„Wenn wir den moralischen Anspruch, kein unnötiges Leid zuzufügen, auch nur im Ansatz ernst nehmen, dann müssen wir das System der Massentierhaltung, sofort beenden.“ Die allermeisten Menschen stimmen dieser Aussage (aus meinem letzten Artikel) zu, wenngleich sie die nötigen Schritte zur Abschaffung dieses Systems noch nicht mit dem nötigen Nachdruck fordern und fördern. Die allermeisten Menschen denken aber gleichzeitig auch (noch): „Wenn tierische Kalorien durch Praktiken erzeugt werden, die nachhaltig sind, können sie in einem gewissen Ausmaß meine Ernährung auf pflanzlicher Basis sinnvoll ergänzen.“
Doch auch in einem „idealen“ Szenario, indem wir die Nutztiere so artgerecht wie möglich halten und so gut wie möglich behandeln, entsteht durch deren Nutzung unausweichlich Leid. Daher stellen sich manche vielleicht die (sehr vernünftige) Frage, wie wir dieses Leid, wenn wir auf tierische Kalorien nicht vollständig verzichten wollen, minimieren können.

Die Entwicklung des Instruments
Um den, durch unsere Mahlzeiten verursachten „Leidensfußabdruck“ zu berücksichtigen, müssen wir ihn zunächst einmal kalkulieren können. Wir nutzen dafür das Konzept der Welfare Ranges, dass ich im ersten Artikel dieser Serie vorgestellt haben. Dieses Konzept, das die Kapazität zu Freude und Leid von Tieren bewertet, ermöglicht es uns, die Leidensfähigkeit verschiedener Spezies in Relation zur menschlichen Leidensfähigkeit zu setzen. Das Resultat ist eine Skala, auf der zum Beispiel Hunde, Schweine und Rinder, ganz so wie Katzen oder Hunde, bei etwa 50 % der menschlichen Leidensfähigkeit angesiedelt sind. Selbst Tiere, mit denen wir weniger Empathie empfinden, wie Meeresbewohner oder Insekten, leiden in erheblichem Ausmaß.

Die Faktoren des Fußabdruckes
Um den Fußabdruck einer Konsumentscheidung zu berechnen, ermitteln wir das Leid, das entsteht, wenn wir 100 Kilogramm verwertbares Protein erzeugen, da die Ergänzung der Nahrung durch tierische Produkte primär der Proteinversorgung und nicht der reinen Kalorienaufnahme dient. Dabei integrieren wir drei Variablen:
- Leidensfähigkeit (Welfare Range): Die Leidensfähigkeit des Menschen wir mit 1,0 festgesetzt, die Leidensfähigkeit nichtmenschlicher Tiere wird in Bezug dazu gesetzt (z. B. 0,5 für Säugetiere, 0,33 für Vögel, 0,06 für Fische).
- Leidensausmaß: Dies ist der komplexeste Faktor. Er setzt sich (theoretisch) aus zwei Unterfaktoren zusammen:
- Haltungsleid: Die Belastung während der Lebenszeit durch menschliche Einwirkung. In einer nachhaltigen Landwirtschaft oder bei der Jagd ist dieser Wert minimal oder Null, während er in der (hier ausgeschlossenen) Massentierhaltung astronomisch wäre.
- Geraubte Lebenszeit: Hier fragen wir, wie viele Lebensjahre wir dem Tier im Vergleich zu seiner natürlichen Lebenserwartung entziehen. Ein Tier, das 90 % seiner möglichen Zeit verliert, trägt ein viel größeres Leidensausmaß in die Berechnung ein als eines, dass dem weniger Lebenjahr genommen wurden.
- Die Anzahl der getöteten Individuen: Die Quantität der ausgelöschten Leben pro 100 kg Protein.
Daraus ergibt sich die Formel:
Leidensfußabdruck (LF) = (Anzahl der Tode × Leidensausmaß × Leidensfähigkeit) / Proteinmenge

Der „Verdünnungseffekt“
Wenn wir den Leidensfußabdruck auf diese Weise berechnen wollen, dürfen wir jedoch nicht isolierte Produkte bewerten, sondern müssen immer Gesamtsysteme in den Blick nehmen. Wer Schafskäse isst, konsumiert indirekt auch Lammfleisch, da die männlichen Lämmer systemimmanente „Kopplungsprodukte“ der Milchwirtschaft sind. Ebenso stehen hinter jeder Legehenne ihre männlichen Geschwister, die sterben müssen.
Hierbei stoßen wir auf das Prinzip der Verdünnung. Wenn ein Tier über Jahre hinweg Protein liefert (Milch oder Eier), ohne dafür sterben zu müssen, wird das unvermeidliche Leid seines späteren Todes sowie das Leid seiner „Kopplungsprodukte“ (Kälber, Lämmer, Bruderhähne) auf eine viel größere Gesamtmenge an Protein verteilt. Das Leid wird „verdünnt“. Je langlebiger und produktiver ein „System“ ist, desto geringer wird das Leid pro Gramm Protein auf dem Teller.

