In bisher neun Artikeln haben wir die Umrisse eines beispiellosen Gesundheitsskandals nachgezeichnet. Das menschliche Leid und die gesellschaftlichen Kosten, die durch den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden verursacht werden, sind gewaltig. Wir haben erfahren, dass allein die Kosten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der EU bei schwindelerregenden 282 Milliarden Euro liegen, wobei Pestizide als ein wesentlicher, aber ignorierter Treiber dieser Pandemie gelten. Und wir haben die herzzerreißende Tragödie von Millionen von Menschen nachempfunden, deren Körper durch Krebs, Autoimmunerkrankungen oder den Angriff auf ihre Fruchtbarkeit zum Schlachtfeld geworden ist.
Unweigerlich taucht die Frage auf: Wie ist es überhaupt möglich, dass die Zulassungsbehörden, dass die Politik uns nicht vor den Folgen dieser Ackergifte schützt? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich diese Woche ein Fallbeispiel bringen, das den Prozess der Zulassung von Pestiziden veranschaulichen wird. Es geht um das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid: Glyphosat.
Wie wir in den bisherigen Artikeln gesehen haben, ist Glyphosat an beinahe allen negativen Effekten für unsere Gesundheit in irgendeiner Form beteiligt. Es ist ein Multi-System-Saboteur:
- Es steht im Verdacht, das Hormonsystem zu stören.
- Es schädigt unser Herz-Kreislauf-System durch oxidativen Stress und Entzündungen.
- Es greift das Immunsystem an und fördert pro-allergische Reaktionen.
- Es attackiert unsere Entgiftungsorgane Leber und Nieren.
- Es wirkt im Darm wie ein Breitband-Antibiotikum und verwüstet unseren „inneren Garten“, das Mikrobiom.
- Es kann unsere Atemwege schädigen, insbesondere in Kombination mit den Beistoffen in den Handelsprodukten.
In der öffentlichen Diskussion wird allerdings hauptsächlich über seine Rolle bei der Verursachung von Krebs gestritten. Diese Debatte ist jedoch, wie wir im Lauf der Woche erfahren werden, keine sachliche Diskussion, sondern eine Kriminalgeschichte über Betrug, Manipulation und systemisches Versagen, deren Implikationen weit über den Wirkstoff Glyphosat hinausgehen. Diese Geschichte zeigt uns, warum und wie unser Schutzsystem versagt.

Der Betrugsskandal (1970 – 1984)
Die IBT-Affäre: Wissenschaft als Farce
Die Geschichte der Zulassung von Glyphosat beginnt nicht mit einem wissenschaftlichen Durchbruch, sondern mit einem Akt kriminellen Betrugs. In den 1970er Jahren stützte der Konzern Monsanto die Sicherheitsbewertung seines neuen Herbizids maßgeblich auf toxikologische Studien, die von den Industrial Bio-Test Laboratories (IBT) durchgeführt wurden. IBT war zu dieser Zeit das größte private Testlabor der USA und führte zwischen 35 % und 40 % aller toxikologischen Tests im Land durch, was seine zentrale Rolle für die chemische Industrie unterstreicht.
Eine Routineinspektion der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) im Jahr 1976 deckte jedoch massive Unstimmigkeiten zwischen den Rohdaten und den an die Behörden übermittelten Berichten auf. Dies löste eine umfassende Untersuchung aller von IBT durchgeführten Studien durch die EPA aus. Die Ermittlungen brachten einen Skandal von schockierendem Ausmaß ans Licht. Es handelte sich nicht um vereinzelte Fehler, sondern um systematischen Betrug: Daten wurden routinemäßig gefälscht, Ergebnisse erfunden und die Laborbedingungen waren katastrophal. Zeugenaussagen beschrieben, wie tote Versuchstiere heimlich durch lebendige Tiere ersetzt wurden und wie Kadaver so lange in den Käfigen blieben, bis sie verwesten und durch die Gitter sickerten, was jede pathologische Untersuchung unmöglich machte. Ein Labortechniker beschrieb, wie ein Vorgesetzter Zahlen für fehlende Messwerte „ganz einfach erfand“ („to make up numbers out of his head“).
