2) Gebrauchsanleitung für den Wandel

Warum Politiker niemals Anführer sind und was ein „Fenster“ in Michigan damit zu tun hat.

Stellen Sie sich vor, wir steigen in eine Zeitmaschine und reisen zurück ins Jahr 1970. Wir betreten ein Krankenhaus. Was sehen wir? Wir sehen Ärzte, die bei der Visite rauchen. Wir sehen Aschenbecher in den Wartezimmern. Wenn Sie sich damals beschwert hätten: „Entschulden Sie bitte, der Rauch schadet meiner Gesundheit“, wären Sie nicht auf Verständnis gestoßen. Sie wären ausgelacht worden. Man hätte Sie als empfindlichen Sonderling betrachtet, der den „Lauf der Welt“ nicht versteht.

Springen wir ins Jahr 1900. Ein Duell zwischen zwei Männern, um die „Ehre“ wiederherzustellen? Völlig normal. Gesetzlich vielleicht in einer Grauzone, aber gesellschaftlich akzeptiert. Springen wir noch weiter zurück, ins Jahr 1750. Katzen zur Belustigung verbrennen? Ein Volksfest.

Wenn wir heute auf diese Dinge blicken, spüren wir eine körperliche Abwehr. Wir finden sie barbarisch, dumm oder verrückt. Was ist hier geschehen? Unseremoralische Softwarehat ein Update bekommen. Dieser moralische Fortschritt ist kein Wetterphänomen. Er erfolgt nicht zufällig. Er folgt Regeln. Und wer diese Regeln versteht, der verliert das Gefühl der Ohnmacht im Angesicht einer bedrohlichen Zukunft – weil er begreift, wie wir diese Zukunft gestalten können.

Das Fenster der Möglichkeiten

Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir nach Michigan in die 1990er Jahre blicken. Dort entwickelte ein brillanter Stratege namens Joseph Overton ein Modell, das heute als dasOverton-Fensterbekannt ist. Overton wollte verstehen, warum Politiker bestimmte Ideen unterstützen und andere nicht. Seine Erkenntnis war ernüchternd, aber einleuchtend: Politiker sind selten Anführer. Sie sind Opportunisten.

Stellen Sie sich eine Skala vor, auf der alle Ideen zu einem Thema liegen – von „extrem progressiv“ bis „extrem konservativ“. Jetzt stellen sie sich ein „Fenster“ vor, das den Blick auf jenen kleinen Ausschnitt auf dieser Skala freigibt, den die Öffentlichkeit gerade als „vernünftig“ akzeptiert. Liegt eine Ideeinnerhalbdieses Fensters, kann ein Politiker sie unterstützen und wiedergewählt werden. Liegt eine Ideeaußerhalbdes Fensters (im Bereich des „Radikalen“ oder „Undenkbaren“), wird niemand sie anfassen, weil er oder sie sonst seine Karriere beendet.

Das Modell erklärt uns, warum Gesetze immer erst amEndeeines Prozesses stehen. Das Frauenwahlrecht war im Jahr 1800undenkbar. Wer es forderte, galt als verrückt. Um 1900 wurde esradikal. Man stritt darüber. Um 1915 wurde esakzeptabel. Und 1919 wurde esGesetz. Das Gesetz wurde nicht eingeführt, weil Politiker plötzlich mutig wurden. Es wurde eingeführt, weil sich dasFensterverschoben hat.

Und wer hat das Fenster verschoben? Wir warten oft darauf, dass die Politik führt. Aber das Overton-Fenster zeigt uns die ernüchternde Wahrheit: Die Politik kann gar nicht führen. Sie ist der Schlusswagen eines Zuges, den wir durch unser Denken und Handeln, unsere moralische Neubewertung erst in Bewegung setzen.

Die Intelligenz der „Radikalen“

Hier kommt dieEthik der Entfaltungins Spiel, die ich im letzten Artikel dieser Serie vorgestellt habe. Viele bezeichnen Menschen, die Ideen außerhalb des Fensters vertreten (z.B. radikale Tierrechtler oder Klimaschützer), als „nervig“, „naiv“ oder „extrem“. Doch wenn wir meine These aus dem letzten Artikel ernst nehmen – dass wir Teil eines vernetzten, ökologischen Gewebes sind –, dann müssen wir diese Menschen neu bewerten.

Diese „Moral Entrepreneurs“ (Moralischen Unternehmer) sind nicht verrückt. Sie besitzen oft eine höhere Form dermoralischen Intelligenz. Sie leiden nicht an „kognitiver Kurzsichtigkeit“ wie der Rest der Gesellschaft. Sie erkennenmoralische Tatsachenfrüher. Sie erkennen neue Wege, die – im Sinne des Ökologischen Imperativs – die Entfaltung des Lebens fördern und unnötige Blockaden im Gewebe des Zusammenlebens abbauen. Der ökologische Imperativ, den wir im letzten Artikel entwickelt haben, dient uns als Kompass, der uns hilft, zwischen Spinnerei und jener radikalen Intelligenz zu unterscheiden, die den Webfehler im Gewebe erkennt, bevor andere ihn bemerken.

