6) Die Störung: Wie „hysterische“ Frauen erkämpften, was ihnen zustand

Warum der Kampf um das Frauenwahlrecht eine Blaupause für Veränderung ist – und warum wir radikale Störungen brauchen, um moralische Tatsachen zu erkennen.

Bisher in dieser Serie: Wir haben gesehen, wie Einzelne gegen Ignoranz kämpften (Semmelweis), wie globale Kooperation Krankheiten besiegte (Zhdanov) und wie wirtschaftlicher Druck moralische Ketten sprengte (Abolitionisten). Heute schauen wir auf ein Werkzeug, das viele bis heute erschreckt: die radikale Störung.

1. Das Paradoxon der Freiheit

Stellen wir uns einen prächtigen Ballsaal im London des Jahres 1880 vor. Wir sehen Männer, die über die Freiheit des Individuums debattieren, über die Demokratie und die Rechte des Bürgers. Es ist eine Welt, die sich selbst für hochgradig zivilisiert hält. Doch in diesem Raum befindet sich die Hälfte der Menschheit in einem Zustand der rechtlichen Unsichtbarkeit.

Denn die Frauen jener Zeit waren rechtlich auf die Stufe von Kindern oder Unmündigen gestellt. Sie durften nicht wählen, über ihr eigenes Eigentum meist nicht frei verfügen und galten als Anhängsel ihres Vaters oder Ehemanns. Wenn wir das aus dem Blickwinkel der Ethik der Entfaltung betrachten, sehen wir eine massive, künstliche Blockade im sozialen Gewebe. Das Potenzial von Millionen von Menschen, ihre Talente und ihren Geist aktiv in die Gestaltung der Welt einzubringen, wurde systematisch unterdrückt.

Warum wurde das damals nicht als unermesslicher Skandal empfunden? Weil es hinter dem Sichtschutz der Gewohnheit lag. Dieser Sichtschutz blockierte unsere Erkenntnisfähigkeit: Man sah Frauen nicht als eigenständige Subjekte mit den gleichen Entfaltungsrechten, wie man sie Männern zugestand.

2. Die Mechanik des Unmöglichen: Das Overton-Fenster

In Artikel 2 dieser Serie über „Moralischen Fortschritt“ habe ich das Overton-Fenster vorgestellt. Dieses Fenster begrenzt den Bereich der Ideen, die die Öffentlichkeit als „vernünftig“ oder „akzeptabel“ betrachtet. Um das Jahr 1850 lag die Forderung nach dem Frauenwahlrecht weit außerhalb dieses Fensters. Sie galt als anstößig, als undenkbar. Wenn eine Frau diese Forderung vertrat, reagierte man darauf nicht mit sachlicher Argumentation; diese Frau wurde ausgelacht oder als „unweiblich“ und „geisteskrank“ beschimpft.

Doch der moralische Fortschritt folgt Regeln. Der Prozess verlief genau nach dem Modell, das wir heute in den Geschichtsbüchern studieren können:

  • Um 1800: Die Idee ist undenkbar.
  • Um 1890: Die Idee zirkuliert, gilt aber als radikal. Man beginnt, heftig darüber zu streiten.
  • Um 1910: Die Idee wird akzeptabel.
  • Um 1920: Die Idee wird Gesetz und beginnt ihren internationalen Siegeszug.

Dieser Wandel geschah nicht, weil Politiker plötzlich zur Erleuchtung gelangt waren. Politiker sind selten Anführer; sie sind vielmehr dazu gezwungen, Opportunisten zu sein, die sich innerhalb des Overton-Fensters bewegen müssen, um wiedergewählt zu werden. Das Overton-Fenster wurde von außen verschoben.

3. Die Intelligenz der Radikalen

„Moralische Pionier:innen“ waren dafür verantwortlich: die Suffragetten. Frauen wie Emmeline Pankhurst erkannten moralische Tatsachen früher als der Rest der Gesellschaft. Sie begriffen das Offensichtliche: Frauen sind Menschen mit dem gleichen Potenzial zur Entfaltung wie Männer.

Pankhurst war dabei keine Theoretikerin, die in Studierzimmern auf Gerechtigkeit wartete; sie war die personifizierte Dringlichkeit. Ihr Slogan

„Deeds, not words“ (Taten statt Worte)

war eine Kriegserklärung an die geduldige Höflichkeit, die über Jahrzehnte nichts bewirkt hatte. Sie begriff, dass die moralische Wahrheit der Gleichberechtigung im höflichen Diskurs der Salons einfach „zu Tode debattiert“ wurde. Deshalb entschied sie sich, ihren Körper und ihren sozialen Status als Hebel zu benutzen. Wenn sie im Gefängnis hungerte, tat sie das nicht aus Verzweiflung, sondern auf der Basis der kalten Berechnung einer Strategin, die erkannt hatte: Ein leidender Körper im Hungerstreik ist ein Argument, das man weniger leicht wegdiskutieren kann.

Viele Zeitgenossen hielten die Suffragetten jedoch für „nervig“, für „extrem“ oder „hysterisch“. Denn sie störten Versammlungen, ketteten sich an Geländer und waren, kurz gesagt, „Sand im Getriebe“. Aber genau das war das Ziel, die Methode. Die Suffragetten störten nicht einfach Versammlungen; sie zerstörten die Illusion der Harmonie in einer zutiefst ungerechten Gesellschaft. Wenn sie Fensterscheiben in der Oxford Street einschlugen oder Galopprennen störten, begingen sie keine sinnlose Gewalt, sondern setzten auf eine riskante Eskalation: Sie erzeugten eine „kognitive Reibung“. Sie machten es dem bürgerlichen Mann unmöglich, den Abend bei Tee und Zeitung zu genießen, ohne an die unerledigte moralische Aufgabe der Zeit erinnert zu werden. Ihr Ziel war es, die Kosten des Status Quo so hochzutreiben, dass das Nachgeben – also die Verschiebung des Overton-Fensters – schließlich als das kleinere Übel erschien.

