8) 2.000 m² – wie viel Erde braucht der Mensch?

Eine kritische Analyse der intensiven Landwirtschaft und ihrer Folgen für Mensch und Umwelt

Die Art, wie wir essen, wie wir unser Essen produzieren – unser Ernährungssystem – ist weit mehr als nur die Quelle einer einzigen beispiellosen moralischen Katastrophe. Neben dem unfassbaren Tierleid in den Tierfabriken, das wir im letzten Artikel beleuchtet haben, verursacht unsere Ernährungsweise drei weitere Menschheitskatastrophen von beinahe apokalyptischem Ausmaß.

Das Gedankenexperiment: Ihr Stück Welt

Um das Problem und seine – eigentlich offensichtlichen – Lösungen zu begreifen, möchte ich Sie zu einem Gedankenexperiment einladen. Begleiten sie mich auf ein Stück Land, das ganz alleine Ihnen gehört.

Sie stehen inmitten eines weiten, grünen Fußballfeldes. Dies ist Ihr persönlicher Anteil an der landwirtschaftlichen Fläche unseres Planeten. Wenn wir nämlich die gesamte nutzbare Erde durch 8,2 Milliarden Menschen teilen, entfällt auf jeden von uns genau so ein Feld von etwa 6.000 Quadratmetern.

Zwei Drittel dieser Fläche – der Strafraum, die Mitte und weite Teile der Flanken – bestehen aus Weideland. Diese Fläche eignet sich nicht zum Anbau von menschlicher Nahrung. Doch immerhin ein Drittel des Fußballfeldes, etwa 2.000 Quadratmeter, ist kostbares, fruchtbares Ackerland.

Was würden Sie auf diesen 2.000 Quadratmetern anbauen, um gesund, kräftig und vital zu bleiben?

Ein Garten der Fülle

Wenn wir unser Land klug nutzen, entsteht dort eine kleine Farm von erstaunlicher Effizienz. Für eine perfekte Proteinversorgung würden wir im Zentrum auf heimische Hülsenfrüchte setzen: tiefwurzelnde Linsen und platzsparende Stangenbohnen, die sich an Rankhilfen emporstrecken.

Gleich daneben füllen wir unsere Kohlenhydrat-Speicher mit hocheffizienten Energielieferanten: Ein Feld mit robustem Hafer und eine Parzelle mit Kartoffeln, die tief in der Erde ihre Knollen bilden.

Um unseren Körper mit essenziellen, gesunden Fetten zu versorgen, pflanzen wir auf einem weiteren Streifen blau blühenden Lein und nussigen Hanf an – zwei heimische Superfoods.

Die Ränder unseres Ackers verwandeln sich in ein Schlaraffenland für Mikronährstoffe: Knackiger Kohl, bunte Gemüsebeete und frische Salate wachsen im Schatten einiger Obstbäume, während Beerensträucher die Zäune säumen.

Kalkuliert man den Flächenbedarf für die vollwertige, gesund Ernährung eines erwachsenen Menschen präzise durch, so gelangt man zu einer schockierenden Erkenntnis: Wir benötigen bei Weitem keine 2.000 Quadratmeter Ackerfläche, um satt zu werden und gesund zu bleiben. Tatsächlich reicht ein Bruchteil davon aus, um uns alles zu geben, was wir zum Aufblühen benötigen.

Wo also liegt der Fehler?

Der Riss im Gewebe: Landwirtschaft als Katastrophe

Die Metapher der 2.000 Quadratmeter hilft uns, das Absurde unseres Systems zu visualisieren und zu begreifen. Wir verwenden heute den Löwenanteil dieses Ackers nicht für unsere Teller, sondern für die Produktion von Futtermitteln.

Warum? Weil wir weltweit über 80 Milliarden Nutztiere halten – weit mehr, als jemals auf dem natürlichen Weideland dieser Erde Platz fänden. Wir bauen schlicht das Falsche an und verwandeln pflanzliche Kalorien unter enormen Verlusten in tierische Kalorien.

Zusätzlich produzieren wir einen beträchtlichen Teil der wertvollen Ernte direkt für die Tonne – sei es durch fehlende Infrastruktur in armen Regionen oder durch die groteske Verschwendungssucht in den reichen Nationen.