„Protein-Systeme“
Wir können die globalen Systeme der Produktion tierischer Proteine in sechs logische Cluster unterteilen:
- Cluster 1: Die Mammut-Kombis (Rind, Büffel, Kamel): Große Säugetiere mit hoher Milchleistung und enormer Proteinausbeute pro Einzeltod.
- Cluster 2: Die kleinen Wiederkäuer (Schaf, Ziege): Ähnliche Logik wie Cluster 1, jedoch mit einem schlechteren Verhältnis von Körpergröße zu Milchmenge.
- Cluster 3: Die reinen Fleisch-Säuger (Schwein, Kaninchen): Systeme ohne „leidfreie“ Nebenprodukte; jeder Proteinertrag ist mit einem Tod von jeweils einem Lebewesen verbunden.
- Cluster 4: Die Geflügel-Welt (Huhn, Pute, Ente): Vögel vereinen eine hohe Leidensfähigkeit mit einer geringen Körpergröße.
- Cluster 5: Die Wildnis-Ernte (Jagd, Fischfang): Systeme ohne Haltungsleid, bei denen die individuelle Größe der Tiere die Bilanz dominiert.
- Cluster 6: Das Insekten-Paradoxon: Winzige Lebewesen, die in Millionenanzahl für minimale Proteinerträge sterben.
Der Blick in die Bilanz
Wir füttern unser Modell nun mit den unterschiedlichen Daten pro 100 kg Protein.
Das Rinder-System (Milch & Fleisch)
Eine Kuh in Weidehaltung gibt über fünf produktive Jahre etwa 25.000 Liter Milch, was ca. 825 kg Protein entspricht. Hinzu kommt das Fleisch der Kuh (50 kg Protein) und ihrer vier Kälber (80 kg Protein), die als Teil des Systems geschlachtet werden. Insgesamt liefert das System ca. 955 kg Protein. Dafür sterben 5 Individuen. Normiert auf 100 kg Protein sind das nur 0,52 Tode. Trotz der hohen Leidensfähigkeit (0,5) führt die enorme Proteinmenge zu einem niedrigen LF (Leidensfußabdruck) von 0,23.
Das Hühner-System (Eier vs. Fleisch)
Im Eier-System (Henne + Bruder) sterben für 100 kg Protein etwa 40 Tiere. Da die Henne etwa 20 % ihrer Lebenszeit erreicht und der Bruder 5 %, liegt der Lebenszeitverlust bei 87,5 %. Mit der Welfare Range von 0,33 ergibt das einen LF (Leidensfußabdruck) von ca. 11,5. Betrachten wir reines Hühnerfleisch (Broiler), müssen für dieselbe Menge Protein bereits 300 Tiere sterben. Diese Tiere verlieren 95 % ihrer Lebenszeit. Der LF (Leidensfußabdruck) explodiert auf 94,1. Fleisch verursacht hier achtmal mehr Leid als im Ei-System (und vierhundertmal mehr Leid als das Milch-System der Rinderhaltung).
Schwein vs. Kaninchen
Ein Schwein liefert eine Menge Protein (ca. 16 kg). Für 100 kg Protein sterben also rund 6,3 Tiere. LF (Leidensfußabdruck): 2,99. Ein Kaninchen liefert nur ca. 0,3 kg Protein. Für 100 kg Protein müssen 333 Tiere sterben. Der LF (Leidensfußabdruck) steigt auf 158,1. Obwohl beide Säugetiere sind, ist das Leid beim Kaninchen über 50-mal höher – rein aufgrund der Körpergröße.
Die Wildnis: Vom Wal zur Sardine
Der Wal (Zwergwal), der in Norwegen, Island oder Japan wieder gefangen wird, liefert 400 kg Protein pro Tod. Für 100 kg Protein sterben nur 0,25 Tiere. Ohne Haltungsleid und bei moderatem Lebenszeitverlust ergibt das den niedrigsten Wert überhaupt: LF (Leidensfußabdruck) 0,075. Im krassen Gegensatz dazu steht die Sardine. Für 100 kg Protein sterben 10.000 Fische. Selbst wenn man ihnen nur eine minimale Leidensfähigkeit von 0,06 zugesteht, führt die schiere Masse zu einem LF (Leidensfußabdruck) von 480.

Das Insekten-System
Insekten werden meist kurz nach Erreichen des Erwachsenenstadiums „geerntet“, was einen Lebenszeitverlust von ca. 90 % bedeutet. Um 100 kg Protein zu erhalten, müssen ca. 666.000 Grillen sterben. Trotz einer minimalen Gewichtung der Leidensfähigkeit (0,01) ist das Ergebnis eine ethische Katastrophe: LF (Leidensfußabdruck) 5.994.
Das Ranking


Fazit: Die Logik der Größe
Die Mathematik des Leidensfußabdrucks führt zu einem für viele Leser kontraintuitiven Ergebnis: Je größer das Tier, desto geringer das Leid. Wer glaubt, durch den Verzicht auf „rotes Fleisch“ und den Umstieg auf „leichtes“ Geflügel oder Insekten Tierleid zu mindern, begeht einen Rechenfehler. Er vervielfacht das durch seine Nahrung verursachte Sterben.


