21) Eine seltsame Allianz

Im öffentlichen Ringen um Pestizide, Monokulturen und die Zukunft der Landwirtschaft stehen selten die Vorstände von Agrarchemiekonzernen wie Bayer oder Syngenta im Rampenlicht. Die lautstärksten und sichtbarsten Verteidiger des bestehenden industriellen Agrarsystems sind stattdessen die nationalen und europäischen Bauernverbände. Tausende Landwirte gehen mit ihren Traktoren auf die Straße, um gegen Umweltauflagen zu protestieren, die ihre Existenz zu bedrohen scheinen.

Diese Konstellation erscheint auf den ersten Blick paradox. Warum sollten ausgerechnet die Bauern ein System verteidigen, das sie in eine kostspielige Abhängigkeit von Saatgut- und Chemiekonzernen treibt, ihre Böden auslaugt und langfristig die eigenen Produktionsgrundlagen untergräbt?

Die Antwort, die ich mit diesem Artikel geben möchte, lautet: Die nationalen und europäischen Bauernverbände vertreten in ihrer jetzigen Form nicht primär die Interessen der breiten Masse ihrer Mitglieder. Sie agieren vielmehr als hochwirksame Lobbyorganisationen für ein industrielles Agrarmodell, das den ökonomischen Interessen einer kleinen, aber mächtigen Elite von Großbetrieben und Funktionären sowie den Interessen der vorgelagerten Agrar- und Finanzindustrie dient. Diese Allianz wird durch massive finanzielle Interessen, personelle Verflechtungen und ein politisch zementiertes Subventionssystem aufrechterhalten. Die Bauern auf den Straßen bilden das Fußvolk im Kampf für eine fremde Agenda.

Teil I: Die da oben – Wer spricht wirklich für die Bauern?

Offiziell erheben die Bauernverbände den Anspruch, die Interessen des gesamten Berufsstandes zu vertreten – vom kleinen Familienbetrieb bis zum großen Agrarunternehmen. Eine detaillierte Analyse der Führungsstrukturen, zum Beispiel beim einflussreichen Deutschen Bauernverband (DBV), zeichnet jedoch ein fundamental anderes Bild. Die entscheidenden Positionen werden fast ausnahmslos von Inhabern sehr großer Betriebe besetzt, deren unternehmerische Realität und wirtschaftliche Interessen sich grundlegend von denen der Mehrheit der deutschen Landwirte unterscheiden.

Der Strukturwandel in der deutschen Landwirtschaft ist durch einen unaufhaltsamen Konzentrationsprozess gekennzeichnet. Während die Gesamtzahl der Betriebe kontinuierlich abnimmt – von rund 321.600 im Jahr 2007 auf 255.010 im Jahr 2023 – steigt die durchschnittliche Betriebsgröße stetig an. Lag die durchschnittliche Flächenausstattung 2010 noch bei 55,8 Hektar, erreichte sie 2020 bereits 63,0 Hektar. Die Betriebe mit 100 Hektar und mehr, die nur eine Minderheit darstellen, bewirtschaften mittlerweile rund 60 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland. Die unerbittliche Logik des “Wachse oder weiche” hat eine klare Gewinnergruppe hervorgebracht: große, kapitalintensive Agrarunternehmen, die von Skaleneffekten profitieren.

Genau aus dieser Gruppe rekrutiert sich die Führungsriege des DBV. Ihre Betriebsgrößen spiegeln nicht den Durchschnitt wider, sondern die Spitze der agrarischen Größenpyramide:

  • Präsident Joachim Rukwied: Bewirtschaftete im Jahr 2022 einen Betrieb mit 360 Hektar Acker- und Weinbau. Das ist mehr als das Fünfeinhalbfache der durchschnittlichen Betriebsgröße in Deutschland zu diesem Zeitpunkt.
  • Vizepräsident Günther Felßner: Führt als Präsident des Bayerischen Bauernverbandes einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen. Der bayerische Durchschnitt liegt bei lediglich 40 Kühen. Felßners Betrieb ist damit zweieinhalbmal so groß wie der Durchschnitt.
  • Vizepräsident Karsten Schmal: Bewirtschaftet als Präsident des Hessischen Bauernverbandes einen Betrieb mit 220 Milchkühen und 240 Hektar Fläche. Der hessische Durchschnitt beträgt 51 Kühe pro Betrieb, was Schmals Herde mehr als viermal so groß macht.

