3) Als Schmerz noch Unterhaltung war

Warum wir aufhörten, lebende Katzen zur Unterhaltung zu verbrennen, und was das über die Erweiterung unseres Bewusstseins verrät.

Reisen wir noch einmal zurück, diesmal etwas weiter, ins Paris des 16. Jahrhunderts. Es ist Johannistag, ein Volksfest. Die Menschen strömen auf den Place de Grève. Es wird gelacht, getrunken, gefeiert. In der Mitte des Platzes steht ein Pfahl, daran ein Sack. In dem Sack befinden sich zwei Dutzend lebende Katzen. Die Menge jubelt, als der König persönlich die Fackel an das Holz unter dem Sack hält. Die Tiere schreien in ihrer Todesangst, während sie langsam verbrennen. Das Publikum – Männer, Frauen, Kinder – brüllt vor Vergnügen. Man findet die Schmerzensschreie der Katzen nicht entsetzlich. Man findet sie lustig.

Wenn wir diese Szene heute lesen, wird uns übel. Wir fragen uns: Waren unsere Vorfahren Psychopathen? Waren sie Monster? Die beunruhigende Antwort lautet: Nein. Sie waren Menschen wie wir. Sie liebten ihre Kinder, sie weinten um ihre Toten. Aber ihremoralische Software– jener Code, der bestimmt, wer „dazugehört“ und wer nicht – war anders programmiert.

Die Blindheit für das Gewebe

Um dieses Grauen zu verstehen, müssen wir uns dieEthik der Entfaltungin Erinnerung rufen. Für die Menschen damals endete das „moralisch relevante Lebensnetz“ an ihrer eigenen Haustür oder bestenfalls an der Stadtmauer. Alles, was außerhalb lag – Tiere, Kriminelle, Ketzer, Menschen anderer Hautfarbe – wurde nicht als Teil des Systems wahrgenommen. Es waren Objekte.

In ihrer Wahrnehmung hatten diese Wesen keinen Anspruch aufEntfaltung. Ihr Leid war keine „moralische Tatsache“, sondern irrelevantes Hintergrundrauschen.

Die Grausamkeit der Menschen war nicht auf Tiere beschränkt. Öffentliche Hinrichtungen, das Rädern und Vierteilen von Menschen, waren das „Netflix“ des Mittelalters. Leid war Unterhaltung, weil der Kreis der Empathie extrem eng gezogen war.

Der Philosoph Michel Foucault schildert das in seinem BuchÜberwachen und Strafenam Beispiel des Königsmörders Damiens im Jahr 1757. Vor den Augen einer neugierigen Menge wurde sein Fleisch mit glühenden Zangen von der Brust gerissen, in die Wunden goss man geschmolzenes Blei, siedendes Öl und brennendes Pech. Schließlich band man vier Pferde an seine Gliedmaßen, um ihn bei lebendigem Leib auseinanderzureißen. Und das Publikum? Es schaute fasziniert zu, kommentierte die Technik des Scharfrichters und genoss das Spektakel.

Das Lachen und Staunen der Zuschauer war das Symptom einer massivenkognitiven Kurzsichtigkeit. Die Schaulustigen sahen nicht, dass das Quälen eines fühlenden Wesens einen Riss im Gewebe der Existenz erzeugt. Sie verstanden nicht, dassjedesLeben danach strebt, Schmerz zu vermeiden und sich zu entfalten.

Die Erfindung des Mitleids

Doch dann geschah etwas, das Steven Pinker die „Humanitäre Revolution“ nennt. Innerhalb weniger Jahrhunderte verschwand diese öffentliche Lust an der Grausamkeit fast vollständig aus der westlichen Welt. Was aber war es, dass dasOverton-Fensterso massiv verschoben hat, dass Katzenverbrennen vom „Volksfest“ zum „Verbrechen“ wurde?

Ein entscheidender Faktor war ein gigantisches, gesellschaftliches„Trockentraining der Moral“: Die Verbreitung des Lesens. Im 18. Jahrhundert begannen Menschen massenhaft Romane zu lesen. Und Literatur ist eine Empathie-Maschine. Sie zwingt uns, die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen. Sie simuliert dieVerbundenheitüber Grenzen hinweg.

Plötzlich schlüpfte ein Pariser Adliger beim Lesen in den Kopf eines einfachen Dienstmädchens (wie in RichardsonsPamela). Ein wohlhabender Engländer fühlte plötzlich mit einem Sklaven in den Baumwollplantagen von South Carolina. Je mehr wir lasen, desto schwerer wurde es, den anderen als bloßes „Objekt“ zu sehen. Wir erkannten:„Er fühlt wie ich. Er strebt nach Glück wie ich. Wenn ich ihn verletze, verletze ich ein Wesen meiner Art.“DerKreis der Empathiebegann sich rasch auszudehnen.

Die erste Stufe des Ökologischen Imperativs

Wir haben in den letzten beiden Artikel über denÖkologischen Imperativgesprochen:Handle so, dass du andere Lebensformen im geringstmöglichen Ausmaß an ihrer Entfaltung hinderst.

Der Rückgang der physischen Gewalt war ein besonders wichtiger Schritt in diese Richtung. Denn Gewalt ist die ultimative Blockade der Entfaltung. Ein Körper, der gefoltert wird, kann nicht blühen. Ein Leben, das ausgelöscht wird, verliert jede Potentialität.

Dass wir heute Folter international ächten (auch wenn sie noch vorkommt), dass wir Tierschutzgesetze haben (auch wenn sie unzureichend sind), dass wir körperliche Züchtigung in der Erziehung verbieten – das alles sind Siege der Moralischen Intelligenz. Wir haben die Notwendigkeit der Reduktion des „Leidensfußabdrucks“ als eine moralische Tatsache erkannt. Leid ist objektiv schlecht, egal wem es widerfährt.

Warum das Hoffnung gibt

Warum ist dieser Rückblick wichtig für uns im Jahr 2026? Weil er beweist, dass menschliche Gesellschaften nicht statisch sind. Wir sind lernfähig. Wir haben uns von Wesen, die über brennende Katzen lachten, zu Wesen entwickelt, die Tierrechte in Verfassungen schreiben. Wir haben unsere „epistemischen Blockaden“ in Bezug auf körperliche Grausamkeit weitgehend durchbrochen.

Das bedeutet nicht, dass die Welt heute gewaltfrei ist. Aber derStandardhat sich verschoben. Was damalsUnterhaltungwar, ist heute einSkandal. Das Overton-Fenster der Gewalt hat sich ein großes Stück verschoben.

Und wenn wir das geschafft haben – wenn wir lernen konnten, den Schmerz eines Tieres oder eines Fremden zu fühlen –, dann können wir auch die nächsten Schritte gehen.

Im nächsten Artikel blicken wir allerdings noch einmal zurück und betrachten einen Schritt, der vielleicht noch größer war als die Ächtung von Grausamkeit und Folter. Denn beim Verzicht auf öffentliche Gewalt ging es „nur“ um den Verzicht auf sadistische Unterhaltung. Beim nächsten Thema aber ging es um Geld. Um sehr viel Geld. Wir schauen uns an, wie die Menschheit lernte, dass man Menschen nicht besitzen darf – wir werden sehen, wie die Moral über die Ökonomie siegte

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