Warum ein langes Leben die größte moralische Errungenschaft der Menschheit ist – und warum Hygiene eigentlich „systemische Liebe“ bedeutet.
1. Das Buch der Toten
Stellen Sie sich vor, wir betreten den Dachboden eines alten Bauernhauses. In einer verstaubten Kiste finden wir eine Familienbibel aus dem Jahr 1800. Wenn wir sie aufschlagen, finden wir auf den ersten Seiten nicht nur Gebete, sondern eine handschriftliche Chronik des Schmerzes. Dort stehen Einträge wie: „Anna, geboren 1802, gestorben 1804. Johann, geboren 1805, gestorben 1805.“
Diese Zeilen sind mehr als nur Tinte auf vergilbtem Papier; sie sind das Zeugnis einer Welt, die für uns heute unvorstellbar grausam wirkt. Vor nur zweihundert Jahren starb fast die Hälfte aller Kinder, bevor sie die Pubertät erreichten. Der Tod war kein seltener Besucher, er war der Mitbewohner in jeder Kinderstube.
Moralisch betrachtet war dies eine Katastrophe von unermesslichem Ausmaß: Ein massenhafter Verlust von Entfaltung. Jedes dieser Kinder trug ein Programm in sich – eine Potentialität, wie die Blüte eines Apfelbaums, die darauf wartet, Frucht zu bringen. Durch den frühzeitigen Tod wurde dieses zarte Leben all seiner Möglichkeiten beraubt.

2. Die Hölle des Fatalismus
Unsere Vorfahren nahmen das Sterben der Kinder als „Gottes Willen“, als unabwendbares Schicksal oder als „Lauf der Welt“ hin. Solange sie jedoch daran glaubten, sie könnten dagegen nichts ausrichten, solange konnten sie es tatsächlich nicht. Es gab es für sie nicht einmal einen Anlass zu handeln.
Fortschritt, auch Moralischer Fortschritt, geschieht erst, wenn wir erkennen, dass all dieses Leid keine Notwendigkeit ist, sondern etwas, das wir tatsächlich ändern können und daher ändern müssen. Sobald wir dies begriffen hatten, sobald wir begriffen hatten, dass diese Tode vermeidbar waren, verwandelte sich das massenhafte Sterben in eine moralische Aufgabe von ungeheurer Dringlichkeit.
3. Der einsame Rufer: Ignaz Semmelweis
„Moralische Pioniere“ sind Menschen, die eine moralische Aufgabe erkennen, bevor der Rest der Gesellschaft bereit ist, sie zu sehen. Einer der tragischsten Helden dieser Geschichte ist der Arzt Ignaz Semmelweis.
Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete er in einer Wiener Geburtsklinik. Er beobachtete entsetzt, dass in der Abteilung, in der Ärzte und Medizinstudenten arbeiteten, deutlich mehr Mütter am Kindbettfieber starben als in der Abteilung der Hebammen. Semmelweis entdeckte das „ökologische Gewebe“, bevor es einen Namen hatte: Er begriff die unsichtbare, tödliche Verbindung zwischen dem Seziertisch und dem Kreißsaal. Die Ärzte trugen „Leichengift“ – das, was wir heute Bakterien nennen – an ihren Händen direkt zu den Müttern.
Semmelweis handelte. Er führte in seiner Abteilung eine strenge Vorschrift ein: Das Waschen der Hände mit einer Chlorkalklösung. Die Ergebnisse waren nichts weniger als spektakulär. Innerhalb kürzester Zeit fiel die Sterblichkeit der Mütter in seiner Klinik von über 18 Prozent auf gerade einmal 2 Prozent. Es war ein Sieg der Vernunft über den Tod.