Dies ist der Grund, warum wir mit der vorhandenen Fläche nicht auskommen. Dies ist der Grund, warum wir die Böden auslaugen und mit giftigen Pestiziden tränken. Im Dienst der Fleischproduktion lösen wir nicht nur ein Massensterben in den Tierfabriken aus, sondern auch ein Massensterben in der Natur. Durch unseren ungeheuren Flächenhunger und Chemieeinsatz reißen wir Löcher in die Biosphäre, die die Grundlage unseres Überlebens ist.

Von neun planetaren Belastungsgrenzen der Biosphäre sind wir bereits dabei, sechs zu überschreiten. In vier dieser Fälle ist die intensive Landwirtschaft die Hauptursache; bei den anderen beiden ist sie eine von zwei treibenden Kräften. Ob Artensterben, Klimakrise, Meeresversauerung, Bodenverbrauch oder die Störung der Phosphor- und Stickstoffkreisläufe – immer steht unser Ernährungssystem im Zentrum des Sturms. Die Wurzel des Problems bleibt dabei immer dieselbe: der übersteigerte Konsum tierischer Produkte und die ignorante Verschwendung von Lebensmitteln.

Der vermeidbare Hunger und der Preis der Gesundheit

Die Auswirkungen dieser Fehlsteuerung betreffen jedoch keineswegs nur die Natur. Sie sind ein Angriff auf die Menschheit selbst. Wenn wir Getreide und Soja an 80 Milliarden Nutztiere verfüttern, bleibt am Ende nicht genug für die 8 Milliarden Menschen übrig, die wir andernfalls leicht ernähren könnten. Der Hunger auf dieser Welt ist kein Schicksal, sondern die logische, bittere Konsequenz eines Systems, das Fleischkonsum über Menschenleben stellt.

Gleichzeitig schadet diese Form der Landwirtschaft paradoxerweise genau jenen, zu deren Genuss sie scheinbar eingerichtet wurde: uns selbst. In den wohlhabenden Nationen breiten sich Zivilisationskrankheiten aufgrund des zu hohen Fleischkonsums explosionsartig aus. Die falsche Zusammensetzung unserer Diäten, die Giftbelastung unserer Nahrung und eine Industrie, die uns mit nährwertarmen, hochverarbeiteten Lebensmitteln süchtig macht, sind zum größten Killer auf diesem Planeten geworden. Laut der „Global Burden of Disease“-Studie der WHO sterben in reichen Ländern heute weit mehr Menschen an den Folgen dieser Fehlernährung als an Mangelernährung in armen Regionen.

Wege aus der Krise: Technologie als moralischer Hebel

Theoretisch ist es einfach, diesen Wahnsinn zu beenden. Wir müssen einerseits die Verluste drastisch reduzieren – als Einzelne und als Gesellschaft. Andererseits müssen wir die Produktion tierischer Kalorien strikt an nachhaltig verfügbare Flächen binden und den Tieren ein würdevolles, artgerechtes Leben ermöglichen. Das heißt:

Keine Futtermittelproduktion auf kostbarem Ackerland.

Um unseren Hunger auf Fleisch dennoch zu stillen, ohne den Planeten zu opfern, sollten wir auf eine technologische Revolution setzen: Cultured Meat (kultiviertes Fleisch). Indem wir echte tierische Zellen in Bioreaktoren züchten, erhalten wir Fleisch, das biologisch identisch ist, aber keinen einzigen Schlachthof und keine massenhafte Flächenvernichtung mehr erfordert. Wir gewinnen dadurch wertvolle Ökosysteme zurück und stoppen das Leid in den Ställen und in der Wildnis.

Eine weitere Joker-Karte ist die Blaue Landwirtschaft. Algen sind wahre Superfoods, die ohne Dünger und Süßwasser wachsen und dabei enorme Mengen CO2 binden. Besonders effektiv sind 3D-Farmen im Meer, in denen Algen und Muscheln in vertikalen Systemen gedeihen. Da Muscheln kein zentrales Nervensystem besitzen und nach allem, was wir wissen, keinen Schmerz empfinden, bieten sie uns hochwertige Proteine auf eine Weise, die das Meer reinigt, statt es zu belasten.

Der Wille zum Wandel

Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Sie sind greifbar, logisch und umsetzbar. Was uns fehlt, ist nicht das Wissen, sondern der Mut, die moralische Tatsache anzuerkennen: Unser aktuelles System beschädigt das Gewebe, das uns alle trägt. Wenn wir begriffen haben, wie groß das Problem ist, und wenn wir den Willen entwickeln, dessen Lösungen konsequent zu leben und politisch zu fordern, werden wir das Rettende wachsen lassen.

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