Dieser Betrug betraf nicht nur Glyphosat, sondern auch andere hochproblematische Chemikalien wie polychlorierte Biphenyle (PCBs). Entscheidend für die Akte Glyphosat ist jedoch die offizielle Feststellung der EPA, dass explizit toxikologische Studien für das „original Roundup® herbicide“ als ungültig („invalid“) eingestuft wurden. Insgesamt befand die EPA 594 von 801 entscheidenden IBT-Studien (74 %) für ungültig.
Der Skandal gipfelte in der strafrechtlichen Verurteilung von IBT-Führungskräften sowie des Monsanto-Mitarbeiters Paul Wright, der als Bindeglied zwischen den beiden Unternehmen fungierte und aktiv an der Datenfälschung beteiligt war.
Regulatorische Konsequenzen: Ein Auge zudrücken
Die Reaktion der EPA auf die Enthüllung, dass die wissenschaftliche Grundlage für die Sicherheit von Glyphosat auf Betrug beruhte, war bemerkenswert nachsichtig. Anstatt die Zulassung des Produkts auszusetzen, bis dessen Sicherheit durch gültige Studien nachgewiesen war, erlaubte die Behörde, dass Glyphosat und Roundup auf dem Markt blieben. Monsanto wurde lediglich aufgefordert, die für ungültig erklärten Studien zu wiederholen.
Diese Entscheidung, ein Produkt ohne gültige Sicherheitsnachweise weiterhin zu verkaufen, schuf einen gefährlichen Präzedenzfall für einen industriefreundlichen Regulierungsansatz, der kommerziellen Interessen Vorrang vor dem Vorsorgeprinzip einräumte.
Indem die EPA das Produkt auf dem Markt ließ und lediglich um neue Daten bat – signalisierte sie der Industrie, dass selbst schwerwiegender wissenschaftlicher Betrug nicht zwangsläufig zu einem Marktausschluss führt.
Die IBT-Affäre ist dabei weit mehr als eine historische Fußnote; sie ist die „Erbsünde“ in der Zulassungsgeschichte von Glyphosat. Die gesamte Sicherheitsbewertung des Herbizids basiert von Anfang an auf einem Fundament, das durch kriminelle Handlungen kompromittiert war. Jede spätere Behauptung einer „jahrzehntelangen sicheren Anwendung“ ignoriert diese betrügerische Grundlage und baut auf einem Fundament aus Sand auf.
Die Kehrtwende (1985 – 1991)
Die EPA greifen ein
Nachdem Monsanto durch den IBT-Skandal gezwungen war, die entscheidenden Krebsstudien zu wiederholen, lieferten die neuen, unter sauberen Bedingungen durchgeführten Tests alarmierende Ergebnisse. Eine 1983 abgeschlossene Studie an Mäusen zeigte einen statistisch signifikanten und dosisabhängigen Anstieg von Nierentumoren bei den männlichen Tieren, die mit Glyphosat gefüttert wurden.
Die Beweise waren so erdrückend, dass ein Komitee von EPA-Wissenschaftlern, das „Toxicology Branch Ad Hoc Committee“, 1985 handelte. Auf der Grundlage der Mäusestudie stufte es Glyphosat offiziell als „möglicherweise krebserregend für den Menschen“ (Gruppe C) ein. Diese wissenschaftlich fundierte Entscheidung stellte eine ernsthafte Bedrohung für Monsantos Blockbuster-Produkt dar.
Monsantos Feldzug: Die wundersame Reinwaschung
Unmittelbar nach der Einstufung durch die EPA startete Monsanto eine aggressive und letztlich erfolgreiche Kampagne, um diese Entscheidung zu kippen. Ein zentraler und höchst umstrittener Schachzug war die nachträgliche Neubewertung der Gewebeproben aus der entscheidenden Mäusestudie durch einen von Monsanto bezahlten Pathologen, Dr. Marvin Kuschner. Kuschner behauptete, in der Kontrollgruppe, die kein Glyphosat erhalten hatte, einen winzigen, zuvor übersehenen Nierentumor bei einer Maus (Tier Nr. 1028) entdeckt zu haben.
