2) Der Leidensfußabdruck

Im vorangegangenen Artikel haben wir in die „Black Box“ geblickt. Wir haben gesehen, dass die Wissenschaft kaum noch Zweifel daran lässt: In den Ställen und Fabriken dieser Welt wird nicht nur Biomasse verarbeitet. Da ist „jemand“. Wir sind umgeben von Milliarden Individuen, die Schmerz empfinden, Stress erleben und an ihrem Leben hängen.

Diese biologische Tatsache hat eine enorme moralische Sprengkraft. Denn „Fühlen“ ist nicht nur ein biologischer Zustand, es ist die Eintrittskarte in eine Welt, in der Lebewesen moralische Berücksichtigung verdienen. Ein Stein hat keine Interessen; es ist ihm egal, ob wir ihn zertrümmern. Ein Schwein aber hat ein Interesse daran, nicht zertrümmert zu werden. Sobald wir akzeptieren, dass Tiere keine Automaten sind, stehen wir in einer Beziehung zu ihnen. Es entsteht ein Verhältnis der Verantwortung zwischen dem Mächtigen (uns) und dem Ohnmächtigen (ihnen).

Aber wie genau ist dieses Verhältnis zu gestalten? Schulden wir ihnen die gleichen Rechte wie einem Menschen? Dürfen wir sie niemals nutzen? Oder ist – am anderen Ende der Skala möglicher Antworten – ihr Leid zwar bedauerlich, aber letztlich irrelevant?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir keine dicken Philosophie-Wälzer durchackern. Wir müssen uns nicht entscheiden, ob wir Utilitaristen, Kantianer oder religiös sind. Wir müssen nur radikal ehrlich sein, um uns einzugestehen, was wir ohnehin bereits glauben.

Das Michael-Vick-Syndrom (Unsere moralische Schizophrenie)

Beginnen wir mit einem Gedankenexperiment, das der Rechtsphilosoph Gary Francione nutzt, um unseren moralischen Kompass zu kalibrieren.

Erinnern Sie sich an Michael Vick? Er war ein berühmter US-Footballstar, der 2007 ins Gefängnis ging, weil er illegale Hundekämpfe organisierte. Er ließ Hunde gegeneinander antreten, sah zu, wie sie sich zerfleischten, und tötete die Verlierer eigenhändig durch Erhängen oder Stromstöße. Die Öffentlichkeit war nicht nur empört, sie war rasend vor Wut. Vick wurde als Monster gebrandmarkt, seine Karriere war ruiniert.

Warum diese Wut? Nicht, weil die Menschen glaubten, Hunde seien Menschen. Nicht, weil sie glaubten, Hunde hätten ein Wahlrecht. Die Antwort ist simpel und universell: Wir alle teilen eine fundamentale moralische Überzeugung:

„Es ist falsch, einem Tier unnötiges Leid zuzufügen.“

Wir akzeptieren, dass Tiere moralisch zählen. Wir akzeptieren, dass ihr Schmerz ein Gewicht hat. Und wir akzeptieren, dass wir eine Rechtfertigung brauchen, wenn wir ihnen Schaden zufügen wollen. Im Fall von Michael Vick war die Sache klar: Seine Rechtfertigung war „Vergnügen“ (Spaß am Kampf). Und wir alle sagten einstimmig: Das reicht nicht. Vergnügen ist keine Notwendigkeit.

Doch genau hier offenbart sich das, was Francione unsere „moralische Schizophrenie“ nennt. Wir verurteilen Vick, weil er Tiere für seinen Spaß nutzte. Doch was tun wir eigentlich?

Die Falle der Notwendigkeit (Eigentum vs. Interesse)

Blicken wir auf unseren Teller. Wir wissen (und werden uns damit noch ausführlicher im nächsten Artikel der Serie befassen), dass die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern massives Leid verursacht. Selbst im besten Bio-Betrieb werden Tiere von ihren Müttern getrennt, verstümmelt (Kastration ohne Betäubung, Enthornung) und schließlich gewaltsam getötet – oft noch im Kindesalter.

Was ist unsere Rechtfertigung dafür? Was ist die „Notwendigkeit“, die dieses Leid legitimiert?

  • Ist es Gesundheit? Nein. Alle großen Ernährungsgesellschaften bestätigen, dass eine gut geplante pflanzliche Ernährung für alle Lebensphasen gesund ist. Wir müssen keine Tiere essen, um zu überleben. (Im Gegenteil: Unser aktueller Massenkonsum ist nicht nur nicht lebensnotwendig, sondern sogar lebensgefährlich.)
  • Ist es Tradition? Traditionen erklären, warum wir etwas tun, aber sie rechtfertigen es nicht moralisch. Stierkämpfe waren und sind Tradition, moralisch gerechtfertigt finden sie nur wenige von uns. Auch die Sklaverei erschein den Menschen jahrhundertelang normal, moralisch richtig ist sie dennoch nicht.
  • Ist es Natur? Viele Tiere töten andere Tiere. Ist das nicht einfach natürlich? Sicher. Aber Tiere haben keine moralische Wahl. Wir schon.

Was bleibt übrig? Wir essen Tiere, weil sie uns schmecken. Weil es bequem ist. Weil wir es gewohnt sind. Anders ausgedrückt: Wir essen sie aus Vergnügen (Geschmack) und Bequemlichkeit.

Wenn wir ehrlich in den Spiegel schauen, müssen wir uns eingestehen: Unsere Rechtfertigung für das Töten der Kuh ist strukturell identisch mit Michael Vicks Rechtfertigung für das Töten der Hunde. Er tat es für den Kick. Wir tun es für den Gaumenkitzel.

Der einzige Grund, warum wir das eine als Verbrechen und das andere als „Abendessen“ betrachten, ist der rechtliche Status der Tiere: Sie sind unser Eigentum. Solange ein Tier rechtlich als Sache gilt, wird sein Interesse, nicht zu leiden, immer gegen das wirtschaftliche Interesse des Besitzers abgewogen – und dabei stets den Kürzeren ziehen. Unser Gesetz verbietet nur „unnötiges“ Leid, definiert aber gleichzeitig alles Leid als „notwendig“, das profitabel ist.

Vielleicht denken Sie jetzt: ‚Das mag ja alles stimmen, aber sind Menschen und Tiere wirklich gleich? Steht der Mensch nicht doch über dem Tier?‘ Um diese Intuition zu prüfen – und um zu zeigen, warum sie uns im Supermarkt nicht weiterhilft –, müssen wir uns (zumindest gedanklich) in eine Extremsituation begeben.

Das brennende Haus: Der konstruierte Konflikt

„Sind Menschen nicht wichtiger als Tiere?“, lautet eine oft gestellte Frage. „Zählt das Leid eines Kindes nicht mehr als das eines Huhns?“

Diese Frage ist zweifellos berechtigt. Und die Antwort der meisten Moralphilosophen – und vermutlich auch Ihre eigene Antwort – lautet: Ja.

Stellen Sie sich vor, ein Haus brennt. Sie können nur einen retten: Ein menschliches Kind oder einen Hund. Fast jeder von uns würde ohne zu zögern das Kind retten. In einer echten Notsituation, in einem existenziellen Konflikt, gewichten wir das menschliche Leben höher. Das mag an unserer Spezies-Solidarität liegen oder an den komplexeren Zukunftsplänen des Menschen oder woran auch immer …

Viele nutzen dieses Gedankenexperiment („Das brennende Haus“), um ihren Fleischkonsum zu rechtfertigen. Die Logik: „Da Menschen wichtiger sind als Tiere, darf ich das Tier essen.“

Doch das ist ein logischer Fehlschluss. Die Situation im Supermarkt ist kein brennendes Haus.

  1. Der Zwang: Im brennenden Haus sind wir in einer Zwangslage (Dilemma). Wir müssen wählen: Einer stirbt auf jeden Fall. Beim Mittagessen gibt es keinen Zwang. Niemand muss sterben. Wir können die Linsen oder den Tofu wählen und niemand kommt zu Schaden.
  2. Die Ursache: Im brennenden Haus ist der Konflikt ein Unfall. In der Tierhaltung haben wir den Konflikt selbst erschaffen. Wir züchten Milliarden Tiere, sperren sie ein („sperren sie in das brennende Haus“) und fragen dann: „Wen sollen wir retten?“

Wir erzeugen einen Konflikt, wo keiner sein müsste. Die Tatsache, dass Menschen in Extremsituationen „mehr zählen“, gibt uns keinen Freibrief, Tiere in Alltagssituationen wie Wegwerfware zu behandeln. Nur weil ich mein eigenes Kind retten würde statt das des Nachbarn, darf ich das Kind des Nachbarn ja auch nicht zum Spaß verprügeln oder versklaven.

Der kleinste gemeinsame Nenner (oder: Die Wette auf das Gute)

Der Vorteil dieser Argumentation besteht darin, dass wir keine komplizierte neue Moraltheorie unterschreiben oder radikale Tierrechtler werden müssen, um alle zu demselben Ergebnis zu kommen. Wir müssen uns nicht einmal sicher sein, welche ethische Theorie die richtige ist.

In der Philosophie nennt man das „Moral Uncertainty“ (Moralische Unsicherheit). Wir wissen oft nicht genau, was wahr ist. Haben Tiere unveräußerliche Rechte (wie Menschen)? Zählt ihr Leid in einer Gesamtrechnung (Utilitarismus)? Oder geht es eher darum einen guten Charakter zu entwickeln (Tugendethik)? Die klügsten Köpfe streiten sich darüber seit Jahrhunderten.

