11) Das Ende der Massentierhaltung

Wir haben in dieser Serie gemeinsam die „Black Box“ des Tierbewusstseins geöffnet und mussten anerkennen, dass uns aus der Dunkelheit jemand ansieht. Wir haben die „Mathematik der Vernichtung“ studiert, die belegt, dass wir jedes Jahr mehr fühlende Wesen töten, als jemals Menschen auf der Erde gelebt haben. Und wir sind durch das „Archipel der Qualen“ gereist, wo wir gesehen haben, dass das System der Massentierhaltung nicht nur tötet, sondern auch Leid in unvorstellbarem Ausmaß verursacht.

Nach all den Fakten über gebrochene Knochen, verätzte Lungen und Billionen gestohlener Lebensjahre, und nach allem, was wir zuvor – in meiner 51-teiligen Serie über industrielle Landwirtschaft – erfahren haben, sollte eines außer Zweifel gestellt sein: Das System der industriellen Tierhaltung ist kein notwendiges Übel der Moderne. Es ist ein moralischer und ökologischer Super-GAU.

Die sofortige Abschaffung

Wenn wir den moralischen Anspruch, kein unnötiges Leid zuzufügen, auch nur im Ansatz ernst nehmen, dann müssen wir diese Form des Umgangs mit Tieren, das System der Massentierhaltung, sofort beenden. Das ist der erste Schritt und er ist unumgänglich. Denn, sobald wir dem Leid eines Tieres auch nur ein Tausendstel der Bedeutung von menschlichem Leid beimessen, ist die industrielle Tierhaltung – aufgrund der astronomischen Opferzahlen – die größte von Menschen jemals verursachte Katastrophe.

Doch wie ich in meiner vorigen, 51-teiligen Serie über die industrielle Landwirtschaft gezeigt habe, ist dieses System nicht „nur“ ein Verbrechen am Tier. Es ist der Haupttreiber für die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen. Es ist der Krebs im Zentrum der Biosphäre des Planeten:

1. Der Biosphären-Killer No. 1

Die Wissenschaft warnt uns, dass wir die planetaren Belastungsgrenzen („Planetary Boundaries“) bereits deutlich überschreiten. In sechs von neun Bereichen befinden wir uns in der Gefahrenzone.

Bei vier dieser bereits überschrittenen Grenzen ist die intensive Landwirtschaft zur Futtermittelproduktion die unbestrittene Hauptursache: Sie treibt das massive Artensterben voran, indem sie Lebensräume vernichtet. Sie verursacht gigantische Landnutzungsänderungen, indem sie für Futtersoja und Weideland die letzten großen Wälder rodet. Sie destabilisiert biogeochemische Kreisläufe, indem sie Böden und Gewässer mit einer Flut aus Stickstoff und Phosphor (Gülle und Kunstdünger) vergiftet. Und sie ist der größte Verbraucher von Süßwasser (Green & Blue Water).

Doch damit nicht genug. Auch bei den anderen beiden bereits überschrittenen Grenzen ist die industrielle Landwirtschaft bzw. die Massentierhaltung einer der entscheidenden Treiber: Sie befeuert den Klimawandel massiv (durch Methan und Lachgas aus der Massentierhaltung und durch CO₂ aus der Landumwandlung) und flutet die Umwelt mit neuartigen chemischen Entitäten (durch den exzessiven Einsatz von Pestiziden und Antibiotika).

Der Welthunger-Macher

Doch wir schädigen nicht nur die Natur und zukünftige Generationen, sondern auch unsere Zeitgenossen. Wir nutzen einen gewaltigen Teil des weltweit verfügbaren, kostbaren Ackerlandes für die Futtermittelproduktion, statt damit Menschen direkt zu ernähren. Wir verfüttern Kalorien, die Menschen satt machen könnten, an Tiere, die diese Kalorien ineffizient verbrennen. Würden wir unser fruchtbares Ackerland direkt für menschliche Nahrung nutzen, könnten wir den Welthunger morgen beenden. Unsere Tierfabriken stehlen den Armen das Brot, um den Reichen das Steak zu liefern.