Diese Zahlen belegen, dass die Führung des DBV nicht den “durchschnittlichen Bauern” repräsentiert, sondern eine Elite von Agrarunternehmern. Ihre Geschäftsmodelle basieren auf Flächenwachstum, Skalierung und einem hohen Einsatz von Betriebsmitteln wie Dünger und Pestiziden. Ihre persönlichen unternehmerischen Erfolge sind untrennbar mit jenem System des “Wachse oder weiche” verbunden, das sie politisch mit aller Macht verteidigen. Damit sind ihre Interessen und die der Agrochemie-Industrie nahezu deckungsgleich.

Fallbeispiel Joachim Rukwied: Der Interessenkonflikt an der Spitze

Selten ist diese Verflechtung zwischen Verbandsführung und Industrie deutlicher zu erkennen als am Beispiel von Joachim Rukwied, seit 2012 Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Rukwied ist nicht nur der oberste Repräsentant der deutschen Bauern, er ist selbst ein Großbauer und gleichzeitig in den höchsten Kontrollgremien der vor- und nachgelagerten Industrie tätig. Dies schafft einen fundamentalen und systemischen Interessenkonflikt.

Eine Analyse seiner Mandate (Stand April 2022) offenbart ein dichtes Netzwerk, das die Schlüsselsektoren des industriellen Agrarsystems umfasst:

  • Aufsichtsrat der BayWa AG: Einer der größten europäischen Agrarhändler, der maßgeblich am Verkauf von Betriebsmitteln an Landwirte verdient – darunter Saatgut, Düngemittel und Pestizide. Als Aufsichtsrat ist Rukwied dem Wohl des Unternehmens verpflichtet, dessen Profit direkt vom hohen Input dieser Mittel abhängt.
  • Aufsichtsrat der Südzucker AG: Europas größter Zuckerproduzent, der auf die Verarbeitung riesiger Mengen industriell angebauter Zuckerrüben angewiesen ist – ein Anbau, der typischerweise mit hohem Pestizid- und Düngereinsatz verbunden ist.
  • Aufsichtsrat der R+V Versicherung AG: Einer der führenden Agrarversicherer in Deutschland, der das industrielle Agrarsystem durch Finanzprodukte absichert und stabilisiert.

Dieser Interessenkonflikt ist nicht theoretisch, sondern manifestiert sich in der konkreten Politik des DBV. Als Bauernpräsident müsste Rukwied eine Politik vertreten, die die Abhängigkeit der Bauern von teuren Betriebsmitteln reduziert. Als Aufsichtsrat von BayWa und Südzucker hat er jedoch ein direktes Interesse daran, genau jenes industrielle System zu stärken, das auf den maximalen Absatz dieser Inputs angewiesen ist. Die politischen Positionen des DBV, die sich vehement gegen Pestizid-Reduktionsziele und strengere Düngeverordnungen stellen, dienen somit hauptsächlich den Geschäftsmodellen der Konzerne, in deren Aufsichtsgremien er sitzt.

Teil II: Der Motor der Konzentration – Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)

Die Macht dieser Agrarlobby-Elite wäre ohne das zentrale politische Instrument, das ihre Interessen finanziell abstützt, weitaus geringer: die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union. Mit einem Budget von jährlich über 50 Milliarden Euro ist die GAP der mächtigste Hebel zur Steuerung der europäischen Landwirtschaft. Durch den massiven Einfluss der Agrarlobbys basiert dieses System seit Jahrzehnten auf einem simplen, aber folgenschweren Prinzip, das den Konzentrationsprozess unerbittlich vorantreibt.

