5) Pestizide und Krebs

Die vorangegangenen Artikel dieser Serie haben zwei grundlegende Fakten etabliert: Wir sind dem Kontakt mit Pestiziden über Nahrung, Wasser und Luft flächendeckend ausgesetzt , und diese Substanzen sind nicht nur in der Umwelt, sondern auch in unseren Körpern nachweisbar. Human-Biomonitoring-Studien finden ihre Spuren in Blut, Urin und sogar im Nabelschnurblut Neugeborener.

Diese Feststellung ist die Basis für die nun entscheidende Frage: Sind diese nachgewiesenen Chemikalien nur harmlose Rückstände oder aktive Saboteure unserer Gesundheit? Nachdem wir im letzten Artikel den Angriff auf unser empfindliches Hormonsystem untersucht haben, wenden wir uns nun einer der am meisten gefürchteten Folgen der Pestizid-Exposition zu: der Entstehung von Krebs. Wir folgen erneut der Dramaturgie einer forensischen Tätersuche und bauen eine lückenlose Indizienkette auf – von den verdächtigen Wirkstoffen bis zu den konkreten Schäden. Doch zunächst wollen wir versuchen, wie zu verstehen auf welche Weise Pestizide die Entstehung von Krebs in unserem Körper auslösen können.

Schädigung des Erbguts und Krebsentstehung

(1) Das System: Der Bauplan des Lebens

Stellen wir uns vor, dass sich in jeder einzelnen unserer Billionen Körperzellen eine Bibliothek befindet. In dieser Bibliothek gibt es nur ein einziges, aber dafür unglaublich langes und komplexes Buch: die DNA. Dieses Buch enthält unseren vollständigen Bauplan. Jede Seite, jedes Kapitel, jeder Satz enthält die exakten Anweisungen für den Bau und Betrieb unseres Körpers – von der Farbe unserer Augen über die Funktion unserer Leber bis hin zum exakten Zeitpunkt, an dem eine Zelle sich teilen oder sterben soll.

Damit unser Körper wachsen und sich reparieren kann, müssen sich Zellen teilen. Bevor das geschieht, muss der gesamte Bauplan fehlerfrei kopiert werden. Dafür hat die Zelle hochpräzise Kopiermaschinen und ein Team von peniblen Inspektoren. Diese lesen die Kopie Korrektur, spüren kleinste Tippfehler auf und reparieren sie sofort. Sollte der Bauplan einmal so stark beschädigt werden, dass eine Reparatur unmöglich ist, gibt es einen letzten Notfallmechanismus: Die Zelle erhält den Befehl zur Selbstzerstörung. Dieses zelluläre Harakiri, genannt Apoptose, ist ein fundamentaler Schutzmechanismus. Er stellt sicher, dass keine Zelle mit einem fehlerhaften Bauplan überlebt und zur Gefahr für den gesamten Organismus wird.

(2) Die Störung: Angriff auf den Bauplan

Pestizide können dieses System der Ordnung und Kontrolle wie Vandalen stören, die in die Bibliothek des Lebens einbrechen. Ihre Zerstörungswut lässt sich in drei Stufen unterteilen, die die oft missverstandenen Begriffe Genotoxizität, Mutagenität und Karzinogenität verständlich machen:

  • Genotoxizität – Der Akt des Vandalismus: Ein Stoff ist genotoxisch, wenn er die Fähigkeit hat, den Bauplan zu beschädigen. Er ist der Vandale, der Kaffee über die Seiten schüttet, das Papier einreißt oder Sätze unleserlich macht. Dieser Schaden kann oft noch vom Reparaturteam der Zelle behoben werden. Genotoxizität ist also zunächst nur die Fähigkeit zur Zerstörung.
  • Mutagenität – Die permanente Fälschung: Ein Stoff ist mutagen, wenn der angerichtete Schaden nicht repariert wird oder falsch repariert wird und so zu einer permanenten Veränderung im Bauplan führt. Der verschüttete Kaffee wird nicht weggewischt, sondern trocknet und wird zu einem festen Bestandteil der Seite. Der Bauplan ist nun dauerhaft verfälscht – eine Mutation ist entstanden. Jedes Mal, wenn diese Zelle sich fortan teilt, wird sie diese Fälschung mitkopieren und an ihre Tochterzellen weitergeben.
  • Karzinogenität – Die Katastrophe: Ein Stoff ist karzinogen (krebserregend), wenn er die Katastrophe auslöst. Das passiert, wenn die permanente Mutation eine ganz bestimmte Stelle im Bauplan trifft: die Kapitel, die das Zellwachstum steuern. Der Vandale hat nicht nur irgendeine Seite beschädigt, er hat die Anweisungen „Wann du dich teilen sollst“ und vor allem „Wann du sterben sollst“ umgeschrieben. Die Anweisung zur Selbstzerstörung bei schweren Schäden wird gelöscht. Aus der normalen Zelle wird eine unsterbliche „Zombie-Zelle“, die nur noch einen einzigen, manisch befolgten Befehl kennt: Teilen. Endlos. Unkontrolliert. Sie wird zum Ursprung eines Tumors.

(3) Die Krankheit: Der Krieg im eigenen Körper

Krebs ist nicht einfach nur eine Krankheit. Krebs ist der ultimative Verrat des eigenen Körpers an sich selbst, ein Bürgerkrieg auf zellulärer Ebene. Es beginnt mit einem Gefühl der Entfremdung, dem unheimlichen Wissen, dass etwas in einem wächst, das nicht dorthin gehört. Begleitet wird dies von einer zermürbenden Erschöpfung, weil der Tumor alle Energie für sein wahnwitziges Wachstum beansprucht. Wird der Krebs erkannt, folgt die Behandlung: ein Befreiungskampf, der abermals mit Gift geführt wird und verbrannte Erde hinterlässt. Die Chemotherapie versucht, die Amok laufenden Zellen zu vergiften, in der Hoffnung, dass sie rascher als die gesunden Zellen sterben. Der eigene Körper ist zum Schlachtfeld geworden. Über all dem schwebt die psychische Last: die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, weil der Bauplan des eigenen Körpers korrumpiert wurde und der Körper sich selbst zerstört.

Die forensische Tätersuche – Eine lückenlose Beweiskette

Schritt 1: Die Verdächtigen – Wirkstoffe mit krebserregendem Potenzial

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Sonderorganisation der WHO, ist die weltweit führende Institution für die Einstufung krebserregender Stoffe. Ihre Autorität beruht auf einem transparenten Prozess, in dem unabhängige Expertengremien die Gesamtheit der wissenschaftlichen Beweise bewerten. Entscheidend ist die Unterscheidung: Die IARC führt eine Gefahrenidentifizierung durch. Sie beantwortet die Frage: „Kann diese Substanz grundsätzlich Krebs verursachen?“. Zulassungsbehörden wie die EFSA betreiben hingegen eine Risikobewertung und fragen: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Stoff bei den erlaubten Anwendungsmengen Krebs verursacht?“. Diese unterschiedliche Fragestellung erklärt, warum eine von der IARC als gefährlich eingestufte Substanz von Behörden dennoch zugelassen werden kann.

