Der ökologische Imperativ in der Praxis: Wie wir den Kreis der Empathie erweitern und zu Gärtnern des Lebens werden.
1. Der Blick aus dem Jahr 2100
Stellen Sie sich vor, wir reisen siebzig Jahre in die Zukunft. Ein Kind sitzt mit seinem Großvater in einem sonnendurchfluteten Garten. Das Kind hält ein digitales Buch über die Geschichte des 21. Jahrhunderts in den Händen, blickt auf und fragt mit ungläubigem Gesicht: „Opa, stimmt das wirklich? Habt ihr damals tatsächlich Milliarden von fühlenden Wesen in enge Metallboxen gesperrt und sie getötet, nur um sie zu essen? Obwohl ihr wusstet, dass sie Schmerz empfinden?“
Der Großvater wird wahrscheinlich schweigen und den Blick senken. Er wird das gleiche Gefühl der Scham empfinden, das wir heute spüren, wenn wir an die „anständigen“ Bürger des 18. Jahrhunderts denken, die sonntags in die Kirche gingen und montags ihre Sklaven zur Arbeit auf die Plantagen peitschten.

Wir müssen uns einer unbequemen Wahrheit stellen: Wir sind jene Vorfahren, über die künftige Generationen einmal hart urteilen werden. Wir befinden uns inmitten des größten moralischen Skandals aller Zeiten, doch wir sehen ihn nicht, weil er hinter den fensterlosen Mauern der industriellen Landwirtschaft verborgen bleibt.
2. Der Golden Retriever Test: Unsere moralische Schizophrenie
Jeder, der jemals mit einem Hund oder einer Katze zusammengelebt hat, weiß: Tiere sind keine biologischen Automaten. Sie empfinden Freude, wenn wir nach Hause kommen, sie zeigen Angst, sie spielen, sie suchen Bindung. Wir tun alles, um die Entfaltung unserer Haustiere zu fördern. Wir kaufen ihnen orthopädische Körbchen und trauern um sie wie um Familienmitglieder.
Doch nur wenige Zentimeter weiter, auf unserem Teller, machen wir eine radikale Ausnahme. Unterziehen wir diese schizophrene Praxis dem „Golden Retriever Test“: Würden wir einen Hund in eine Kastenbox sperren, in der er sich nicht einmal umdrehen kann? Würden wir ihm ohne Betäubung Körperteile abschneiden? Niemals. Warum tun wir es dann mit einem Schwein?
Vor Jahren entwarf ich das Konzept für eine YouTube-Serie namens „Ein-Schwein-Challenge“. Die Idee war sehr simpel: Ein zufällig ausgewählter Mensch lebt einen Monat lang mit einem kleinen Ferkel zusammen, pflegt es und lernt seinen Charakter kennen. Nach Ablauf dieser Zeit stellen wir ihm die radikale Frage: Bist du bereit, dieses Wesen, das du nun kennst, schlachten zu lassen, um es zu essen?

Wissenschaftlich gesehen ist das Schwein dem Hund in Sachen Intelligenz und sozialer Komplexität sogar oft überlegen. Dennoch haben wir den Kreis der Empathie willkürlich an einer Artengrenze gezogen. Dieser „Speziesismus“ (die Bevorzugung einiger Spezies auf Kosten anderer) basiert auf einer massiven epistemischen Blockade – einem Wahrnehmungsfilter, der uns daran hindert, eine moralische Tatsache zu erkennen, die eigentlich offensichtlich ist.
3. Die „moralische Software“: Astrid Lindgren und die Entfaltung
Die große Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren, die sich leidenschaftlich gegen das Tierleid engagierte, schrieb einmal ein Buch mit dem Titel: „Meine Kuh will auch Spass haben“. Es klingt wie ein Kinderbuch-Titel, ist aber in Wahrheit ein tiefgreifender philosophischer Essay.

Auch ich habe in meiner Ethik der Entfaltung beschrieben, dass jedes Lebewesen eine „Potentialität“ in sich trägt – einen Raum voller Möglichkeiten. Ein Schwein, das niemals wühlen darf, ein Huhn, das niemals Sandbaden kann, eine Kuh, die niemals eine soziale Bindung in Freiheit erlebt – das sind Wesen, die vollständig an ihrer Entfaltung gehindert werden. Wir nehmen ihnen nicht nur am Ende das Leben; wir nehmen ihnen schon davor jede Sekunde ihrer Existenz, wir nehmen ihnen die Möglichkeit, ihr Wesen zu verwirklichen. In der Massentierhaltung degradieren wir ein leidendes und strebendes Subjekt zu einer bloßen Einheit Biomasse – einer Einheit, die wir gedankenlos der allergrausamsten Behandlung aussetzen.
4. Die Mathematik des Grauens: DALYs und Welfare Ranges
Um das Ausmaß dieses Problems zu verstehen, müssen wir die Ebene der intuitiven Empathie verlassen und die Ebene der harten Analyse betreten. Die moderne Forschung zu den sogenannten Welfare Ranges untersucht, wie intensiv verschiedene Spezies Glück und Schmerz fühlen können. Die Resultate zeigen: Ein Schwein fühlt Schmerz etwa halb so intensiv wie ein Mensch, ein Huhn nur unwesentlich weniger, und selbst Fische sind weit davon entfernt, schmerzunempfindliche Objekte zu sein.
Wenn wir, im Wissen um die Welfare-Ranges, das Konzept der DALYs (Disability-Adjusted Life Years) auf unsere Mitlebewesen anwenden – jene Maßeinheit, die Lebensjahre zählt, die durch Leid entwertet oder durch vorzeitigen Tod verloren gehen –, gerät unser Weltbild ins Wanken.
In der Massentierhaltung ist fast jede Sekunde des Lebens eines Tieres zu 100 % durch Leid entwertet. Hinzu kommt der vollständige Verlust fast all ihrer potenziellen Lebensjahre durch die frühe Schlachtung. Selbst wenn wir Tierleid in unserer moralischen Rechnung extrem konservativ gewichten würden – sagen wir, der Schmerz eines Schweines zählt für uns nur ein Tausendstel (0,1 %) so viel wie der eines Menschen (und nicht, wie die Forschung ermittelt hat, 50 %) –, schnellt die industrielle Tierhaltung aufgrund der gigantischen Individuenzahlen auf Platz eins der größten moralischen Probleme der Gegenwart.
Um die Dimensionen zu begreifen, müssen wir uns die nackten Zahlen vor Augen führen: Jedes Jahr werden weltweit über 80 Milliarden Landtiere für unsere Ernährung geschlachtet. Wenn wir die Meeresbewohner hinzurechnen, sprechen wir von schätzungsweise ein bis zwei Billionen Lebewesen, die jedes Jahr getötet werden. Bitte versuchen Sie sich nur einen Augenblick lang die unvorstellbare Menge individuellen Leids vorzustellen, die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommt.