Das Kernstück dieses Systems sind die sogenannten Direktzahlungen. Diese Subventionen werden nicht für ökologische oder soziale Leistungen vergeben, sondern basieren auf der Größe der bewirtschafteten Fläche. Die Formel lautet: Mehr Land = mehr Geld. Dieses “Gießkannenprinzip” belohnt nicht den Bauern, der die Artenvielfalt fördert oder seine Böden schont, sondern denjenigen, der den größten Flächenbesitz kontrolliert.

Dieses System ist der ökonomische Treibstoff für die Logik des “Wachse oder weiche” und führt zu einer extrem ungleichen Verteilung der öffentlichen Gelder:

  • EU-weit gehen rund 80 % der Direktzahlungen an nur 20 % der Betriebe.
  • In Deutschland ist die Konzentration noch dramatischer: Die größten 1,7 % der Betriebe erhalten rund ein Viertel (25 %) aller Direktzahlungen.
  • Eine Analyse zeigt, dass juristische Personen (oft Agrargesellschaften) durchschnittlich 270.000 Euro pro Betrieb an EU-Subventionen erhielten, während kleinere Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe im Schnitt nur zwischen 11.000 und 14.000 Euro bekamen.

Diese Zahlungen statten Großbetriebe mit einer ausreichenden Kapitaldecke aus, die es ihnen ermöglicht, weiter zu expandieren. Gleichzeitig treiben die in die Pachtpreise einkalkulierten Subventionen die Bodenpreise in die Höhe, was es für kleinere Betriebe fast unmöglich macht, mitzuhalten. Die Funktionärselite, die selbst zu den größten Profiteuren dieses System gehört, verteidigt es seit Jahrzehnten erfolgreich gegen alle Reformversuche.

Teil III: Die Brüsseler Front – Der Kampf gegen den Green Deal

Der politische Kampf des Deutschen Bauernverbandes ist kein isoliertes nationales Phänomen, sondern Teil einer koordinierten, europaweiten Lobbystrategie, die von einem mächtigen Dachverband in Brüssel orchestriert wird:

COPA-COGECA. Diese Organisation ist die “vereinte Stimme” von 60 nationalen Bauernverbänden und 35 Agrargenossenschaften und damit die institutionelle Manifestation der Agrarlobby-Macht auf EU-Ebene. Die enge Verflechtung ist auch personell sichtbar: DBV-Präsident Joachim Rukwied war selbst von 2017 bis 2020 Präsident der COPA und damit einer der mächtigsten Agrarlobbyisten Europas.

Die Macht von COPA-COGECA beruht auf einem privilegierten, institutionalisierten Zugang zu den Entscheidungsträgern der EU, insbesondere zur Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI). Berichte belegen eine außergewöhnliche Nähe, die als “Regulatory Capture” bezeichnet wird: Die zu regulierende Industrie hat den Regulierungsprozess von innen heraus übernommen. Dies manifestiert sich vor allem in der erdrückenden Dominanz in den offiziellen Beratungsgremien der Kommission, den “Civil Dialogue Groups”. In der Realität werden diese von COPA-COGECA und ihren Verbündeten kontrolliert: In der Gruppe für Ackerbau besetzen sie 68,4 % der Sitze, in der für Milch sogar 73,6 %. Mit dieser institutionellen Macht wird systematisch jede ökologische Reform blockiert.

