17) Chronik eines Skandals – Teil 3

Die „Monsanto Papers“ – oder: Die Kriegsführung eines Konzerns

Im Zuge von Gerichtsverfahren in den USA, die von Krebspatienten gegen Monsanto angestrengt wurden, mussten Millionen Seiten interner Unternehmensdokumente offengelegt werden. Diese als „Monsanto Papers“ bekannt gewordenen Unterlagen gewähren einen beispiellosen Einblick in die Strategien des Konzerns, die Wissenschaft zu manipulieren, Kritiker zu diskreditieren und Regulierungsbehörden zu beeinflussen.

Ghostwriting als Standardprozedur

Die internen E-Mails belegen, dass Monsanto routinemäßig wissenschaftliche Fachartikel und Übersichtsstudien von eigenen Mitarbeitern oder bezahlten Beratern verfassen ließ. Diese wurden anschließend unter den Namen angesehener, scheinbar unabhängiger Akademiker veröffentlicht, um ihnen den Anschein von Objektivität zu verleihen. Diese Praxis wird als „Ghostwriting“ bezeichnet.

Ein besonders entlarvendes Dokument ist eine E-Mail des Monsanto-Managers William Heydens aus dem Jahr 2015. Im Vorfeld einer geplanten Publikation, die der IARC-Bewertung widersprechen sollte, schlug er vor: „…wir schreiben die Abschnitte zu Exposition, Toxikologie und Genotoxizität per Ghostwriting … wir werden so die Kosten niedrig halten, indem wir das Schreiben übernehmen und sie [die externen Experten] weden es nur redigieren und ihre Namen daruntersetzen“. Diese Methode wurde bei Schlüsselpublikationen angewandt, die später von Regulierungsbehörden weltweit als Beweis für die Sicherheit von Glyphosat zitiert wurden.

Der orchestrierte Angriff auf die IARC

Die Monsanto Papers enthüllen eine detaillierte und aggressive Strategie mit dem Codenamen „Let Nothing Go“, um die IARC und ihre Wissenschaftler nach der Veröffentlichung ihrer Glyphosat-Bewertung systematisch zu diskreditieren.Die Taktiken umfassten die Finanzierung von Frontgruppen, die als unabhängige Institute auftraten, die Mobilisierung anderer Wissenschaftler, um die IARC-Methodik öffentlich anzugreifen, und eine massive Medienkampagne, um die Glaubwürdigkeit der WHO-Agentur zu untergraben. Ein internes Budget von 17 Millionen Dollar wurde allein für diese Anti-IARC- und Pro-Glyphosat-Aktivitäten bereitgestellt. Die Kampagne ging so weit, dass versucht wurde, politischen Druck aufzubauen, um die Finanzierung der IARC durch die US-Regierung zu kürzen.

Die Drehtür zur Behörde: Der Fall Jess Rowland

Die Dokumente zeigten auch eine beunruhigend enge und unzulässige Beziehung zwischen Monsanto und Jess Rowland, einem hochrangigen Beamten der EPA, der den Vorsitz des entscheidenden Cancer Assessment Review Committee (CARC) innehatte. Rowland scheint Monsanto vorab über die bevorstehende IARC-Einstufung informiert zu haben, was dem Unternehmen einen strategischen Vorteil verschaffte.

In einer besonders brisanten internen E-Mail von Monsanto wird Rowland mit den Worten zitiert, er verdiene eine Medaille („should get a medal“), wenn es ihm gelänge, eine unabhängige Untersuchung zu Glyphosat durch eine andere US-Behörde, die Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR), zu stoppen („to kill“). Die Dokumente belegen zudem, dass Rowland aktiv die europäische Behörde EFSA beeinflusste. In einer Telefonkonferenz überzeugte er die EFSA-Experten, eine für Monsanto ungünstige Studie (die Kumar-Studie) mit der unbewiesenen Behauptung einer angeblichen Virusinfektion bei den Versuchstieren zu verwerfen. Später konnte die EFSA auf Anfrage keine schriftlichen Belege für eine Überprüfung dieser Behauptung vorlegen.

Erkenntnisse und Implikationen

Die Monsanto Papers belegen, dass der Konzern wissenschaftliche Publikationen nicht als Mittel zur Wahrheitsfindung, sondern als strategisches Instrument der Public Relations und des Marketings betrachtete. Die Vorgehensweise, Studien selbst zu schreiben und Akademiker nur für ihre Unterschrift zu bezahlen, ist der Inbegriff dieser Haltung. Es geht nicht darum, was die Wissenschaft sagt, sondern darum, wer es sagt und wie es die öffentliche und regulatorische Meinung formt. Eine direkte Antwort von Monsanto auf Kritik wäre als voreingenommen abgetan worden. Die Lösung war daher, die „Gegen-Wissenschaft“ selbst zu produzieren und sie als unabhängige Forschung zu tarnen. Dies korrumpiert den wissenschaftlichen Diskurs in seinem Kern.