  1. Der umstrittene Weltstar: Glyphosat
    • Das Schadenspotenzial: Die IARC stufte Glyphosat 2015 in die Kategorie 2A ein: „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“. Die Begründung basiert auf überzeugenden Belegen für Krebs bei Versuchstieren und starker Evidenz für seine genotoxische Wirkung. Der zentrale Mechanismus ist die Auslösung von oxidativem Stress. Eine Studie an Landwirten aus dem Jahr 2023 bestätigte einen direkten Zusammenhang zwischen der Glyphosat-Konzentration im Urin und Biomarkern für DNA-Schäden.
    • Das Problem: Glyphosat ist das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid. Allein in Deutschland wurden jährlich zwischen 3.000 und 5.000 Tonnen abgesetzt. Trotz der wissenschaftlichen Kontroverse wurde die EU-Zulassung 2023 um weitere zehn Jahre verlängert.
  2. Das giftige Erbe: Langlebige Organochlor-Pestizide (z.B. DDT, Lindan)
    • Das Schadenspotenzial: Obwohl in der EU seit Jahrzehnten verboten, sind diese „klassischen“ Insektizide extrem langlebig und reichern sich im Fettgewebe an. Die IARC klassifiziert DDT als „wahrscheinlich krebserregend“ (Kategorie 2A) und Lindan sogar als „eindeutig krebserregend für den Menschen“ (Kategorie 1), da es ausreichende Beweise für einen Zusammenhang mit dem Non-Hodgkin-Lymphom gibt. Zudem wirkt DDT als Hormonstörer, was die Verbindung zu hormonabhängigen Krebsarten wie Brustkrebs plausibel macht.
    • Das Problem: Ihr Verbot in Europa darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie aufgrund ihrer extremen Langlebigkeit eine globale Bedrohung darstellen. Sie bleiben als chemisches Erbe auch Jahrzehnte nach ihrem Verbot relevant.
  3. Fungizide mit gefährlichem Gepäck: Mancozeb & sein Metabolit ETU
    • Das Schadenspotenzial: Hier ist nicht primär der Wirkstoff Mancozeb selbst, sondern sein Abbauprodukt Ethylenthioharnstoff (ETU) hochproblematisch. ETU wurde von der IARC als „möglicherweise krebserregend“ (Kategorie 2B) eingestuft, da es in Tierversuchen konsistent Schilddrüsentumore verursachte. Der Mechanismus ist hormonell: ETU hemmt die Produktion von Schilddrüsenhormonen, was zu einer chronischen Überstimulation der Schilddrüse und so zum Tumorwachstum führt.
    • Das Problem: Mancozeb gehört zu den am häufigsten eingesetzten Fungiziden in der EU. Die Wirkstoffklasse der Fungizide war 2023 mit 39 % die meistverkaufte Pestizidgruppe in der EU.
  4. Nervengifte mit Doppelfunktion: Organophosphate (z.B. Diazinon, Malathion)
    • Das Schadenspotenzial: Während diese Insektizide vor allem für ihre neurotoxische Wirkung bekannt sind, hat die IARC auch Diazinon und Malathion als „wahrscheinlich krebserregend“ (Kategorie 2A) eingestuft. Die Begründung liegt hier in starken Belegen für DNA-Schäden (Genotoxizität). Studien haben gezeigt, dass diese Stoffe in menschlichen Zellen Chromosomenbrüche verursachen können.
    • Das Problem: Organophosphate gehören weltweit zu den weit verbreiteten Insektizidklassen. Obwohl hochproblematische Vertreter wie Chlorpyrifos in der EU verboten wurden, finden andere Substanzen dieser Klasse weiterhin breite Anwendung.

Schritt 2: Die Exposition – Nachweis der Täter in unserer Umwelt

Nachdem die Hauptverdächtigen identifiziert sind, muss geklärt werden: Sind sie an den „Tatorten“ – unserer Nahrung, unserem Wasser und unserer Luft – präsent? Die Beweislage ist eindeutig.

  • Expositionspfad 1 – Nahrung: Für die Allgemeinbevölkerung ist die Nahrung der wichtigste Aufnahmepfad. Laut EFSA enthielten 2023 38,3 % aller Lebensmittelproben in der EU messbare Pestizidrückstände. Das deutsche BVL stellte fest, dass bei gut einem Drittel (33,5 %) aller Proben sogar Mehrfachrückstände nachgewiesen wurden. Dieser „Cocktail“ stellt eine Lücke in der Sicherheitsbewertung dar, die meist nur Einzelsubstanzen bewertet.
    • In Getreide und Hülsenfrüchten wird Glyphosat regelmäßig nachgewiesen.
    • Auf Obst und Gemüse finden sich Rückstände von Fungiziden wie Mancozeb und Organophosphaten.
    • In tierischen Produkten reichern sich langlebige Organochlor-Pestizide wie DDT und Lindan im Fettgewebe an und sind daher auch Jahrzehnte nach ihrem Verbot in Fisch, Fleisch und Butter nachweisbar.
  • Expositionspfad 2 – Wasser: Unser Grundwasser fungiert als „chemisches Gedächtnis“ der Landwirtschaft. Ein europäischer Bericht zeigte, dass der Glyphosat-Metabolit AMPA weitaus häufiger (in 74 % der Proben) und in höheren Konzentrationen nachgewiesen wurde als Glyphosat selbst. In 22 % der Proben lagen die Glyphosat-Konzentrationen über dem EU-Trinkwassergrenzwert.
  • Expositionspfad 3 – Luft: Die Belastung über die Atemluft ist vor allem für Menschen in ländlichen Gebieten eine reale Gefahr. Durch Abdrift werden Spritzmittel wie Glyphosat und Organophosphate regelmäßig in der Luft von Wohngebieten nachgewiesen. Langlebige Organochlor-Pestizide wie Lindan können über den „Grashüpfer-Effekt“ sogar um den Globus reisen und sind im Gewebe von arktischen Tieren nachweisbar, obwohl sie dort nie angewendet wurden.