Der Kampf gegen Pestizid-Reduktionsziele ist hierfür ein Paradebeispiel. Als die EU-Kommission im Rahmen ihrer “Farm to Fork”-Strategie eine verbindliche Reduktion des Pestizideinsatzes um 50 % vorschlug (Sustainable Use Regulation, SUR), startete der DBV eine massive Gegenkampagne. Kernstück war ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten, das ein ökonomisches Horrorszenario prognostizierte: Einkommenseinbußen von 50 %, die Aufgabe des Anbaus von Schlüsselkulturen wie Kartoffeln und Raps und die generelle Unwirtschaftlichkeit des Ackerbaus. Mit diesen dramatischen Zahlen wurde erfolgreich politischer Druck aufgebaut, um den Vorschlag zu Fall zu bringen.

Ein besonders anschauliches Beispiel für die erfolgreiche Lobbyarbeit ist der Umgang mit Neonicotinoiden. Diese hochwirksamen Insektizide wurden 2018 von der EU aufgrund ihrer extremen Schädlichkeit für Bienen weitgehend verboten. Doch durch das Instrument der “Notfallzulassung” wird dieses Verbot regelmäßig ausgehebelt, insbesondere im Zuckerrübenanbau – einem Sektor, in dem DBV-Präsident Rukwied über sein Südzucker-Mandat direkt involviert ist. Auf Druck der Lobby werden immer wieder Ausnahmegenehmigungen erteilt, obwohl Untersuchungen gezeigt haben, dass hochgiftige Rückstände des Nervengifts in blühenden Beikräutern auf den Zuckerrübenäckern nachgewiesen wurden – eine tödliche Gefahr für bestäubende Insekten. Die Strategie ist klar: Wissenschaftliche Erkenntnisse über Umweltschäden werden ignoriert, während mit Auftragsstudien ökonomische Bedrohungen konstruiert werden, um den Status quo zu schützen. Gleichzeitig wird versucht, kritische Passagen zu Treibhausgasemissionen aus der Tierhaltung aus Berichten zu streichen und diese als “natürliche Prozesse, die nicht vermieden werden können” zu verharmlosen.

Synthese: Das Fußvolk für eine fremde Agenda

Ein klares Muster lässt sich erkennen: Die Führung der Bauernverbände agiert nicht als unabhängiger Vertreter aller Bauern, sondern als integraler Bestandteil einer mächtigen Allianz, die ein spezifisches, industrielles Agrarmodell verteidigt. Sie dient dabei als perfekter ideologischer Schutzschild für die Interessen der Agrochemie- und Lebensmittelkonzerne.

Die Symbiose manifestiert sich in einer strategischen Arbeitsteilung. Die Industrie liefert die immense Finanzkraft, um Lobbyisten zu finanzieren und ein industriefreundliches wissenschaftliches Narrativ zu schaffen, notfalls durch unethische Praktiken wie das “Ghostwriting” von Studien. Die Führung der Bauernverbände liefert die entscheidendepolitische Legitimität. Eine Forderung nach weniger Pestizid-Regulierung klingt aus dem Mund eines Bauernpräsidenten weitaus authentischer und glaubwürdiger als aus dem Mund eines Konzernmanagers. Der gute Ruf des Berufsstandes wird missbraucht, um eine Politik durchzusetzen, die primär den Agrarkonzernen und den größten Betrieben dient.

Eine kleine, aber mächtige Elite von Agrarfunktionären, die persönlich und unternehmerisch vom industriellen Modell profitiert, hat die Bauernverbände in ein effektives Instrument zur Durchsetzung der Interessen der Agro-Industrie transformiert. Sie nutzen die ökonomischen Zwänge und den Konformitätsdruck innerhalb der Bauernschaft, um eine Politik zu legitimieren, die langfristig den Interessen der Mehrheit der kleineren und mittleren Betriebe sowie den ökologischen Interessen der gesamten Gesellschaft zuwiderläuft.

Eine der spannendsten Fragen lautet daher: Wie lange lässt sich die breite Masse der Bauern noch für eine Politik mobilisieren, die eine Landwirtschaft fördert, in der für sie selbst immer weniger Platz ist?

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