Es ist das Fundament der modernen Landwirtschaft, ein Mantra, das von Agrarkonzernen und Bauernverbänden unablässig wiederholt wird: „Wir müssen die Welt ernähren.“ Diese simple, edel klingende Aussage rechtfertigt den Einsatz von Tonnen an Pestiziden, die Einebnung von Landschaften zu riesigen Monokulturen und den unermesslichen Ressourcenhunger eines Systems, das an den ökologischen Grenzen unseres Planeten zerrt. Die Botschaft ist klar: Ohne diese intensive Wirtschaftsweise droht der globale Hunger.
Doch was, wenn diese grundlegende Annahme nicht nur falsch, sondern die exakte Umkehrung der Wahrheit ist? Was, wenn das System, das angeblich zur Ernährung der Menschheit geschaffen wurde, in Wirklichkeit die größte Lebensmittelverschwendungsmaschine ist, die je existierte? Dieser Artikel ist eine Spurensuche, eine Untersuchung, die einer einfachen und fundamentalen Frage folgt:
Für wen produzieren wir eigentlich: Für 8 Milliarden Menschen oder für über 80 Milliarden Nutztiere, die wir jährlich für unseren Konsum halten?

Die zentrale Erkenntnis, die sich aus der aktuellen Forschung ergibt, ist eindeutig: Der globale Hunger ist kein Problem der unzureichenden Produktionsmenge an Nahrungsmitteln. Die Menschheit produziert bereits heute genügend Kalorien, um eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Das Problem des Hungers ist folglich kein agronomisches, sondern ein systemisches Problem, das in der Allokation von Ressourcen, der Verteilungsgerechtigkeitund der fundamentalen Ineffizienz des globalen Ernährungssystems wurzelt. Im Zentrum dieser Ineffizienz steht die landwirtschaftliche Tierhaltung in ihrer industriellen Ausprägung.
Frage 1: Die Bestandsaufnahme – Wie viel für den Trog, wie viel für den Teller?
Die erste, entscheidende Frage lautet daher:
Wie genau verteilen sich die landwirtschaftlichen Flächen und die geernteten Kalorien der Welt auf die direkte menschliche Ernährung und die Futtermittelproduktion?
Die Antwort ist schockierend und von einer erdrückenden statistischen Klarheit. Eine Analyse der globalen Flächenbilanz zeigt unmissverständlich, dass nicht der Mensch, sondern das Nutztier der dominante “Endverbraucher” landwirtschaftlicher Flächen ist. Wenn man die Flächen für Weideland und den Anbau von Futtermitteln zusammenfasst, beansprucht die Tierhaltung zwischen 77 % und 83 % der gesamten globalen Agrarflächen. Die am häufigsten zitierte und robusteste Zahl aus der umfassenden Analyse von Poore & Nemecek (2018 in Science veröffentlicht), die auf Daten von fast 40.000 Farmen in 119 Ländern basiert, liegt bei 83 %. Diese enorme Fläche entspricht in ihrer Dimension den gesamten amerikanischen Kontinenten – Nord- und Südamerika zusammengenommen – oder einer Landmasse, die der Fläche der USA, Chinas, der Europäischen Union und Australiens zusammen entspricht.
Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche der Erde beläuft sich auf etwa 4,8 Milliarden Hektar, was rund 43 % der eisfreien Landoberfläche des Planeten ausmacht. Diese teilt sich auf in circa 3,2 Milliarden Hektar Weideland und 1,6 Milliarden Hektar Ackerland. Das Argument, ein Großteil des Weidelandes sei ohnehin nicht für den Ackerbau geeignet, ist zwar oft korrekt, verschleiert jedoch das Kernproblem der direkten Ressourcenkonkurrenz um das wertvollste Land, das wir haben: unsere Ackerflächen.
Genau hier findet der entscheidende Konflikt um die globale Ernährungssicherheit statt. Global werden 33 % des gesamten Ackerlandes für die Produktion von Futtermitteln verwendet, wie die FAO berichtet. Andere Analysen beziffern den Anteil sogar auf 38 %. Das bedeutet, mehr als ein Drittel der fruchtbarsten Böden der Welt ist nicht für Brot, Reis oder Gemüse für den Menschen reserviert, sondern für den Anbau von Soja, Mais und anderem Getreide für den Futtertrog. Auf Kalorienbasis zeigt sich das Bild noch schärfer: 36 % aller weltweit geernteten pflanzlichen Kalorien werden an Nutztiere verfüttert. Diese Flächen stehen in direkter Konkurrenz zur Produktion von Nahrung für den Menschen.
Die enorme Inanspruchnahme von Land steht zudem in einem extremen Missverhältnis zu ihrem Beitrag zur globalen Ernährung. Trotz der Nutzung von rund 83 % der Agrarflächen liefert die Tierhaltung (Fleisch, Milchprodukte, Aquakultur) lediglich 17 % bis 18 % der globalen Kalorienversorgung und 37 % der Proteinversorgung. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Der direkte Anbau pflanzlicher Lebensmittel auf nur etwa 17 % der Agrarflächen stellt über 82 % der weltweiten Kalorien und 63 % des Proteins bereit. Ein System, das über drei Viertel seines wichtigsten Inputs – Land – für einen Sektor aufwendet, der nur einen Bruchtteil der globalen Ernährung liefert, ist per Definition nicht auf die Ernährung von Menschen, sondern auf die Fütterung von Tieren optimiert. Das Bild ist eindeutig: Der größte Landnutzer auf diesem Planeten ist nicht der Mensch, sondern das Nutztier.

