett über. Eine Studie an belgischen Müttern aus dem Jahr 2024 fand weiterhin universell Altlasten wie DDT und HCB. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass nach überwiegender wissenschaftlicher Meinung der gesundheitliche Nutzen des Stillens die Risiken durch diese Belastung überwiegt.
  • Weitere Archive (Fettgewebe, Haare): Das Fettgewebe ist das eigentliche Endlager, der stabilste Speicherort für langlebige Pestizide. Haare und Nägel wiederum funktionieren wie die Baumringe des Körpers: Sie zeichnen die Belastung chronologisch über Monate auf. Eine Haaranalyse von PAN Europe wies 47 verschiedene Pestizide nach und zeigte so das umfassende Bild der chronischen Exposition.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Urinanalyse enthüllt das tägliche „Rauschen“ der ernährungsbedingten Belastung, das Blut zeigt das persistente „Grundrauschen“ der Altlasten, und das Haar liefert die langfristige „Symphonie“ der chronischen Exposition aus allen Quellen.

Teil 2: Was wir finden – Langlebiges Erbe und alltägliche Flut

Die Befunde aus dem HBM lassen sich in zwei Gruppen teilen: das langlebige chemische Erbe und die Flut moderner, kurzlebigerer Substanzen.

1. Das persistente Erbe – Die „Klassiker“ (POPs)

Die erste Gruppe sind persistente organische Schadstoffe (POPs), allen voran Organochlorpestizide wie DDT und HCB. Ihre Eigenschaften: Sie sind extrem langlebig (persistent), reichern sich im Fettgewebe an (fettlöslich) und haben ein hohes chronisches Schädigungspotenzial (Toxizität). Obwohl in Europa seit Jahrzehnten verboten, bilden sie bis heute das „Grundrauschen“ der Belastung in jedem von uns. Sie sind im Blut, in der Muttermilch und im Fettgewebe aller Menschen nachweisbar.

Dieses Erbe ist keine statische Altlast. Ein besorgniserregender Faktor ist die Reaktivierung durch den Klimawandel: Schmelzende Gletscher und tauender Permafrost setzen riesige Mengen an Pestiziden frei, die dort seit Jahrzehnten gebunden waren. Eine Studie in den Schweizer Alpen zeigte, dass der Eintrag von DDT mit der beschleunigten Gletscherschmelze wieder stark anstieg. Diese „Zombie“-Chemikalien gelangen zurück in die globalen Kreisläufe und befeuern das Problem aufs Neue.

2. Die alltägliche Flut – Die „Modernen“

Im Gegensatz zu den POPs steht die tägliche Belastung durch moderne, nicht-persistente Pestizide. Sie sind meist wasserlöslich, werden schnell abgebaut und reichern sich kaum an. Ihre Hauptquelle für die Allgemeinbevölkerung ist die Nahrung. Die wichtigsten Klassen sind:

  • Herbizide (z.B. Glyphosat): Als weltweit meisteingesetzte Pestizidklasse sind Herbizide weit verbreitet. Die Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit (GerES V) fand Glyphosat im Urin von 52 % der Kinder und Jugendlichen. Die Konzentrationen sind meist niedrig, aber die Verbreitung zeigt eine konstante Exposition. In Ländern mit hohem Anbau glyphosatresistenter Pflanzen ist die Belastung ungleich höher.
  • Organophosphate (Insektizide): Diese starken Nervengifte sind eine der am häufigsten nachgewiesenen Klassen. Die Initiative HBM4EU fand Biomarker für das Organophosphat Chlorpyrifos in über 90 % der Proben von Kindern und Erwachsenen in Europa. Diese Daten trugen maßgeblich dazu bei, dass Chlorpyrifos 2020 wegen seiner neurotoxischen Wirkung auf Kinder EU-weit verboten wurde.
  • Pyrethroide (Insektizide): Sie sind heute die am häufigsten eingesetzten Insektizide in Landwirtschaft und Haushalt. Auch hier fand die HBM4EU-Studie eine Belastung in über 90 % der Proben. Die gemessenen Werte, insbesondere bei Kindern, deuten auf ein potenzielles Risiko für Verhaltensstörungen wie ADHS hin.
  • Neonicotinoide (Insektizide): Obwohl ihre Anwendung im Freiland wegen des Bienensterbens in der EU stark eingeschränkt wurde, besteht die Exposition fort. Eine irische Studie von 2024 wies sie in 76 % der Urinproben nach, vermutlich durch Importlebensmittel oder Trinkwasser.

Teil 3: Der Pestizid-Cocktail – Mehr als die Summe seiner Teile

Das eigentliche Problem ist nicht die Belastung mit einem einzelnen Stoff, sondern der permanente, niedrig dosierte, aber hochkomplexe Pestizid-Cocktail, den jeder Mensch in sich trägt.

Die erdrückende Evidenz hierfür lieferte die großangelegte HBM4EU-Studie. Die Kernbotschaft der Europäischen Umweltagentur lautet:

Bei 84 % der untersuchten Europäer wurden Rückstände von zwei oder mehr Pestiziden gleichzeitig gefunden. In einer einzigen Urinprobe finden sich regelmäßig Metabolite von Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden nebeneinander. Zu diesem täglichen Mix gesellt sich das über Jahrzehnte im Fettgewebe angesammelte „Grundrauschen“ der langlebigen POPs.

Diese Realität des Chemie-Cocktails stellt die Regulierung vor eine immense Herausforderung. Die Zulassung und Grenzwerte für Pestizide basieren fast ausnahmslos auf der Bewertung von Einzelsubstanzen. Mögliche Wechselwirkungen werden ignoriert:

  • Additive Effekte: Mehrere Stoffe mit ähnlicher Wirkung können sich aufsummieren.
  • Synergistische Effekte: Stoffe verstärken sich gegenseitig, sodass ihre kombinierte Wirkung die Summe der Einzeleffekte um ein Vielfaches übersteigt.

Das aktuelle System hat somit einen massiven blinden Fleck: Es managt ein Problem (Einzelstoffexposition), das in der realen Welt nicht existiert, während es das tatsächliche Problem (universelle Mischexposition) nicht angemessen adressiert. Behörden anerkennen dieses Versäumnis. Als Lösung wird ein Mischungsbewertungsfaktor (Mixture Assessment Factor, MAF) diskutiert, der als zusätzlicher Sicherheitsfaktor die unbekannten Risiken von Mischungen berücksichtigen soll.

Bis dieser Ansatz umgesetzt ist, bleibt die Belastung durch Pestizid-Cocktails eine risikoreiche Realität. Doch die komplexe europäische Situation beschreibt nur die Spitze des Eisbergs: Außerhalb Europas ist die Belastung oft nicht nur um ein Vielfaches höher, sondern ihre Zusammensetzung aufgrund von hier längst verbotenen Substanzen auch weitaus toxischer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert