Stellen Sie sich vor, Sie könnten das Leiden eines Lebewesens beenden. Wenn es ein Hund ist, der Sie mit großen Augen ansieht, zögern Sie keine Sekunde. Ihr Herz schlägt schneller. Wenn es ein Schwein ist, spüren Sie vielleicht Mitleid, aber schon etwas mehr Distanz. Aber was, wenn es eine Garnele ist? Ein Karpfen?

Hier stoßen wir an die Grenze unserer biologischen Programmierung. Wir sind Säugetiere. Wir sind darauf codiert, auf Gesichter, auf Fell, auf Schreie zu reagieren. Fische schreien nicht. Garnelen haben keine Gesichter, in denen wir uns spiegeln können. Sie leben in einer Welt, die uns fremd ist, unter der Oberfläche, im Dunkeln. Emotional sind sie uns egal. Doch rational betrachtet – durch die Brille des „Leidensfußabdrucks“, den wir in dieser Serie entwickelt haben – ist diese Indifferenz ein katastrophaler Fehler. Denn wenn wir über Tierleid sprechen, sprechen wir meistens über Milliarden von Landtieren. Aber im Wasser leiden Billionen.
Die Dimension der Dunkelheit
Um zu verstehen, warum eine Investition in diesem Bereich den wohl extremsten „Return on Investment“ liefert, müssen wir uns die nackten Zahlen ansehen. Wir töten jedes Jahr etwa 80 Milliarden Landtiere. Das ist eine unvorstellbare Zahl. Aber die Zahl der getöteten Zuchtfische liegt geschätzt zwischen 50 und 170 Milliarden. Dazu kommen Billionen (!)von wild gefangenen Fischen. Und dazu noch einmal geschätzt 400 Milliarden Zuchtgarnelen.

Wenn die Landwirtschaft ein Land ist, ist die Aquakultur ein Kontinent. Und auf diesem Kontinent herrscht weitgehend Gesetzlosigkeit. Während wir in Europa seit Jahren darüber streiten, wie viele Zentimeter Platz ein Schwein haben muss, gibt es für Fische und Garnelen in den meisten Teilen der Welt keinerlei Tierschutzgesetze. Sie werden bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Sie ersticken qualvoll an der Luft oder in Eiswasser („Ice Slurry“), ein Todeskampf, der 20 Minuten dauern kann. Garnelenweibchen wird oft ein Auge abgeschnitten („Eyestalk Ablation“), um sie hormonell zur Eiablage zu zwingen. Es ist der Wilde Westen des Tierleids. Niemand schaut hin.
Der Leidens-Multiplikator
Es gibt noch einen zweiten Grund, warum die Aquakultur eine ethische Katastrophe ist: die Nahrungskette. Wenn wir eine Kuh mästen, geben wir ihr Gras oder Soja (Pflanzen). Wenn wir aber Lachse, Forellen oder Garnelen züchten, züchten wir oft Raubtiere. Sie fressen andere Tiere. Um ein Kilo Zuchtfisch zu erzeugen, müssen oft mehrere Kilo wild gefangene Fische (Sardinen, Anschovis) zu Fischmehl verarbeitet werden.
Das bedeutet: Wir töten Milliarden fühlende Wildfische qualvoll durch Ersticken an Deck der Trawler, nur um sie dann in Pellets zu pressen und an Milliarden Zuchtfische zu verfüttern, die wiederum qualvoll in Tanks leben. Wir haben hier keinen einfachen Produktionsprozess, sondern einen Leidens-Multiplikator. Wir vernichten fühlendes Leben im Meer, um fühlendes Leben im Tank zu mästen. Das macht diesen Sektor zum absoluten moralischen Tiefpunkt der gesamten Ernährungsindustrie. Wer hier wegschaut, ignoriert nicht nur das Leid in den Tanks, sondern auch das Leid in den Netzen.

Das Gesetz der Vernachlässigung (Neglectedness)
Wer daher in diesem Bereich investiert, kann besonders viel zum Positiven verändern. Erinnern Sie sich an die Kriterien des Animal Charity Evaluators (ACE)? Eines davon war „Neglectedness“ (Vernachlässigung). Der Bereich der „Aquatic Animal Welfare“ ist fast vollkommen unterfinanziert.
- Für Tierheime (Hunde/Katzen) werden Milliarden gespendet.
- Für Nutztiere (Land) werden Millionen gespendet.
- Für Fische und Garnelen werden Brosamen gespendet.
Das bedeutet ökonomisch gesehen: Der Markt für Hundewohl ist gesättigt. Ihr zusätzlicher Euro bewirkt dort kaum noch eine Veränderung (abnehmender Grenznutzen). Der Markt für Fischwohl aber ist leer. Hier ist Ihr Euro kein Tropfen auf den heißen Stein. Er ist ein Starkregenfall!
Die niedrig hängenden Früchte
Dazu kommt noch ein weiterer Faktor, der die Wirksamkeit von Interventionen erhöht. Weil das Thema so neu ist, sind die Probleme oft banal und die Lösungen wirklich billig. Organisationen wie das Shrimp Welfare Project oder die Fish Welfare Initiative arbeiten nicht an High-Tech-Lösungen wie Laborfleisch. Sie arbeiten an den absoluten Basics.
Ein Beispiel: Elektrische Betäubung. Milliarden Garnelen sterben durch Erfrieren oder Ersticken. Das Shrimp Welfare Project arbeitet direkt mit Produzenten und großen Abnehmern (wie Supermärkten) zusammen, um elektrische Betäubungsgeräte zu installieren. Diese Geräte kosten nicht die Welt. Aber für jede einzelne Garnele, die durch diese Maschine läuft, bedeutet es den Unterschied zwischen einem minutenlangen Todeskampf und einem sekundenschnellen, schmerzlosen Ende.
Ein anderes Beispiel: Wasserqualitäts-Management. In Indien sterben Millionen Fische in Aquakulturen langsam an schlechten Wasserwerten (Ammoniakvergiftung), weil die Bauern zu wenig Fachwissen und keine Messgeräte haben. Die Fish Welfare Initiative stellt simple Wassertests bereit und schult die Bauern. Das Ergebnis: Die Sterblichkeit sinkt, die Bauern verdienen mehr (Win-Win), und das chronische Leiden von Millionen Tieren verschwindet.