Frage 2: Die Effizienz-Analyse – Was kommt am Ende raus?
Die enorme Landnutzung ist jedoch nur der erste Teil des Problems. Die volle Tragweite der systemischen Ineffizienz offenbart sich erst, wenn wir der nächsten Frage nachgehen:
Die große Verschwendung: Wie ineffizient ist die Umwandlung von pflanzlichen Kalorien in tierische Kalorien wirklich?
Hier treffen landwirtschaftliche Praktiken auf fundamentale Gesetze der Physik und Biologie. Jedes Mal, wenn eine Kalorie eine Stufe in der Nahrungskette nach oben wandert – von der Sojabohne zum Schwein –, geht ein Großteil der Energie verloren. Dieses in der Ökologie als trophische Ineffizienz bekannte Prinzip basiert auf dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Das Tier verbraucht den weitaus größten Teil der Energie für seine eigenen Lebensprozesse: Stoffwechsel, Körpertemperatur, Bewegung und Atmung. Nur ein winziger Bruchtteil wird in für den Konsumenten verfügbare Biomasse – also Fleisch, Milch oder Eier – umgewandelt.
Der in der Agrarindustrie oft verwendete Begriff “Veredelungsverluste” ist aus wissenschaftlicher Sicht ein Euphemismus. Er suggeriert eine Wertsteigerung, verschleiert aber die Tatsache, dass es sich um einen Prozess der massiven energetischen Degradation handelt. Ein Prozess, der je nach Tierart zwischen 89 % und 99 % des kalorischen Inputs eliminiert, muss als systematische Reduktion von Nahrungsenergie beschrieben werden.
Um diese Ineffizienz präzise zu messen, greift die Wissenschaft auf die Analyse der Kalorien- und Protein-Retentionzurück. Diese Methode vergleicht die Menge an Kalorien und Protein im (oft für Menschen essbaren) Futter direkt mit der Menge im essbaren Endprodukt. Die Zahlen des World Resources Institute sind ernüchternd.
Die Produktion von Rindfleisch ist die mit Abstand ineffizienteste Form der Kalorienumwandlung. Pro 100 Futterkalorien, die an ein Rind verfüttert werden, erhält man im globalen Durchschnitt nur 1 bis 3 Kalorien in Form von essbarem Fleisch zurück. Dies entspricht einem Kalorienverlust von 97 % bis 99 %. Die Protein-Retention ist ebenfalls extrem niedrig: Von 100 Einheiten Futterprotein werden nur 4 % in essbares Rindfleischprotein umgewandelt.
Beim Schweinefleisch sind die Verluste zwar geringer, aber immer noch enorm. Pro 100 Futterkalorien werden etwa 10 Kalorien in Form von essbarem Schweinefleisch erzeugt, was einem Verlust von 90 % entspricht. Die Protein-Retention liegt hier bei 15 %.
Geflügel gilt als die “effizienteste” Form, doch auch hier gehen fast 90 % der ursprünglichen Futterkalorien verloren. Pro 100 Futterkalorien werden circa 11 Kalorien als essbares Geflügelfleisch gewonnen. Dies entspricht einem Kalorienverlust von 89 %. Die Protein-Retention ist mit 20 % die höchste unter den landbasierten Nutztieren.
Unser System ist also darauf ausgelegt, eine riesige Menge an pflanzlichen Kalorien zu nehmen und sie in eine winzige Menge an tierischen Kalorien zu verwandeln. Es ist, als würde man versuchen, sein Haus zu heizen, indem man Geldscheine verbrennt – ein bisschen Wärme entsteht, aber der Wert wird fast vollständig vernichtet.