Die Gesundheits-Zeitbombe

Und last but not least schädigen wir uns selbst. Durch den exzessiven Einsatz von Pestizidcocktails und Kunstdünger im intensiven Futtermittelanbau vergiften wir uns selbst, unsere Böden und unser Grundwasser. Gleichzeitig züchten wir in den Ställen durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika resistente Keime heran, gegen die unsere Medizin bald machtlos sein wird. Darüber hinaus riskieren wir täglich die nächste Pandemie, da diese Ställe die perfekten Brutkästen für Zoonosen sind.

All dies, damit wir am Ende eine ungesunde Anzahl an tierischen Kalorien konsumieren können, für die unsere Körper evolutionär gar nicht gemacht sind. Diese „Western Diet“ ist mittlerweile der größte Verursacher von vorzeitigen Todesfällen weltweit. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und bestimmte Krebsarten (wie Darmkrebs) sind der Preis für den täglichen Fleischkonsum, der uns als Normalität verkauft wird.

Das letzte Mosaiksteinchen schließlich, in diesem Mosaik des Grauens, liefert die Lebensmittelindustrie: Was vom Acker und aus dem Stall kommt, wird von ihr bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet. Aus einfachen Rohstoffen werden hochverarbeitete Industrieprodukte, die mit Zucker, Fetten und Zusatzstoffen so optimiert sind, dass sie unsere Sättigungsmechanismen aushebeln. Dieses Ernährungssystem produzieren keine Lebensmittel mehr, sondern Krankheitserreger und Suchtmittel.

Kurz gesagt: Die Massentierhaltung muss weg. Sie ist ein historischer Irrtum, den wir korrigieren müssen, wenn wir als Zivilisation überleben wollen.

2. Die ökologische Alternative

Was aber kommt danach? Der berühmte Biologe E.O. Wilson forderte in seinem visionären „Half-Earth“-Konzept, dass wir der Natur die Hälfte des Planeten zurückgeben müssen, um den Kollaps der Biodiversität zu stoppen. Brandrodung für neue Weideflächen ist ein Verbrechen an der Zukunft. Wir dürfen der Wildnis nicht nur kein neues Land mehr abtrotzen, wir müssen uns im Gegenteil zurückziehen.

Aber auf dem verbleibenden Grasland können und sollen Tiere weiterhin eine ökologisch sinnvolle Rolle spielen. Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen sind in der Lage, Gras – das wir nicht essen können – in Nahrung zu verwandeln. In einem nachhaltigen System werden wir Tiere nicht mehr in Fabriken sperren, sondern sie in natürliche Kreisläufe integrieren. Sie würden dadurch Weideland pflegen, Humus aufbauen und Teil eines lebendigen Ökosystems sein.

Eine solche Landwirtschaft folgte (wieder) den Rhythmen der Natur, nicht den Quartalszahlen der Börse. Eine solche Landwirtschaft führte allerdings auch zu einer drastischen Reduktion der Verfügbarkeit tierischer Produkte. Fleisch würde wieder zu dem werden, was es jahrtausendelang war: etwas Besonderes. Der „Sonntagsbraten“ wäre keine Floskel mehr, sondern Realität.

Milch, Eier, Fleisch und Fisch würden von täglichen Stapelwaren zu kostbaren Ergänzungen einer im Wesentlichen pflanzlichen Ernährung. Ginge es uns dadurch schlechter? Ganz im Gegenteil! Ernährungswissenschaftler und Ärzte warnen seit langem vor den Folgen unseres exzessiven Fleischkonsums. Eine Rückkehr zum Maßvollen wäre nicht nur eine Heilung für den Planeten, sondern auch für unsere eigenen Körper, die unter den Zivilisationskrankheiten des Überflusses ächzen.

3. Der Leidensfußabdruck

Viele kluge Menschen halten die gerade beschriebene Vision einer ökologischen Landwirtschaft für das erstrebenswerte Endziel. Sie sagen: „Leben lebt von Leben.“ Für sie macht es keinen Unterschied, ob wir das Leben einer Pflanze beenden oder das Leben eines Tieres. „Woher wissen wir, dass die Pflanze nicht auch leidet – nur eben ganz anders als wir“, fragen sie zurecht.

