26) Die Hitzemaschine

Das untrennbar integrierte System aus intensiver Landwirtschaft und industrieller Tierproduktion ist der Hauptverursacher unserer ökologischen Krisen. Nachdem wir seinen verheerenden Einfluss auf die Artenvielfalt bereits im Detail angesehen und seine Auswirkung auf die planetaren Belastungsgrenzen im Überblick beleuchtet haben, wenden wir uns nun der vielleicht größten Bedrohung zu: der Rolle der intensiven Landwirtschaft als zentraler Motor der Erderhitzung. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass dieses System nicht nur ein Klimafaktor unter vielen ist; es ist vielmehr die zentrale Hitzemaschine, die das Klimasystem an mehreren Fronten gleichzeitig und mit besonderer Wucht angreift.

Die globale Diagnose: Der wahre Anteil an der Klimakrise

Um die Klimawirkung unseres Agrarsystems zu bemessen, müssen wir zuerst die Grenzen der Betrachtung korrekt ziehen. Eine konservative, enge Abgrenzung, die nur Emissionen direkt vom Feld und aus dem Stall erfasst, kommt zu dem Ergebnis, der Sektor sei für etwa 17 bis 21 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich. Diese Zahl ist jedoch irreführend, denn sie ignoriert die Realität des Systems. Das System der industriellen Tierproduktion existiert nicht im luftleeren Raum; es ist die Ursache für eine globale Maschinerie der Futtermittelproduktion und Landnutzungsänderung.

Zieht man die Grenzen ehrlicher, wie es der Weltklimarat (IPCC) tut, so ist der Sektor “Landwirtschaft, Forstwirtschaft und andere Landnutzung” (AFOLU) bereits für rund 23 % der von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Berücksichtigt man die gesamte Kette von der Verarbeitung bis zum Handel, kommen Studien zu dem Schluss, dass das Ernährungssystem als Ganzes für bis zu einem Drittel der globalen Erwärmung verantwortlich zeichnet. Konkret beziffert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) den Anteil auf 31 %, was im Jahr 2020 einem Wert von 16 Gigatonnen CO₂-Äquivalenten entsprach. Der große Unterschied zwischen dem reinen AFOLU-Sektor mit seinen 13 bis 21 % und dieser Gesamtzahl offenbart die gewaltigen “versteckten” Klima-Kosten für Düngerproduktion, Transport, Verarbeitung und Kühlung. Die realistischste Schätzung des Beitrags liegt daher bei etwa 25 bis 30 Prozent. Diese Zahl berücksichtigt, dass die Abholzung des Regenwaldes für Sojafutter kein externer Faktor, sondern ein integraler Bestandteil des Systems ist. Schon hier zeigt sich, wo das Hauptproblem liegt: Die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern ist für 57 % aller lebensmittelbedingten Emissionen verantwortlich, während pflanzliche Lebensmittel nur 29 % ausmachen.

Die unsichtbaren Brandbeschleuniger: Methan und Lachgas

Ein Großteil der Klimawirkung des Agrarsystems entstammt nicht dem Kohlendioxid, sondern zwei weitaus potenteren klimawirksamen Gasen: Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O). Sie sind die unsichtbaren Brandbeschleuniger der Klimakrise. Das Agrarsystem ist die weltweit dominante Quelle für diese Gase und verursacht 53 % aller menschengemachten Methan- und 78 % aller Lachgasemissionen.

Methan ist über einen Zeitraum von 20 Jahren etwa 80-mal klimaschädlicher als CO₂. Über 100 Jahre betrachtet ist seine Wirkung immer noch 27- bis 30-mal stärker. Das Agrarsystem ist für 44 % der globalen Methanemissionen verantwortlich, die aus zwei Hauptquellen stammen. Die größte ist die enterische Fermentation: Im Pansen der Wiederkäuer zersetzen Mikroben unter Luftabschluss Zellulose – ein Prozess, bei dem als Nebenprodukt Methan entsteht, das die Tiere ausrülpsen. Dieser Prozess allein ist die größte Einzelquelle für Methan im Agrarsektor und für rund 32 %seiner gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die zweite Quelle ist die Lagerung von Gülle in großen, sauerstoffarmen Behältern, wo ähnliche mikrobielle Prozesse ablaufen.

Noch potenter ist Lachgas, das 273-mal klimaschädlicher ist als CO₂ und über ein Jahrhundert in der Atmosphäre verbleibt. Das Agrarsystem ist für sage und schreibe 81 % der globalen Lachgasemissionen verantwortlich. Sie entstehen hauptsächlich, wenn synthetische Stickstoffdünger, die für den Futtermittelanbau ausgebracht werden, im Boden durch Mikroorganismen umgewandelt werden. Ein Teil des Stickstoffs entweicht dabei als Lachgas in die Atmosphäre.