Frage 3: Das Alternativ-Szenario – Was wäre, wenn?
Diese schockierende Ineffizienz kann uns allerdings auch hoffnungsvoll stimmen:
Was würde geschehen, wenn wir die für Futtermittel genutzten Ackerflächen konsequent für den direkten Anbau menschlicher Nahrung nutzen würden?
Die Antwort auf diese Frage verändert alles. Eine wegweisende Studie von Forschern der University of Minnesota (2013, Environmental Research Letters) quantifizierte dieses Potenzial: Eine solche Umstellung würde die weltweit verfügbaren Nahrungskalorien um bis zu 70 % steigern. Dieser Zuwachs würde ausreichen, um zusätzliche vier Milliarden Menschen zu ernähren. Aus rein arithmetischer und agronomischer Sicht würde diese Maßnahme allein das Problem des Welthungers eliminieren. Der Welthunger wäre mit einem Schlag kein Thema mehr.
Der Effizienzgewinn ist so gewaltig, dass er das Argument der leicht geringeren Erträge im biologischen Anbau mühelos aushebelt. Selbst wenn biologische Landwirtschaft 20 % weniger Ertrag pro Hektar liefern würde, wäre der Kaloriengewinn durch die Umstellung von Futtermittel auf Lebensmittel immer noch astronomisch.
Mehr noch: Wir bräuchten nicht einmal alle frei-werdenden Flächen. Die Modelle von Poore & Nemecek zeigen, dass eine vollständige, weltweite Umstellung auf eine rein pflanzliche Ernährung die globale landwirtschaftliche Flächennutzung um 3,1 Milliarden Hektar reduzieren würde. Das entspricht 76 % der gesamten heute genutzten Agrarfläche. Wir könnten einen beträchtlichen Teil davon der Natur zurückgeben. Dieser als Rewilding bezeichnete Prozess würde es erlauben, Wälder wiederaufzuforsten und Moore wiederzuvernässen, die als massive Kohlenstoffsenken und Horte der Biodiversität für das Überleben unseres Planeten entscheidend sind. Die Alternative ist also nicht Verzicht, sondern ein unvorstellbarer Reichtum an Nahrung und Natur.

Frage 4: Die Nuancierung – Welche Rolle haben Tiere in einem nachhaltigen System?
Aber brauchen wir Nutztiere nicht doch? Welche Rolle könnten sie in einem wirklich nachhaltigen Kreislaufsystem spielen?
Es stimmt: Tiere waren jahrtausendelang ein integraler Bestandteil nachhaltiger Landwirtschaft – und könnten es wieder sein. Ihre Rolle wäre jedoch eine völlig andere als im heutigen Industriesystem. Die ökologisch sinnvollste Rolle von Nutztieren besteht darin, Biomasse zu verwerten, die für den Menschen nicht essbar ist – sie agieren als “Upcycler”.
In einem intelligenten Kreislaufsystem erfüllen Nutztiere drei entscheidende Funktionen, die nicht in Konkurrenz zum Menschen stehen:
- Resteverwerter: Schweine und Hühner können Lebensmittelabfälle und Nebenprodukte verwerten, die für den Menschen ungenießbar sind.
- Landschaftspfleger: Wiederkäuer können für den Ackerbau ungeeignetes Grasland beweiden und dieses in hochwertige Lebensmittel umwandeln. Nachhaltige Beweidung kann zudem die Bodengesundheit verbessern und Kohlenstoff binden.
- Nährstofflieferanten: Ihr Mist ist ein wertvoller organischer Dünger, der die Bodenfruchtbarkeit erhält und die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln reduziert.
Das heutige industrielle System hat diese Logik auf den Kopf gestellt. Anstatt Reststoffe zu verwerten, werden Tiere mit hochwertigen Feldfrüchten gefüttert und sind so zu unseren größten Nahrungskonkurrenten geworden. Ihre schiere Masse erzwingt die Zerstörung von Landschaften, und die Konzentration von Gülle wird zu einem gravierenden Umweltproblem, das Grundwasser und Klima belastet. Ein nachhaltiges System mit Tieren ist möglich, aber es wäre ein System mit dramatisch weniger, dafür artgerechter und ökologisch integrierter Tierhaltung.
Frage 5: Die Schlussfolgerung – Woran krankt das System wirklich?
Nach diesem Blick auf die Fakten können wir zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren und sie beantworten:
Ist der Welthunger ein Problem des Mangels an Lebensmitteln – oder ein Problem der Prioritäten, der Verteilung und der Verschwendung?
Die Faktenlage ist eindeutig. Wir leben nicht in einer Welt des Mangels, sondern in einer Welt des Überflusses. Der Hunger in der Welt ist kein agronomisches, sondern ein politisches, ökonomisches und systemisches Problem.

Die Behauptung der Agrarindustrie, sie müsse mit allen Mitteln die Produktion steigern, um die Welt zu ernähren, ist ein Mythos. Mehr noch: Es ist eine gefährliche Irreführung. Das System der intensiven Futtermittelproduktion ist nicht die Lösung des Hungerproblems – es ist eine seiner größten Ursachen. Es vernichtet Kalorien im industriellen Maßstab, verschwendet Land und Wasser und treibt uns an den Rand des ökologischen Kollapses.
Das System ist nicht dazu da, die Welt zu ernähren. Es ist dazu da, eine ressourcenintensive Form des Konsums für einen Teil der Weltbevölkerung zu maximieren – mit verheerenden Kosten für alle anderen und für den Planeten selbst. Wie Poore & Nemecek schlussfolgern: “Eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten kann Umweltvorteile in einem Ausmaß bringen, das von den Produzenten allein nicht erreicht werden kann”.