Doch für unsere Entscheidung an der Supermarktkasse ist dieser Streit irrelevant. Denn fast alle plausiblen ethischen Systeme konvergieren an einem Punkt – einem kleinsten gemeinsamen Nenner:

  1. Utilitaristen (die auf das Gesamtwohl schauen) rechnen: Das massive Leid des Tieres wiegt schwerer als der triviale Genuss des Menschen beim Essen.
  2. Deontologen (die auf Pflichten und Rechte schauen) sagen: Es ist falsch, ein fühlendes Wesen ausschließlich als Mittel zum Zweck für ein triviales Ziel (Geschmack) zu benutzen.
  3. Tugendethiker fragen: Was sagt es über unseren Charakter aus, wenn wir Grausamkeit verursachen oder zulassen, nur weil es bequem ist?
  4. Common Sense (unsere Alltagsmoral) sagt: Füge kein unnötiges Leid zu.

Und selbst wenn wir – nach wie vor – unsicher wären, wie schwer das Tierleid genau wiegt, hilft uns ein Konzept aus der Entscheidungstheorie: der Erwartungswert (Expected Value).

Stellen Sie sich vor, Sie sind sich nur zu 10 % sicher, dass Tiere moralisch relevant sind. Sie denken, es ist zu 90 % wahrscheinlich, dass sie nur biologische Maschinen sind, deren Schmerz egal ist. Selbst dann wäre Ihr Risiko einen ungeheuren Fehler zu begehen – wenn sie Massentierhaltung zulassen – gigantisch groß. Warum? Weil die Negativ-Seite der Gleichung so unfassbar schwer wiegt. Wir töten Billionen von Tieren! Wenn es auch nur eine kleine Chance gibt, dass dieses Leid moralisch zählt, dann begehen wir durch unser Ernährungssystem ein Verbrechen von astronomischem Ausmaß.

Dem gegenüber stehen auf der Positiv-Seite (dem Nutzen für uns) lediglich: Geschmack, Gewohnheit und Bequemlichkeit. Keine Notwendigkeit, keine Gesundheit, kein Überleben.

Das ist keine moralische Gleichung mehr, das ist ein asymmetrisches Risiko. Wir setzen auf einen kurzen Genussmoment und nehmen dafür das Risiko einer moralischen Katastrophe in Kauf. Selbst wenn ein Huhn nur ein Tausendstel eines Menschen wert wäre: Multipliziert mit der schieren Masse der getöteten Tiere und der Intensität ihres Leids in den Fabriken, kippt die Waage unweigerlich.

Wir müssen also nicht glauben, dass Tiere „gleich“ sind wie Menschen. Wir müssen nur glauben, dass sie nicht Null sind. Sobald ihr moralischer Wert größer als Null ist, bricht die Rechtfertigung für die Massentierhaltung zusammen, weil auf der anderen Seite der Waage keine „Notwendigkeit“ liegt, sondern nur unser Appetit.

Der Leidensfußabdruck

Was bedeutet das für uns? Es bedeutet, dass wir eine neue Währung in unsere Überlegungen und Entscheidungen zu unserer Ernährung und zum Ernährungssystem einführen müssen: den Leidensfußabdruck.

Bisher optimieren wir unsere Ernährung nach Preis, Kalorien und vielleicht auch Flächenverbrauch oder CO₂. Aber wenn wir unseren eigenen moralischen Anspruch ernst nehmen („Kein unnötiges Leid“), müssen wir fragen: Wie viel fühlendes Leben wurde für diese Mahlzeit zerstört?

Dieser Leidensfußabdruck bemisst sich in der verursachten Leidensintensität und im Verlust an Lebenszeit. Er zwingt uns, nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die Individuen zu schauen.

  • Er fragt: Ist es gerechtfertigt, dieses hochintelligente und sensible Schwein für eine Wurstsemmel zu töten, die ich in fünf Minuten vergessen habe?
  • Er fragt: Ist eine kurze Gaumenfreude die lebenslange Qual des Huhns wert?

Wenn wir ehrlich sind, lautet die Antwort fast immer: Nein.

Der Leidensfußabdruck zwingt uns zur Ehrlichkeit. Selbst wer glaubt, er brauche ab und zu ein Stück Fleisch für die Gesundheit, muss zugeben: Die Mengen, die wir heute vertilgen, haben nichts mit Überleben oder Gesundheit zu tun. Jedes Gramm über das absolut Notwendige hinaus (falls es dieses absolut Notwendige überhaupt gibt) ist Vergnügen auf Kosten eines anderen.

Wir haben keinen Vertrag mit den Tieren, den sie unterschrieben haben. Aber wir haben einen Vertrag mit uns selbst. Wir wollen anständige Menschen sein. Wir wollen keine Tierquäler sein.

Im nächsten Artikel werden wir sehen, wie monströs wir gegen diesen eigenen Anspruch verstoßen. Wir werden den Planeten der Verdammten betreten und die Bilanz des Schreckens ziehen. Aber wir tun dies nun mit dem Wissen: Es ist nicht einfach nur „Landwirtschaft“. Es steht in einem totalen Widerspruch zu unseren eigenen moralischen Grundsätzen.

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