Doch nun geschah das Unfassbare: Nicht einmal diese harten, unbestreitbaren Fakten überzeugten seine Zeitgenossen. Seine Kollegen fühlten sich durch die Vorstellung beleidigt, ihre vornehmen Hände könnten Instrumente des Todes sein – ein Widerstand, den Semmelweis durch seine kompromisslose und oft schroffe Art, Kollegen öffentlich als „Mörder“ zu bezeichnen, unfreiwillig befeuerte. So blieb die Wahrheit außerhalb des „Overton-Fensters“ seiner Zunft, und Semmelweis wurde verlacht, ausgegrenzt und schließlich für verrückt erklärt.
Semmelweis endete tragisch in einer Irrenanstalt – doch die von ihm entdeckte moralische Tatsache, dass Hygiene zur Vermeidung von vermeidbarem Leid fürht, sollte die Welt für immer verändern.
4. Die vereinten Macher: Victor Zhdanov
Während der Triumphzug der Ideen von Ignaz Semmelweis erst nach dessen Tod einsetzte, zeigt die Geschichte von Victor Zhdanov, dass das nicht notwendigerweise so sein muss. Victor Zhdanov ist vielleicht der bedeutendste Mensch, von dem Sie noch nie gehört haben.
Wir schreiben das Jahr 1958, der Kalte Krieg ist auf seinem eisigen Höhepunkt. Victor Zhdanov, stellvertretender Gesundheitsminister der Sowjetunion, tritt vor die Weltgesundheitsversammlung (WHO). Er hält eine Rede, die alles verändern sollte. Er fordert die Weltgemeinschaft auf, die Pocken auszurotten – eine Plage, die seit Jahrtausenden die Menschheit dezimiert hatte. Allein im 20. Jahrhundert fielen diesem unsichtbaren Feind schätzungsweise 300 bis 500 Millionen Menschen zum Opfer – weit mehr als durch alle Kriege dieses blutigen Jahrhunderts zusammen. Zhdanov versprach dafür 25 Millionen Impfdosen aus der UdSSR.
Was dann geschah, war ein Wunder der Kooperation in einer zerrissenen Welt. Während die Regierungen in Washington und Moskau Atomraketen aufeinander richteten, erkannten die Ärzte beider Seiten ihre radikale Verbundenheit. Denn Viren kennen keine Ideologien und keine Grenzen. Zhdanovs Initiative brach das Eis des Kalten Krieges: Die USA ließen sich auf die Zusammenarbeit ein, und mit D.A. Henderson übernahm ein amerikanischer Stratege die Führung einer Kampagne, deren Effizienz die Weltgeschichte verändern sollte. Gemeinsam bauten die UdSSR und die USA ein globales System auf, das bis in die entlegensten Winkel der Erde reichte.
Im Jahr 1980 wurden die Pocken offiziell für ausgerottet erklärt. Schätzungen besagen, dass diese Kampagne bis heute zwischen 100 und 200 Millionen Menschenleben gerettet hat. Zhdanov ist daher womöglich jener Menschen in der Geschichte der Menschheit, der am meisten Gutes bewirkt hat.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist ermutigend! Wenn wir den „Ökologischen Imperativ“ auf geopolitischer Ebene anwenden – wenn wir kooperieren, statt zu kämpfen –, können wir das Unmögliche möglich machen.
5. Hygiene als systemische Liebe
Wir neigen dazu, Kanalisationen, Wasserfilter und Impfprogramme als rein technische Errungenschaften zu betrachten. Doch das ist eine Verkürzung. Moralisch betrachtet ist eine Kanalisation ein Bauwerk der „systemischen Liebe“: Unabhängig davon, ob sie einst aus Angst vor Seuchen oder purer Notwendigkeit gebaut wurde, entfaltet sie heute eine altruistische Wirkung. Sie schützt Menschen, die man nie treffen wird, vor Krankheiten, die sie nie bekommen werden, und markiert damit einen Sieg über die „kognitive Kurzsichtigkeit“.

Impfungen sind eine Form von kooperativer Intelligenz in einer vernetzten Welt. Wer sich impft, tut dies nicht nur für sich selbst. Er schützt damit auch die Schwachen im Netz, die Neugeborenen und die Kranken, die selbst keinen Schutz aufbauen können (Herdenimmunität). Dies ist angewandte „Ethik der Entfaltung“: Wir nutzen unsere Wissenschaft als Werkzeug, um den „Leidensfußabdruck“ in der Welt zu minimieren. Wir haben die Natur dort gezähmt, wo sie blind und grausam die Entfaltung des Lebens verhinderte.
6. Die Demokratisierung der Lebenszeit
Das Ergebnis dieses moralischen Marathons ist atemberaubend: Wir haben die Lebenserwartung weltweit mehr als verdoppelt. Wir haben dem Tod Jahrzehnte abgerungen.
Warum ich das als „Moralische Errungenschaft“ bezeichne? Weil Zeit ist die essenzielle Ressource ist, die wir brauchen, um als geistige Wesen zu wachsen.
Und das ist nun möglich! In weiten Teilen der Welt lebt heute die erste Generation, die mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit davon ausgehen darf, dass ihre Kinder sie überleben werden. Auch wenn dieser moralische Fortschritt noch nicht jeden Winkel der Erde erreicht hat, bildet er doch das Fundament, auf dem unser heutiges Glück beruht.

7. Der blinde Fleck
Vielleicht schütteln wir nun den Kopf über die Kurzsichtigkeit der Kritiker von Ignaz Semmelweis, ja, über deren Blindheit. Vielleicht feiern wir Victor Zhdanov als Helden. Doch jede Epoche hat ihre eigenen blinden Flecken. Wenn Hygiene bedeutet, vermeidbares Leid durch systemisches Handeln zu minimieren, müssen wir uns fragen, wo wir heute Leid produzieren, ohne es zu bemerken. Wir müssen das Prinzip der „systemischen Liebe“ dabei auf jene Bereiche ausweiten, die wir bisher aus Gewohnheit ignorieren: auf den Inhalt unserer Teller.