Auch der Fall Jess Rowland ist mehr als nur das Fehlverhalten eines Einzelnen; er ist ein Symptom für das Verwischen der Grenzen zwischen Regulierer und Reguliertem. Wenn ein hoher Beamter, der für die Überwachung eines Unternehmens zuständig ist, diesem anbietet, im dessen Interesse zu handeln und eine andere staatliche Untersuchung zu torpedieren, ist die regulatorische Unabhängigkeit nicht mehr gegeben. Hierbei handelt es sich nicht um den klassischen „Drehtür-Effekt“, bei dem ein Beamter nach seiner Amtszeit in die Industrie wechselt, um dort einen hoch dotierten Job anzunehmen, sondern um eine aktive Kollaboration während der Amtszeit.

Die juristische Abrechnung

Die Präzedenzfälle: Johnson, Hardeman, Pilliod

Ab 2018 kam es in den USA zu einer Reihe von Gerichtsurteilen, die ein völlig anderes Bild zeichneten, als die Regulierungsbehörden in den USA und Europa uns vorgaukeln. Im Gegensatz zu den Behörden hatten die Geschworenen in diesen Zivilprozessen Zugang zu den internen „Monsanto Papers“, die die Strategien des Konzerns zur Verschleierung der Risiken aufdeckten.

  • Dewayne „Lee“ Johnson (August 2018): In einem wegweisenden Urteil sprach eine Jury dem an Non-Hodgkin-Lymphom erkrankten ehemaligen Hausmeister 289 Millionen US-Dollar zu. Die Geschworenen befanden, dass Monsanto „mit Arglist und Unterdrückung“ gehandelt habe, indem es die Risiken von Glyphosat bewusst verschwieg. Die Summe wurde in späteren Instanzen auf 20,5 Millionen US-Dollar reduziert, das Grundsatzurteil der Haftung blieb jedoch bestehen.
  • Edwin Hardeman (März 2019): Eine Bundesjury sprach ihm 80 Millionen US-Dollar zu. Sie kam zu dem Schluss, dass die Exposition gegenüber Glyphosat ein „wesentlicher Faktor“ für seine Krebserkrankung war. Der Betrag wurde später auf rund 25,3 Millionen US-Dollar reduziert.
  • Alva und Alberta Pilliod (Mai 2019): Dem an Krebs erkrankten Ehepaar wurden von einer Jury über 2 Milliarden US-Dollar zugesprochen. Auch hier wurde Glyphosat als wesentlicher Faktor für ihre Erkrankungenangesehen. Die Summe wurde später auf 86,7 Millionen US-Dollar reduziert.

Beweise, die überzeugten: Die Macht der internen Dokumente

In allen drei Prozessen waren die internen E-Mails über Ghostwriting, die Pläne zum Angriff auf die IARC und die Dokumente, die die enge Beziehung zu EPA-Beamten wie Jess Rowland belegten, die entscheidenden Beweismittel. Sie überzeugten die Geschworenen davon, dass Monsanto die potenziellen Gefahren seines Produkts nicht nur kannte, sondern aktiv und systematisch daran arbeitete, diese Informationen vor der Öffentlichkeit und den Behörden zu verbergen.

Die Folgen: Milliarden-Vergleiche und anhaltende Klagewelle

Nach diesen drei vernichtenden Niederlagen und angesichts von über hunderttausend weiteren anhängigen Klagen kündigte der neue Eigentümer Bayer, der Monsanto 2018 übernommen hatte, im Juni 2020 an, über 10 Milliarden US-Dollar zur Beilegung eines Großteils der Klagen bereitzustellen. Bis heute hat Bayer fast 11 Milliarden US-Dollar an Vergleichen gezahlt. Dennoch ist die Klagewelle nicht beendet. Nach einer Phase, in der Bayer mehrere Prozesse gewann, kam es seit Ende 2023 zu einer neuen Serie von hohen Urteilen gegen das Unternehmen, die sich auf über 6 Milliarden US-Dollar summieren. Zehntausende Klagen sind weiterhin anhängig.

Erkenntnisse und Implikationen

Die Gerichtsurteile offenbaren einen fundamentalen Widerspruch: Transparenz verändert das Urteil. Der entscheidende Unterschied zwischen den Bewertungen der Regulierungsbehörden und den Urteilen der Geschworenen ist der Zugang zu Informationen. Während die Behörden auf einer gefilterten, von der Industrie bereitgestellten Datenbasis entschieden, sahen die Jurys die internen Dokumente, die die Absicht zur Täuschung und Vertuschung belegten. Dies legt den Schluss nahe, dass jede regulatorische Bewertung ohne vollständige Transparenz und ohne Zugang zu internen Unternehmensdokumenten unvollständig und potenziell irreführend ist.

Darüber hinaus schafft der Fall Glyphosat eine paradoxe Situation, die die Kohärenz des gesamten Systems in Frage stellt. Ein Produkt darf legal auf dem Markt verkauft werden, weil die Regulierungsbehörden es für sicher halten, während der Hersteller gleichzeitig von Gerichten dazu verurteilt wird, Milliarden für die durch genau dieses Produkt verursachten Schäden zu zahlen. Diese Diskrepanz zwischen rechtlicher Haftung und regulatorischer Zulassung untergräbt die Legitimität und Glaubwürdigkeit beider Systeme.

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