Zum Beispiel, als sich moralische Unternehmer sagten: „Moment mal, Frauen sind Menschen mit dem gleichen Potenzial zur Entfaltung wie Männer. Ihnen das Wählen zu verbieten, ist eine künstliche Blockade dieser Entfaltung.“ Aber Moralische Unternehmer erkennen diese Webfehler nicht nur früher als andere, sie haben auch den Mut, das Fenster mit aller Kraft in Richtung der erkannten Wahrheit zu verschieben – selbst wenn sie dafür anfangs ausgelacht oder sogar attackiert werden.

Das Trockentraining der Moral

Bevor wir aber das „Fenster der Normalität“ in der Welt verschieben können, müssen wir neue Sichtweisen entwickeln und kultivieren! Wie das geht? Wie wir von Mitläufern zu Menschen werden, die das Overton-Fenster bewegen? Dazu reicht es nicht aus, nur „nett“ oder „warmherzig“ zu seiner unmittelbaren Umgebung zu sein. Dazu benötigen wir eine mutige Praxis des Geistes, die ich das„Trockentraining der Moral“nennen möchte.

Der Ausgangspunkt: In einer komplexen Welt sind wir oft moralisch blind. Wir haben uns an das Leid gewöhnt – an den Obdachlosen in der U-Bahn, an das Schnitzel aus der Massentierhaltung. Das ist keine Bosheit, das ist Gewohnheit. Es sind „epistemische Blockaden“ – also Wahrnehmungs-Filter oder Denk-Blockaden –, die uns die Sicht auf die Wirklichkeit versperren.

Das von mir vorgeschlagene „Trockentraining“ besteht in dem bewussten, mutigen Versuch, solche Blockaden zu durchbrechen, indem wir solche Situationen aktiv neu bewerten, sie neu sehen, sie im Geist simulieren und die Konsequenzen unserer Handlungen durchrechnen. Wir spielen moralische Dilemmata durch, wie ein Pilot Flugmanöver im Simulator übt.

Ein konkretes Beispiel für ein solches Trockentraining ist die Auseinandersetzung mit dem „Leidensfußabdruck“ Ihrer Ernährung. Wenn Sie das nächste Mal vor dem Kühlregal stehen, halten Sie kurz inne. Fragen Sie sich nicht nur, was schmeckt, sondern spielen sie im Geist die folgende Frage durch: Wie viele Individuen mussten bei jenem Produkt pro Kalorie leiden und sterben? Vergleichen Sie das Schweineschnitzel mit dem Rindersteak, vergleichen sie Muscheln mit Sardinen. Wenn Sie Ihre Bewertungen und Entscheidungen auf harte Fakten gründen und beginnen, für diese Form der Klarheit in Ihrem Umfeld zu streiten, praktizieren Sie die Ethik der Entfaltung.

Sie trainieren ihr Gehirn darauf, dieVerbundenheitzu spüren. Sie erweitern denKreis der Empathie. Der Historiker William Lecky beschrieb dieses Phänomen als den „expandierenden Kreis“. Moral beginnt klein (Ich, meine Familie). Dann wächst der Kreis (mein Stamm, meine Nation). Dann umfasst er alle Menschen (Universalismus). Und heute stehen wir an der Schwelle zur nächsten Erweiterung: Wir beginnen zu begreifen, dass auch Tiere und zukünftige Generationen Teil dieses Kreises sein müssen. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil sie Teil des Gewebes sind, von dem wir abhängen.

Die Baustelle der Gegenwart

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil es in Ihnen eine Superkraft gibt, die sie kultivieren können. Wenn Sie das nächste Mal eine Debatte sehen, bei der jemand eine „verrückte“ Forderung stellt, schauen Sie genauer hin. Fragen Sie sich: Ist das wirklich verrückt? Oder versucht hier gerade jemand, das Overton-Fenster in Richtung einer neuen moralischen Tatsache zu schieben? Versucht hier jemand, die Bedingungen für dieEntfaltungvon Leben zu verbessern?

Wir leben in einer Zeit, in der das Fenster wild hin und her schwingt. Es gibt Kräfte, die es zurückstoßen wollen (in Richtung Nationalismus, Ausgrenzung). Aber es gibt auch die Kraft des Rettenden.

Politik ist das, was möglich ist. Aber Moral ist das, was nötig ist. Das Overton-Fenster zeigt uns, wie wir das Nötige möglich machen.

Das Verschieben des „Fensters“ ist jener Prozess, durch den das „Rettende“ wächst – eine Dynamik, die nicht im Parlament beginnt. Sie beginnt vielmehr in unserem Kopf, mit unserem Mut zum „Trockentraining“ und zur Anwendung unserer Erkenntnisse.

Im nächsten Artikel wollen wir sehen, wie dieser Mechanismus historisch die Welt veränderte – als wir Dinge überwanden, die heute so erscheinen, als stammten sie aus einem Horrorfilm. Wir reisen zurück in eine Zeit, als Grausamkeit noch Unterhaltung war und untersuchen jene Prozesse genauer, die dazu führten, dass das heute nicht mehr so ist.

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