28) Globale Dürre

“Süßwasserverbrauch” ist, ähnlich wie “Landnutzungsänderung”, ein Begriff von fast klinischer Nüchternheit. Er beschreibt jedoch einen der fundamentalsten und bedrohlichsten Prozesse unserer Zeit: die systematische Übernutzung und Zerstörung der Wasserressourcen, die unsere Zivilisation erst ermöglichen.

Hinter diesem technischen Terminus verbirgt sich die Entnahme von Wasser aus dem lokalen Kreislauf, sodass es für Ökosysteme oder andere Menschen nicht mehr verfügbar oder brauchbar ist. Konkret bedeutet das:

  • Einlagerung in Produkte: Uraltes Grundwasser aus den Tiefen der indischen Erde wird für den Anbau von Baumwolle genutzt, in ein T-Shirt “eingelagert” und fehlt damit unwiederbringlich im lokalen Kreislauf. Das katastrophalste Beispiel hierfür ist der Aralsee, der verschwand, weil seine Zuflüsse zur Bewässerung von Baumwollfeldern umgeleitet wurden. Der Konsum eines T-Shirts in Europa ist damit direkt mit dem Kollaps eines ganzen Ökosystems in Zentralasien verbunden.
  • Verdunstung und Transport: Wasser aus dem Jordan wird zur Bewässerung von Avocado-Plantagen versprüht und verdunstet auf den Feldern. Weltweit gehen bei traditioneller Flutbewässerung bis zu 60 % des Wassers durch Verdunstung verloren, bevor es die Pflanzenwurzeln überhaupt erreicht. Es fehlt dem ursprünglichen Fluss, der zu einem Rinnsal verkommt, und lässt das Tote Meer sterben.
  • Verschmutzung: Wasser, das durch Düngemittel wie Nitrate und Phosphate aus der intensiven Landwirtschaft verunreinigt wird, ist zwar physisch noch vorhanden, aber für die meisten Zwecke toxisch und unbrauchbar geworden.

Es geht also um den „Verbrauch“ der endlichen und unersetzlichen Ressource Süßwasser. Die treibende Kraft dahinter ist mit überwältigender Mehrheit die intensive Landwirtschaft. Die Art und Weise, wie die Weltbevölkerung ernährt wird – insbesondere durch die ineffiziente und wasserintensive Überproduktion von tierischen Kalorien bzw. Futtermitteln – ist die dominante Kraft, die die Wasseradern des Planeten trockenlegt.

Entwicklung, Prognose und Relevanz: Ein Prozess außer Kontrolle

Die Übernutzung von Wasser ist kein neues Phänomen, doch ihr Tempo hat sich dramatisch beschleunigt. Um die schiere Dimension zu verdeutlichen: Die globale Wasserentnahme ist zwischen 1900 und 2010 um das 7,3-fache gestiegen und wuchs damit 1,7-mal schneller als die Weltbevölkerung.

Die umfassendste Einordnung dieser Krise liefert das Konzept der “Planetaren Grenzen”. Die aktuelle Neubewertung hat ergeben, dass die Grenze für “Süßwasserveränderung” eindeutig überschritten ist. Dabei unterscheiden die Forscher zwischen:

  • Blauem Wasser: Das sichtbare Wasser in Flüssen, Seen und Grundwasserleitern.
  • Grünem Wasser: Das unsichtbare Wasser, das als Bodenfeuchtigkeit gespeichert ist und die Grundlage für Wälder und regenabhängige Landwirtschaft bildet.

Der alarmierende Befund: Beide Grenzen sind überschritten, was eine tiefgreifende Störung des gesamten Wasserkreislaufs des Planeten signalisiert. Diese Überschreitung manifestiert sich global:

  • Sinkende Grundwasserspiegel: Im Central Valley in Kalifornien, einer der Kornkammern der USA, führt die massive Grundwasserentnahme für die Landwirtschaft zu einer Absenkung der Landoberfläche von bis zu 30 cm pro Jahr. Dies verursacht Milliardenschäden an Infrastruktur und einen Wertverlust von Wohnhäusern von geschätzt 1,87 Milliarden US-Dollar.
  • Sterbende Flüsse: Der Colorado River, die Lebensader für 40 Millionen Menschen, hat durch den Klimawandel bereits über 40 Billionen Liter Wasser verloren – das entspricht dem gesamten Volumen des größten US-Stausees, Lake Mead.
  • Schwindende Gletscher: Die Gletscher im Himalaya, die “Wassertürme” Asiens, schmelzen heute fast doppelt so schnell wie noch vor zwei Jahrzehnten. Dies erhöht kurzfristig die Gefahr katastrophaler Gletscherlauf-Fluten (GLOFs), die bereits über 12.000 Todesopfer forderten. Langfristig bedroht der Verlust dieser Speicher die Wasserversorgung von fast zwei Milliarden Menschen.

Die Konsequenzen: Die unsichtbare Infrastruktur zerfällt

Die Zerstörung der Wasserkreisläufe vernichtet die unsichtbare Infrastruktur, die unsere Zivilisation sichert.

A. Wir verlieren unsere kostenlosen Dienstleister

Intakte Ökosysteme erbringen lebenswichtige Wasserdienstleistungen. Ihr Wert wird oft erst erkannt, wenn sie durch technische, teure Alternativen ersetzt werden müssen. Das ökonomische Konzept der “Ersatzkosten” macht diesen Wert sichtbar.

  • Fallbeispiel New York City: In den 1990er Jahren stand die Stadt vor der Wahl: eine Wasseraufbereitungsanlage für 8-10 Milliarden US-Dollar zu bauen oder in den Schutz ihres Einzugsgebiets in den Catskill Mountains zu investieren. Sie entschied sich für die Natur und hat seitdem über 1,7 Milliarden US-Dollar in das Schutzprogramm investiert. Ergebnis: Die Notwendigkeit der milliardenschweren Filteranlage wurde vermieden, was beweist, dass der Schutz von Naturkapital eine ökonomisch rationale Investition ist.

B. Wir gefährden die öffentliche Gesundheit

Wasserknappheit und -verschmutzung sind eine direkte Bedrohung. Die WHO schätzt, dass 2019 rund 1,4 Millionen Todesfälle durch Mangel an sicherem Wasser und Hygiene hätten verhindert werden können. Weltweit haben 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicher verwaltetem Trinkwasser. Dies schafft ideale Bedingungen für tödliche Krankheiten wie Cholera, Typhus und Ruhr.

C. Wir gefährden unsere Nahrungs- und Energiesicherheit

Wasser-, Nahrungs- und Energiesysteme sind untrennbar zu einem “Krisen-Nexus” verwoben.

  • Nahrungssicherheit: Wenn Flüsse in Spanien oder Italien austrocknen, vertrocknet unser Gemüse. Sinkt der Grundwasserspiegel in Indien, wird der Reisanbau unmöglich.
  • Energiesicherheit: Thermische Kraftwerke (Kohle, Gas, Atom) benötigen riesige Mengen Kühlwasser. Im Hitzesommer 2022 mussten französische Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln, weil die Flüsse zu warm oder leer waren. Prognosen zufolge könnten solche Abschaltungen bis 2050 drei- bis viermal häufiger werden.

Wer bewirkt die Veränderung? Der “Virtuelle Wasser-Fußabdruck”

Der direkte Wasserverbrauch im Haushalt ist nur die Spitze des Eisbergs. Der wahre Verbrauch steckt als “virtuelles Wasser” in den Produkten, die wir konsumieren. Die Hauptursache ist die intensive Landwirtschaft: sie ist für 70 % aller Süßwasserentnahmen verantwortlich; in Trockenregionen kann dieser Anteil auf bis zu 95 % steigen.

  • Die Ineffizienz tierischer Produkte: Die Produktion von einem Kilo Rindfleisch erfordert 15.415 Liter Wasser.
    • Grünes Wasser (94 %): Regenwasser für Weiden und Raufutter.
    • Blaues Wasser (4 %): Aktiv entnommenes Wasser zur Bewässerung von Futterpflanzen wie Soja und Mais. Obwohl der Anteil klein ist, hat dieser Verbrauch die katastrophalsten Auswirkungen auf lokale Wasserknappheit.
  • “Durstige” Nutzpflanzen für den Export: Unser Konsum in Europa ist eine direkte Ursache für Wasserkrisen im globalen Süden.
    • Fallbeispiel Avocados in Petorca, Chile: Die massive Ausweitung von Avocado-Plantagen für den Export hat Flüsse austrocknen lassen und die lokale Bevölkerung von Wasserlieferungen per Tankwagen abhängig gemacht.
    • Fallbeispiel Spargel im Ica-Tal, Peru: In einer der trockensten Wüsten der Welt wird Spargel für europäische Supermärkte mit fossilem Grundwasser angebaut. Der Grundwasserspiegel ist an einigen Stellen um bis zu acht Meter pro Jahr gefallen, was Kleinbauern ihre Lebensgrundlage entzieht.

Der virtuelle Wasser-Fußabdruck verschiedener Produkte zeigt enorme Unterschiede auf. An der Spitze steht Rindfleisch mit 15.415 Litern pro Kilogramm, gefolgt von Schaffleisch mit 10.412 Litern. Schweinefleisch (5.988 Liter) und Käse (5.060 Liter) liegen im Mittelfeld der tierischen Produkte, während Hühnerfleisch mit 4.325 Litern deutlich weniger benötigt. Bei pflanzlichen Produkten ist die Bandbreite ebenfalls groß: Reis kommt auf 2.497 Liter pro Kilo, während Weizen mit 1.827 Litern auskommt. Exportfrüchte wie Avocados (ca. 1.000-2.000 Liter) und Spargel (ca. 2.150 Liter) haben einen hohen Fußabdruck, der in Trockenregionen stark ansteigen kann. Im Vergleich dazu sind Grundnahrungsmittel wie Tomaten (214 Liter) und Kartoffeln (287 Liter) überaus wassersparend.

Was wir – rein theoretisch – tun müssten

Die technologischen Lösungen sind bekannt und erprobt. Der limitierende Faktor ist nicht die Technologie, sondern das Fehlen der richtigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen.

  • Transformation der Landwirtschaft (Beispiel Israel): Durch den flächendeckenden Einsatz von Tröpfchenbewässerung und das Recycling von fast 90 % des kommunalen Abwassers konnte Israel seine landwirtschaftliche Produktion seit der Staatsgründung versechzehnfachen, während der Wasserverbrauch nahezu konstant blieb.
  • Transformation von Städten (Beispiel Singapur): Der Stadtstaat deckt mit “NEWater”, hochaufbereitetem Abwasser, bereits 40 % seines Wasserbedarfs. Bis 2060 soll der Anteil auf 55 % steigen.
  • Schutz von Ökosystemen (Beispiel New York City): Die Investition in “grüne Infrastruktur” ist oft die wirtschaftlich intelligenteste Strategie zur Sicherung der Wasserversorgung.

Die Realität der Untätigkeit: Der Systemfehler der externalisierten Kosten

Trotz bekannter Lösungen schreitet die Zerstörung voran. Der Grund ist ein fundamentaler Fehler im Wirtschaftssystem: die Externalisierung von Kosten. Die wahren ökologischen und sozialen Kosten der Wasserübernutzung (z.B. ein kollabierter Aralsee) werden nicht vom Verursacher getragen, sondern auf die Gesellschaft abgewälzt. Dies schafft einen perversen Anreiz: Wasserverschwendung ist kurzfristig profitabel. Verstärkt wird dies durch “perverse Subventionen”:

  • Fallbeispiel Indien: Subventionierter Strom für Pumpen und garantierte Abnahmepreise für wasserintensiven Reis haben zu einer katastrophalen Übernutzung der Grundwasserleiter geführt.
  • Fallbeispiel Spanien: Subventionen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU haben die Ausweitung des bewässerten Anbaus in Trockengebieten gefördert und indirekt die Verbreitung von über 500.000 illegalen Brunnen finanziert.

Der Weg nach vorn: Die Spielregeln ändern

Die Lösung liegt in der Änderung der politischen und wirtschaftlichen Spielregeln. Ein entscheidender, wenn auch unzureichend umgesetzter, Schritt ist die EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Sie stellt einen Paradigmenwechsel dar:

  • Ganzheitlicher Ansatz: Sie betrachtet das gesamte Flusseinzugsgebiet, nicht nur einzelne Abschnitte.
  • Ökonomischer Hebel (Artikel 9): Sie fordert eine kostendeckende Wasserbepreisung, die explizit die “Umwelt- und Ressourcenkosten” einbezieht. Dies ist der rechtliche Versuch, die externen Kosten zu internalisieren.

Trotz ihres wegweisenden Konzepts ist die Umsetzung der WRRL unzureichend, was vor allem am mangelnden politischen Willen und dem Widerstand mächtiger Interessengruppen, insbesondere aus dem Agrarsektor, liegt.

Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Technologische und politische Lösungen allein reichen nicht aus. Der größte und wirkungsvollste Hebel zur Abwendung der globalen Wasserkrise liegt in der Transformation unseres Ernährungssystems. Eine drastische Reduzierung der Produktion und des Konsums von tierischen Kalorien und der damit verbundenen Futtermittelproduktion würde den Druck auf die globalen Süßwasserressourcen massiv verringern. Solange die externen Kosten dieser Produktionsweise nicht eingepreist werden und mächtige Agrarlobbys systemische Änderungen blockieren, bleibt allerdings die globale Dürre die unausweichliche Konsequenz.

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