Der bittere Beigeschmack (Ein notwendiger Einwand)
Vielleicht spüren Sie beim Lesen dieser Zeilen ein Unbehagen. Vielleicht regt sich in Ihnen sogar Widerstand. Ist es nicht zynisch, Milliarden Lebewesen erst in Tanks zu sperren, sie zu reiner Ware zu degradieren, und uns dann als „Retter“ zu fühlen, nur weil wir ein paar Euro bezahlen, damit ihr Todeskampf etwas kürzer dauert? Ist das nicht bloß Kosmetik an einem System, das im Kern falsch ist? Kaufen wir uns hier nur ein reines Gewissen für ein Verbrechen, das wir gar nicht erst begehen sollten?
Dieser Einwand ist berechtigt. Und er schmerzt. Doch wir müssen uns fragen, wem unsere moralische Klarheit in dieser Frage letztlich nützen würde. Wenn wir uns weigern, diese kleinen Verbesserungen zu finanzieren, weil wir „das System nicht stützen wollen“, dann behalten wir zwar unsere weiße Weste. Aber die Garnele behält ihren qualvollen Tod.
Die Alternative ist eine Philosophie der kleinen Schritte. Sicher: Unser Ziel muss das Ende der Ausbeutung sein. Wir wollen, dass diese Tanks irgendwann leer bleiben. Wir wollen die vollständige Befreiung. Aber wir dürfen den Weg zum Ziel nicht mit dem Ziel verwechseln. Für das Individuum, das heute in diesem Tank schwimmt, ist die elektrische Betäubung keine „faule Kompromisslösung“. Für dieses Tier ist es der Unterschied zwischen einem gnädigen Ende und einem Todeskampf in absoluter Panik. Wir haben die Pflicht, das Endziel im Auge zu behalten – aber wir haben auch die Pflicht, den Opfern im Hier und Jetzt zu helfen. Auch jenen, die uns so fern sind, wie die meisten Meerestiere.
Warum wir nicht lieben müssen, um zu helfen
Sicher, es ist schwer, eine Garnele zu lieben. Und vielleicht werden wir nie eine emotionale Bindung zu einem Barsch aufbauen. Aber das ist auch nicht nötig. Tierschutz ist keine Frage der Liebe. Er ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wie wir in Artikel 1 („Der Blick in die Black Box“) gesehen haben, besitzen auch Fische und Krebstiere ein Zentralnervensystem. Sie spüren Schmerz. Sie haben Stresshormone. Ihr Leiden ist real, völlig unabhängig davon, ob wir diese Tiere „süß“ finden.
Wenn Sie 100 Euro an das Shrimp Welfare Project spenden, retten Sie damit vielleicht nicht das Leben eines Tieres, zu dem Sie eine Beziehung haben. Aber Sie verbessern statistisch gesehen das Lebensende von tausenden Individuen. Der „Preis pro verhindertem Schmerz“ ist hier so niedrig wie nirgendwo sonst.
Die Wette auf die Vorsicht (Pascalsche Wette)
Natürlich mag in Ihnen ein Restzweifel bleiben. „Fühlt so ein Krustentier wirklich? Oder sind das nur Reflexe?“ Die Wissenschaft sagt heute mit hoher Wahrscheinlichkeit: Ja, sie fühlen Schmerz. Aber selbst wenn wir Skeptiker bleiben und die Wahrscheinlichkeit nur auf 10 % schätzen würden – die Mathematik zwingt uns zum Handeln. Warum? Wegen der schieren Menge.
Wenn wir uns irren und nichts tun, und die Garnele fühlt doch, dann sind wir verantwortlich für 400 Milliarden qualvolle Tode pro Jahr. Das moralische Risiko, hier falsch zu liegen, ist astronomisch. Investitionen in „Aquatic Animal Welfare“ wirkt wie eine Versicherung: Wir zahlen eine kleine Prämie (Investition in Betäubung), um uns gegen eine moralische Katastrophe von planetarem Ausmaß abzusichern.
Fazit: Der Mut zur Lücke
Wer in diesen Bereich spendet, gehört zur Avantgarde. Sie finanzieren hier Projekte, die Ihre Nachbarn vielleicht nicht verstehen werden („Du spendest für Garnelen??“). Aber genau das macht Ihre Spende so wirksam. Sie füllen die Lücke, die alle anderen offenlassen. Sie sorgen dafür, dass das Licht der Moral auch dorthin fällt, wo es am dunkelsten ist: unter die Wasseroberfläche.