Schritt 3: Die Täter im Körper – Der Nachweis durch Human-Biomonitoring

Die Spuren an den externen Tatorten beweisen, dass die Verdächtigen uns erreichen. Doch der entscheidende Beweis der Anklage steht noch aus: Überwinden diese Stoffe die Barrieren unseres Körpers und sind sie in uns nachweisbar? Die Antwort liefert das Human-Biomonitoring (HBM), das durch die Analyse von Blut, Urin oder Gewebe die unsichtbare innere Belastung sichtbar macht. Die Befunde sind eindeutig und bestätigen die Präsenz der krebserregenden Wirkstoffgruppen direkt in unserem Körper:

Das langlebige Erbe: Die als „eindeutig“ oder „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Organochlor-Pestizide wie DDT und Lindan sind aufgrund ihrer extremen Langlebigkeit und Fettlöslichkeit die am universellsten nachweisbaren Substanzen. Jahrzehnte nach ihrem Verbot sind ihre Abbauprodukte im Blut und Fettgewebe quasi aller Menschen zu finden. Studien wiesen sie sogar im Nabelschnurblut von Neugeborenen nach und widerlegten damit den Mythos der Plazenta als schützende Barriere.

Die alltägliche Flut: Auch die modernen, als krebserregend verdächtigten Pestizide hinterlassen ihre Spuren. Die Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit (GerES V) fand Glyphosat im Urin von 52 % der Kinder und Jugendlichen. Metaboliten von Organophosphat-Insektiziden wurden im Rahmen der Initiative HBM4EU im Urin von über 90 % der untersuchten Kinder und Erwachsenen in Europa nachgewiesen.

Damit ist die Indizienkette geschlossen: Die verdächtigen Substanzen sind nicht nur in unserer Umwelt, sie überwinden auch unsere Körperbarrieren und sind dort als chemischer Cocktail präsent. Die Täter befinden sich nun nicht mehr nur am äußeren Tatort, sondern nachweislich im Körper des Opfers. Der letzte Schritt ist nun zu beweisen, dass sie dort auch den Schaden – die Krebserkrankung – anrichten.

Schritt 4: Der Tatnachweis – Die Verbindung von Exposition und Krankheit

Der letzte Schritt schließt die Beweiskette durch zwei Säulen: große epidemiologische Studien am Menschen und mechanistische Studien im Labor, die erklären, wie die Schäden entstehen.