Der Kohlenstoff-Kollaps: Die Zerstörung von Wäldern und Böden

Neben diesen “Super-Gasen” ist das Agrarsystem auch ein gewaltiger Treiber von CO₂-Emissionen. Seine Hauptursache ist allerdings nicht der Schornstein, sondern die Kettensäge. Wälder und gesunde Böden sind die größten CO₂-Senken an Land. Das bedeutet, sie sind natürliche Systeme, die mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufnehmen und speichern, als sie abgeben. Das Agrarsystem kehrt diesen Prozess um.

Die systematische Zerstörung dieser Speicher ist eine direkte Folge des unersättlichen Hungers des Systems nach Fläche. Um diesen Hunger zu verstehen, muss man die Dimensionen kennen: Die Landwirtschaft nutzt die Hälfte der gesamten bewohnbaren Landoberfläche der Erde, und von dieser riesigen Fläche werden allein 77 % für die Tierhaltung genutzt. Die Rinderhaltung allein ist für 41 % der tropischen Entwaldung verantwortlich. Dies wird oft fälschlicherweise dem Konsum von Tofu zugeschrieben, doch die Fakten widerlegen diesen Mythos: 76 bis 80 % des weltweit angebauten Sojas werden an Nutztiere verfüttert, während nur etwa 6 % direkt von Menschen konsumiert werden. Wenn Wälder für neue Weiden oder Futtermittelfelder gerodet werden, werden nicht nur CO₂-Senken im großen Stil vernichtet, es wird auch der über Jahrhunderte im Holz und im Boden gespeicherte Kohlenstoff als CO₂ freigesetzt. Danach degradiert die intensive Bewirtschaftung die Böden selbst. Gesunder, humusreicher Boden besteht zu einem erheblichen Teil aus organischem Kohlenstoff. Durch Erosion, also den Abtrag der fruchtbaren obersten Bodenschicht, geht dieser Kohlenstoff verloren und wird in der Atmosphäre zu CO₂. Auf konventionell bewirtschafteten Äckern ist die Erosionsrate heute mehr als 100-mal höher als die natürliche Rate der Bodenneubildung. Konkret beträgt die Erosionsrate im Schnitt 1 mm pro Jahr, während die natürliche Rate der Bodenneubildung oft bei weniger als 0,1 mm pro Jahr liegt. So wird die lebenswichtige Kohlenstoffsenke Boden zu einer zusätzlichen Kohlenstoffquelle.

Die Anatomie der Emissionen: Die Logik der Zerstörung

Wie verteilen sich diese Emissionen innerhalb des Systems? Die Aufschlüsselung offenbart eine fast symmetrische Lastenteilung. Die direkten Emissionen aus der Tierhaltung (enterische Fermentation und Güllemanagement) und die Emissionen aus der Produktion von Tierfutter (Düngemittel, Maschinen) halten sich in etwa die Waage. Beide Blöcke sind für sich genommen bereits gewaltig. Die volle Dimension der Zerstörung wird jedoch erst sichtbar, wenn man die Emissionen aus der Landnutzungsänderung hinzurechnet. Diese sind so massiv, dass sie den Beitrag der Landwirtschaft zur Klimakrise noch einmal dramatisch erhöhen.

Der eigentliche Motor hinter all diesen Prozessen ist die fundamentale Ineffizienz des Systems. Weil bei der Umwandlung von pflanzlichen zu tierischen Kalorien bei Rindfleisch bis zu 99 % des Inputs verloren gehen, wird jene Kaskade der Zerstörung in Gang gesetzt, die alle zuvor genannten Emissionsquellen speist.

Ausblick

Die Diagnose ist eindeutig: Das System aus intensiver Landwirtschaft und Tierproduktion ist der dominante Treiber für die Überschreitung der planetaren Belastungsgrenzen unseres Klimasystems. Doch in der Größe des Problems liegt auch die Größe des Lösungshebels. Eine Abkehr von diesem System würde nicht nur die Emissionen drastisch senken. Sie würde, wie eine wegweisende Studie zeigt, die globale landwirtschaftliche Flächennutzung um 76 % reduzieren. Dies würde 3,1 Milliarden Hektar Land freisetzen, eine Fläche von der Größe des afrikanischen Kontinents. Die Treibhausgasemissionen des Lebensmittelsystems könnten dadurch um 49 bis 73 % gesenkt werden. Wir könnten riesige Landflächen der Natur zurückgeben und durch Wiederaufforstung und die Wiedervernässung von Mooren massive Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden. Die Überlegenheit dieses Ansatzes zeigt sich im Detail: Selbst das emissionsärmste Rindfleisch verursacht pro 100 Gramm Protein immer noch sechsmal mehr Treibhausgaseund benötigt 36-mal mehr Land als Erbsen. Während technische Verbesserungen in der Landwirtschaft nötig sind und 20 bis 30 %der bis 2050 nötigen globalen Emissionsminderungen liefern können, stellt der Weltklimarat klar, dass sie verzögerte Reduktionen in anderen Sektoren nicht kompensieren können. Das Agrarsystem, heute einer der größten Zerstörer des Klimas, birgt damit den wirksamsten Schlüssel zu seiner Stabilisierung.

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