Dieses massenhafte Leiden und Sterben ist, mathematisch betrachtet, die größte Grausamkeit, die Menschen je begangen haben. Wir verursachen in den Ställen der Welt pro Jahr mehr Leid und Tod, als die Menschheit anderen Menschen in der gesamten Menschheitsgeschichte angetan hat.
5. Das Overton-Fenster: Von radikalen Pionieren und technologischen Helfern
Wie umgehen mit dieser Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß? Die Geschichte des moralischen Fortschritts zeigt uns den Weg. Wir müssen den Rahmen des gesellschaftlich Akzeptablen verschieben – das sogenannte Overton-Fenster. Dieses Fenster definiert, welche Ideen die Öffentlichkeit gerade als „vernünftig“ wahrnimmt. Was heute noch als „undenkbar“ gilt, kann durch den beharrlichen Druck von den Rändern her über „radikal“ und „akzeptabel“ schließlich zur neuen „Normalität“ und zum Gesetz werden.

Heute sind es die Veganer und Tierschutzaktivisten, die als „Moralische Pioniere“ vorangehen. Sie werden oft als „nervig“, „extrem“ oder „hysterisch“ diffamiert – genau wie die Suffragetten im gestrigen Artikel. Doch sie leisten das notwendige Trockentraining der Moral für uns alle. Sie zeigen uns, dass ein Leben ohne Ausbeutung möglich ist, und verschieben den Rand des Fensters mit aller Kraft in Richtung der Wahrheit.
Dennoch dürfen wir nicht darauf warten, dass alle Menschen ihnen folgen werden. Hier kommt die Technologie als moralischer Hebel ins Spiel, ähnlich wie die Dampfmaschine einst half, die Sklaverei ökonomisch überflüssig zu machen. Die zelluläre Landwirtschaft – im Labor gezüchtetes Fleisch (Cultured Meat) – ermöglicht die technologische Lösung des Problems. Sobald wir Fleisch genießen können, ohne dass ein Tier dafür leiden oder sterben muss, fällt jede moralische Rechtfertigung für die industrielle Schlachtung in sich zusammen. Technik ermöglicht hier Moral; sie macht es „billig“ und einfach, gut zu sein.

6. Die Baustelle der Gegenwart: Was zu tun ist
Freilich können wir nicht die Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass Laborfleisch weltweit skaliert wird. Wir müssen das ökologische Gewebe jetzt reparieren. Der Weg aus der Grausamkeit ist daher zweistufig:
- Ökologische Reduktion: Wir müssen die Tierhaltung auf ein Maß reduzieren, das artgerecht und nachhaltig ist. Das bedeutet: Nur so viele Tiere auf unserem Teller, wie auf ökologisch sinnvollen Weideflächen – etwa auf Almen – in Würde leben können.
- Investition in die Zukunft: Wir müssen massiv in die Forschung und Skalierung von Fleischalternativen investieren, um den Genuss endgültig vom Schmerz zu entkoppeln.

7. Wir sind das Rettende
Moralischer Fortschritt ist kein Kaffeekränzchen. Er ist harte Arbeit am eigenen Geist. Den Kreis der Empathie über die eigene Spezies hinaus zu erweitern, ist der nächste logische Schritt in dieser Entwicklung.
Es geht nicht um sofortige Perfektion, sondern um die ernsthafte Ausrichtung am Ökologischen Imperativ: Handle so, dass du andere Lebensformen im geringstmöglichen Ausmaß an ihrer Entfaltung hinderst. Jede Entscheidung an der Supermarktkasse, jeder Verzicht auf ein Produkt aus Qualzucht ist ein Akt der Intelligenz und ein Sieg über die eigene kognitive Kurzsichtigkeit.
Wenn wir das tun, restaurieren wir das Netz des Lebens, von dem wir selbst abhängen. Wir hören auf, die Zerstörer jenes Gewebes zu sein, und werden zu seinen Gärtnern.