Aus der Sicht der Ethik der Entfaltung fällt der Befund daher genau andersherum aus: Diese Frauen waren nicht „nervig“, „extrem“ oder „hysterisch“, sie verfügten im Gegenteil über eine höhere Form der moralischen Intelligenz. Sie wussten, dass man ein festsitzendes Fenster nicht durch höfliches Klopfen bewegt. Man muss mit aller Kraft am Rand ziehen, damit die Mitte sich verschiebt. Indem sie das „Normale“ störten, zwangen sie die Gesellschaft zum „Trockentraining der Moral“. Jeder Bürger musste sich plötzlich fragen: Ist es wirklich gerechtfertigt, diese Frauen ins Gefängnis zu werfen, nur weil sie mitbestimmen wollen? Das Porzellan des gesellschaftlichen Konsenses begann zu klirren.

4. Der expandierende Kreis

Der Sieg der Suffragetten war ein klassischer Sieg des Ökologischen Imperativs, den ich am Anfang dieser Serie formuliert habe:

»Handle stets so, dass du die Entfaltung aller anderen fühlenden Wesen ermöglichst und nicht behinderst.«

Die Menschen erkannten schließlich, dass die Verweigerung des Wahlrechts für Frauen das Gewebe der Gesellschaft beschädigte, weil es die Entfaltung der Hälfte ihrer Mitglieder behinderte.

Indem Frauen das Stimmrecht erstritten, erweiterten sie den Kreis der Empathie und der Anerkennung. Ein wachsender Teil der Menschheit begriff, dass der „Nächste“ nicht nur der Mann aus der eigenen Gesellschaftsschicht ist, sondern jedes menschliche Wesen, das nach Entfaltung strebt.

5. Was wir daraus lernen können

Welche Lehre ziehen wir daraus für unsere Mechanik des Wandels?

  • Erstens: Fortschritt ist kein Kaffeekränzchen. Moralischer Fortschritt braucht auch Polarisierung, um die Trägheit der Masse zu überwinden. Ohne die Reibung die Radikale an den Rändern erzeugen, findet die moderate Mitte meist nicht den Mut zur Bewegung. Die Pionier:innen verschieben die Grenze des Denkbaren so weit, dass das, was zuvor „radikal“ war, plötzlich wie ein vernünftiger Kompromiss erscheint, auf den sich die Mehrheit einigen kann.
  • Zweitens: Die Delegitimierung der Rufer ist ein Symptom des Wandels. Wenn eine Bewegung als „hysterisch“ oder „nervig“ diffamiert wird, ist das oft das sicherste Zeichen dafür, dass sie gerade beginnt, den Rand des Overton-Fensters erfolgreich zu bewegen.
  • Drittens: Der Mut zur Unbeliebtheit ist eine moralische Ressource. Pankhurst und ihre Mitstreiterinnen lehrten uns, dass man die Welt nicht verbessert, indem man um Zustimmung innerhalb der bestehenden Regeln bittet, sondern indem man die moralische Absurdität dieser Regeln so lange vorführt, bis sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen.

6. Das Panorama des Wandels

Warum wollte ich diese Geschichte unbedingt erzählen, nachdem ich bereits über die Abschaffung der Sklaverei und den medizinischen Fortschritt gesprochen hatte? Weil sie ein entscheidendes Puzzlestück hinzufügt. Während Semmelweis tragisch scheiterte, Zhdanov durch globale Kooperation siegte und die Abolitionisten durch den Hebel des ökonomischen Boykotts den moralischen Sieg errangen, zeigt uns der Kampf der Frauen, dass Fortschritt oft aktiven, beharrlichen und manchmal „unbequemen“ Widerstand gegen den Status Quo braucht.

Der Artikel über den Kampf um das Frauenwahlrecht vervollständigt also mein Panorama der Mechanismen des Wandels. Die Werkzeuge haben wir nun kennengelernt: Wir brauchen die wissenschaftliche Erkenntnis (Semmelweis), die politische Skalierung (Zhdanov), den ökonomischen Boykott (Abolitionisten) und die radikale Provokation der Suffragetten. Wir haben gesehen, wie wir als Spezies gelernt haben, den Schmerz des anderen zu fühlen und künstliche Blockaden abzubauen.

Wir haben gelernt, den Kreis der Empathie und der Rechte innerhalb unserer eigenen Spezies sukzessive zu erweitern. Aber was ist mit jenen Wesen, die keine Stimme haben, um in Parlamenten zu schreien, die nicht in den Hungerstreik treten können? Was ist mit den Tieren? Diesen vielleicht größten blinden Fleck auf der moralischen Landkarte der Gegenwart wollte ich eigentlich bereits im heutigen Artikel behandeln. Doch dann wurde mir klar: Bevor wir den ‚Expanding Circle‘ gedanklich erweitern, um Tiere mit einzubeziehen, sollten wir verstehen, wie wir die vielleicht schmerzlichste Blockade innerhalb unserer eigenen Spezies überwunden haben – die Entrechtung der Hälfte der Menschheit.

Im nächsten Artikel blicken wir nun also, ermutigt durch die historischen Fortschritte in der Moral, auf einen der größten, offensichtlichsten Skandale unserer Zeit. Wir schauen auf unseren Teller.

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