Dieser „Geister-Tumor“ war von strategischer Bedeutung. Durch seine angebliche Entdeckung erhöhte sich die Tumorrate in der Kontrollgruppe. Damit war der klare, dosisabhängige Trend gebrochen und die statistische Signifikanz des Ergebnisses zerstört. Besonders brisant ist, dass Pathologen der EPA, die später dieselben Proben erneut untersuchten, diesen zusätzlichen Tumor nicht bestätigen konnten.
Zusätzlich argumentierte Monsanto mit sogenannten „historischen Kontrolldaten“. Der Konzern behauptete, die in der höchsten Dosisgruppe beobachtete Tumorrate sei nicht ungewöhnlich, wenn man sie mit den spontanen Tumorraten in Kontrollgruppen aus anderen, völlig unabhängigen Studien vergleiche, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden. Diese Methode wird von vielen Wissenschaftlern als statistisch unzulässig kritisiert, da sie dazu dient, einen klaren Trend innerhalb einer spezifischen Studie durch das Einbringen von externem „Rauschen“ zu relativieren.

Die Kapitulation der Behörde und der Protest der Wissenschaftler
Nach jahrelangem Lobbying und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen knickte die EPA schließlich ein. Im Jahr 1991, sechs Jahre nach ihrer ursprünglichen Warnung, kippte die Behörde ihre eigene Entscheidung und stufte Glyphosat in die Kategorie E („Nachweis der Nicht-Karzinogenität für den Menschen“) um – die für einen Hersteller bestmögliche Klassifizierung.
Diese Kehrtwende war jedoch keineswegs ein Ergebnis eines neuen wissenschaftlichen Konsenses. Im Gegenteil, sie war intern höchst umstritten. Ein offizielles Memo der EPA vom 30. Oktober 1991, das die Sitzung des zuständigen Peer-Review-Komitees vom 26. Juni 1991 zusammenfasst, hält unmissverständlich fest: Drei der beteiligten Wissenschaftler des Komitees verweigerten ihre Zustimmung zu der neuen Einstufung („did not concur with the decision“). Dieser dokumentierte Protest beweist, dass die „Reinwaschung“ von Glyphosat gegen den wissenschaftlichen Widerstand innerhalb der eigenen Behörde durchgesetzt wurde.
Erkenntnisse und Implikationen
Dieser Vorgang ist ein Lehrstück in der Macht der statistischen Manipulation. Er zeigt, wie ein klares, signifikantes Ergebnis durch die nachträgliche Modifikation von Kontrolldaten und die Einführung von methodisch fragwürdigen Vergleichen neutralisiert werden kann. Diese Manöver reichten aus, um eine behördliche Entscheidung zu kippen. Das zeigt, wie anfällig regulatorische Wissenschaft für sophistische Argumente ist, die den Anschein von Wissenschaftlichkeit wahren, um ein Ergebnis gezielt zu untergraben.
Der gesamte Prozess von 1985 bis 1991 ist zudem ein Paradebeispiel für „Regulatory Capture“ – die Vereinnahmung einer Regulierungsbehörde durch die Interessen der Industrie, die sie eigentlich kontrollieren soll. Der dokumentierte Protest der drei EPA-Wissenschaftler ist der „rauchende Colt“, der beweist, dass dies keine einvernehmliche wissenschaftliche Neubewertung war.
Es war vielmehr eine durch externen Druck erzwungene Entscheidung, die gegen den fundierten Widerspruch von Experten innerhalb der Behörde durchgesetzt wurde und den Weg für den globalen Siegeszug von Glyphosat ebnete.
Ausblick
In den folgenden Artikeln der Woche, werden wir die Arbeitsmethoden von Monsanto noch genauer kennen lernen. Die berüchtigten „Monsanto Papers“ werden uns tiefe Einblicke in die Kriegsführung dieses Konzerns geben. Wir werden Skandal um Skandal rekonstruieren. Nicht einmal als die WHO-Krebsagentur im Jahr 2015 Alarm schlug, konnte das etwas an der Zulassung von Glyphosat verändern. Und auch nicht die Tatsache, dass europäische Behörden die Anträge von Monsanto mittels Copy-Paste in die behördliche Zulassung übertrugen.
Das Fallbeispiel Glyphosat wird uns am Ende der Woche die Möglichkeit geben, die Mängel des Zulassungsverfahrens für Pestizide systematisch zusammenzutragen und zu überblicken.