Wir wollen dieses Argument sehr ernst nehmen. Angenommen, Pflanzen hätten Gefühle (wofür es, Stand heute, allerdings noch keine wissenschaftlichen Belege gibt). Selbst in diesem Fall, im Fall der ‚leidenden Pflanzen‘, diktiert uns die Logik eine weitgehend pflanzliche Ernährung. Warum? Wegen der Thermodynamik.

Um eine Kalorie Rindfleisch zu erzeugen, muss die Kuh viele Kalorien Pflanzen fressen. Sie verbrennt den Großteil dieser Energie für ihren Stoffwechsel, ihre Körperwärme, ihre Bewegung. Wenn wir das Tier essen, essen wir also nicht nur das Tier, sondern indirekt auch die riesige Menge an Pflanzen, die für seine Mästung „getötet“ wurden. Der direkte Verzehr der Pflanze eliminiert diesen Umweg. Auch wer ‚Pflanzenleid‘ vermeiden will, muss also den Konsum tierischer Kalorien reduzieren oder vermeiden. Das ist der Weg des geringsten Schadens.

Manche aber ziehen es vor, vorläufig nicht über die Hypothese des Pflanzenleids zu spekulieren. Sie halten sich an das, was wir – Stand heute –sicher wissen: Ein Schwein, ein Rind, ein Huhn leidet. Diese Tiere haben ein Zentralnervensystem, sie empfinden Schmerz, Angst und Stress so wie wir. Wenn wir also unseren Leidensfußabdruck minimieren wollen, dann sollten wir (bis wir mehr über ‚Pflanzenleid‘ herausgefunden haben) beim Tierleid ansetzen.

Wer dabei (noch) nicht bereit ist, ganz auf tierische Kalorien zu verzichten, kann beispielsweise tierische Produkte stark reduzieren und darüber hinaus so auswählen, dass das geringste Leid pro Kalorie bzw. pro Protein verursacht wird. (Wie wir dabei konkret vorgehen könnten, werde ich im nächsten Artikel – dem letzten Artikel dieser Serie – untersuchen.)

Herausforderung & Hoffnung

Wir stehen also vor der politischen Herausforderung, die Massentierhaltung zu beenden und vor der persönlichen Herausforderung unseren Leidensfußabdruck zu reduzieren.

Gleichzeitig schimmert am Horizont jedoch bereit ein technologischer Hoffnungsschimmer.

Vielleicht wird – durch die ‚Cellular Agricultur‘ – der Leidensfußabdruck für tierische Kalorien und Proteine eines Tages auf Null sinken. Wenn wir „Cultured Meat“, echtes Fleisch aus der Zelle, in großem Umfang und energieeffizient produzieren können, werden wir unser ethisches Dilemma technisch gelöst haben. Wir können dann unser Steak genießen, ohne ein Zentralnervensystem zu zerstören.

Aber Vorsicht: Diese Zukunft ist noch nicht da. Wir dürfen die Hoffnung auf morgen nicht als Ausrede für unsere heutige Untätigkeit nutzen. Solange das saubere Fleisch nicht in jedem Supermarktregal liegt, liegt die Verantwortung bei uns die politischen und moralischen Weichen neu zu stellen.

Im nächsten und letzten Artikel dieser Serie nehme ich Sie daher mit in den Supermarkt. Dort werde ich das Konzept des „Leidens pro Kalorie“ praktisch anwenden. Ich werde Ihnen einen konkreten Kompass an die Hand geben, wie wir heute bereits – Mahlzeit für Mahlzeit – den von uns verursachten Leidensfußabdruck senken können.

Denn die Welt ändert sich nicht durch das, was wir fühlen. Sie ändert sich durch das, was wir tun. Vor allem durch das, was wir politisch durchsetzen, durch Rahmenbedingungen, die wir ändern. Aber eben auch durch unser persönlichesVerhalten von Tag zu Tag …

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