  • Säule 1: Epidemiologische Evidenz (Studien am Menschen) Die stärksten Beweise liefert die Agricultural Health Study (AHS), die seit 1993 fast 90.000 Pestizidanwender in den USA begleitet. Ihre Ergebnisse sind eindeutig:
    • Organochlor-Pestizide: Die AHS fand für Anwender von Lindan ein signifikant erhöhtes Risiko für Leukämie und ein mehr als verdoppeltes Risiko für das Non-Hodgkin-Lymphom. Für DDT fand die Studie eine Assoziation mit Prostatakrebs.
    • Organophosphate: Die AHS belegt, dass die Anwendung von Diazinon bei den am stärksten exponierten Anwendern mit einem um 60 % erhöhten Risiko für Lungenkrebs verbunden ist.
    • Glyphosat: Während die AHS-Kohorte allein keine signifikante Assoziation fand, kommen Meta-Analysen, welche die AHS-Daten mit anderen Studien zusammenfassen, zu einem klaren Ergebnis: Personen in den höchsten Glyphosat-Expositionsgruppen haben ein um 41 % erhöhtes Risiko für das Non-Hodgkin-Lymphom.
    • Der vielleicht stärkste Beweis stammt aus der Child Health and Development Studies (CHDS): Frauen, deren Mütter während der Schwangerschaft hohe DDT-Spiegel im Blut hatten, zeigten ein fast vierfach erhöhtes Risiko, bis zum Alter von 52 Jahren an Brustkrebs zu erkranken.
  • Säule 2: Mechanistische & Toxikologische Evidenz (Laborstudien) Diese Studien liefern die biologische Erklärung für die beobachteten Zusammenhänge. Sowohl für Glyphosat als auch für die Organophosphate Diazinon und Malathion bewertete die IARC die Evidenz für DNA- und Chromosomenschäden als „stark“. Für Glyphosat, Lindan und DDT wurde die Evidenz für Krebs bei Versuchstieren als „ausreichend“ bewertet. Für den Mancozeb-Metaboliten ETU war der eindeutige Nachweis von Schilddrüsentumoren bei Nagetieren der Hauptgrund für seine Einstufung.

Die Kombination aus starken epidemiologischen Befunden und der klaren mechanistischen Plausibilität bildet eine überwältigende wissenschaftliche Evidenz. Sie belegt, dass die Exposition gegenüber gängigen Pestiziden kausal mit der Entstehung von Krebs verbunden ist.

Schritt 5: Die Quantifizierung – Die unsichtbare Last des Krebsrisikos

Können wir die Zahl der durch Pestizide verursachten Krebsfälle beziffern? Eine exakte Zahl zu nennen ist ungleich schwerer als bei anderen gesundheitlichen Folgen, da Krebs sich über Jahrzehnte entwickelt und seine Ursachen fast immer multifaktoriell sind.

Trotzdem verfügt die Forschung über die notwendigen Werkzeuge. Eine Quantifizierung ist möglich, wie Studien zu neurologischen Entwicklungsschäden durch Organophosphat-Pestizide eindrücklich zeigten, wo die Krankheitslast präzise in Milliarden an Kosten und Millionen verlorenen IQ-Punkten beziffert werden konnte. Die Methodik dahinter ist die Population Attributable Fraction (PAF), eine Formel, mit der man schätzen kann, welcher Anteil der Krankheitsfälle auf einen Risikofaktor zurückzuführen ist. Man benötigt dafür nur zwei Daten: wie stark ein Pestizid das Krebsrisiko erhöht (aus Studien wie der AHS) und wie verbreitet die Exposition ist (aus dem Human-Biomonitoring).

Das entscheidende Problem ist jedoch ein massiver blinder Fleck in der globalen Gesundheitsforschung. Die weltweit einflussreichste Erhebung, die „Global Burden of Disease Study“, an der sich Gesundheitsbudgets orientieren, ignoriert die chronische Belastung der Allgemeinbevölkerung als eigenständigen Risikofaktor für Krebs und berücksichtigt nur die berufliche Exposition. Diese Nicht-Erfassung führt zur politischen Unsichtbarkeit des Problems. Die Unfähigkeit, eine präzise Zahl zu nennen, ist kein Beweis für Harmlosigkeit, sondern das Ergebnis eines systemischen Versäumnisses.

In der Gesundheitsökonomie spricht man im Zusammenhang mit im Zusammenhang mit solchen nicht-beachteten Folgen von „Externalitäten“: Die Kosten für die Behandlung von pestizidinduzierten Krebserkrankungen werden nicht von den Herstellern getragen, sondern auf die Gesellschaft abgewälzt.

Das Resultat: Wir stehen vor einer gravierenden Gesundheitskrise, deren volles Ausmaß die Folge einer methodischen und politischen Prioritätensetzung ist, die die wahren menschlichen und ökonomischen Verluste dieser Technologie bisher ausblendet.

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