Warum wir lernen müssen, Leid zu vergleichen
Im letzten Artikel standen wir gemeinsam auf einem virtuellen Fußballfeld – jenen 2.000 m² Ackerland, die jedem Menschen rechnerisch zustehen. Wir haben gesehen, wie das aktuelle Ernährungssystem nicht nur unermessliches Tierleid in Tierfabriken und unter freiem Himmel produziert, sondern gleichzeitig die planetaren Grenzen sprengt.

Und wir haben erkannt, dass dasselbe System, das Milliarden fühlender Wesen an ihrer Entfaltung hindert, auch in der Welt der Menschen einen gewaltigen Leidensfußabdruck hinterlässt: Während im globalen Süden der Mangel an Nahrung Hunger produziert, leiden wir im Norden an Zivilisationskrankheiten, die durch Pestizidrückstände, Nitrat im Trinkwasser, ein Übermaß an Fleisch und an hochverarbeiteten Lebensmitteln entstehen.

Vielleicht empfinden es manche von uns als Überraschung, dass ein Mensch, der gerade dabei ist, seinen Einkaufswagen in der Fleischabteilung zu beladen, im Begriff ist, eines der größten Probleme der Menschheit zu befeuern. Falls das der Fall sein sollte, falls einige von uns dieses Problem nicht in seinem vollen Ausmaß am Radar hatten, stellt sich die beunruhigende Frage, ob es noch weitere blinde Flecken gibt, weitere Quellen von Tod und Zerstörung, deren Ausmaß wir nicht richtig einschätzen.
Vielleicht setzen wir unsere Zeit und Energie gerade in diesem Augenblick zur Lösung kleiner Probleme ein und übersehen dabei die viel größeren Probleme? Vielleicht sieben wir Mücken aus und verschlucken Elefanten …

Da unsere Ressourcen – unsere Zeit und unser Geld – begrenzt sind, stellt sich die drängende Frage, wo wir sie einsetzen sollten, um am meisten Gutes zu bewirken?
Wir benötigen ein Ranking unserer größten Probleme!
Das Werkzeug: eine Währung, um Leiden zu messen
Vielleicht sträuben sich manche von uns instinktiv dagegen, Leid zu „berechnen“. Doch die Wahrheit ist: Wir vergleichen ständig, meist jedoch unbewusst, gesteuert von Schlagzeilen oder der Kurzsichtigkeit der Zeit, in der wir leben. Um jedoch unseren Ökologischen Imperativ – am wenigsten zu zerstören und am meisten Gutes zu bewirken – in die Praxis umzusetzen, brauchen wir besser kalibrierte Messinstrumente, wir benötigen einen Kompass.

Diesen Kompass gibt es bereits und er findet im Gesundheitswesen Verwendung. Das Konzept der DALYs (Disability Adjusted Life Years), das wir bereits bei der Analyse des Tierleids kurz gestreift haben, ermöglicht nun auch für uns Menschen den Vergleich zwischen verschiedenen negativen Szenarien, in deren Vermeidung wir investieren könnten.
Das Konzept der DALYs führt dazu zwei Metriken zusammen:
- Vorzeitiger Tod: Ein Tod mit 20 Jahren wiegt schwerer als ein Tod mit 80, da durch den Tod mit 20 Jahren mehr potenzielle Lebensjahre und damit Entfaltungsmöglichkeiten verloren gehen.
- Die Entwertung des Lebens: Jahre werden nicht nur verloren, sie können auch durch Leid entwertet werden. Wenn wir (rein hypothetisch) annehmen, dass eine Erblindung die Lebensqualität subjektiv um 20 % mindert, dann entsprechen 20 Jahre Blindheit dem Verlust von 4 gesunden Lebensjahren.
Indem wir diese Werte addieren, machen wir das Leid vergleichbar und stellen sicher, dass unser Wunsch zu helfen dort wirksam wird, wo wir am meisten Schmerz verhindern können.
Der Hebel
Was aber sind nun die größten Probleme mit dem größten Leidensfußabdruck? Um das herauszufinden, dürfen wir nicht nur auf die Diagnosen schauen. Denn Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nur die Symptome tiefer liegender Probleme. Wir müssen auf die Risikofaktoren blicken – die Wurzeln des Leidens.

Die wissenschaftliche Grundlage dafür liefert uns die Global Burden of Disease Studie (GBD) der WHO. Sie berechnet den „Leidensfußabdruck“ der Welt und fragt: Wie viel Sterben würde verhindert, wenn wir einen bestimmten Faktor – wie Kohleverbrennung oder Massentierhaltung – ausschalten würden?
Den Mörder im Spiegel erkennen: Wenn Daten die Intuition korrigieren
In den Zahlen der Global Burden of Disease Studie stoßen wir immer wieder auf dramatische Unterschiede zwischen unserer Wahrnehmung und der Realität:
- Weltweit sterben weitaus mehr Menschen durch Selbstmord als durch Mord (rund 720.000 Menschen pro Jahr).
- Morde geschehen weitaus häufiger im engsten Familien- oder Bekanntenkreis als durch Fremde (rund 458.000 Menschen pro Jahr).
- Der Leidensfußabdruck durch Terror, vor dem wir uns vielleicht am meisten fürchten, ist im Vergleich zu anderen gewaltsamen Toden verschwindend gering. Der Global Terrorism Index (GTI) 2024 verzeichnete für das Jahr 2023 weltweit 8.352 Tote durch Terrorismus. Im Jahr 2022 waren es ca. 6.701.
Flapsig formuliert: Wer – vor allem als Frau – seinen Mörder kennenlernen will, sollte nicht die Nachrichten einschalten, sondern entweder in den Spiegel schauen (Suizid) oder in die Augen seines Gegenübers am Frühstückstisch (Beziehungstat).

Die Zukunft mit einbeziehen
Wenn wir nun darangehen in den nächsten Artikeln ein Ranking der größten Probleme der Menschheit zu erstellen, müssen wir auch jene potenziellen Katastrophen mit einbeziehen, die womöglich vor uns liegen. Dazu multiplizieren wir den Leidensfußabdruck dieser potenziellen Probleme mit ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit.

Dadurch machen wir jene Probleme, die heute bereits Millionen Menschen töten (wie die Luftverschmutzung), mit jenen Gefahren vergleichbar, die vor uns liegen, die womöglich eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit haben, aber dafür das Potenzial, die gesamte Menschheit auszulöschen. Das sind die sogenannten Existentiellen Risiken (X-Risks).
Wie in der mathematischen Logik von Versicherungen, wiegt auch bei der Bewertung von Menschheitsproblemen ein solcher totaler Schaden schwerer als ein kleineres Problem mit höherer Eintrittswahrscheinlichkeit.
Fazit: Vom Wissen zur Anwendung
Dass wir heute die Daten der GBD-Studie und die Metrik der DALYs besitzen, ist ein erster Triumph der moralischen Intelligenz. Wir müssen nicht länger im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, Leid zu lindern.

Der Ökologische Imperativ zwingt uns nun dazu, diese Fakten auch tatsächlich als Kompass zu nutzen.
In den nächsten Folgen dieser Artikelserie werden wir diesen Kompass daher einsetzen und ein konkretes Ranking erstellen: Welches sind die tatsächlich größten Probleme der Menschheit?
Nutzen wir die Zeit bis dahin für ein kleines Trockentraining der Moral, für einen Augenblick der Selbstkritik: Welches Problem auf unserer persönlichen Agenda würde bei einer Bewertung auf DALY-Basis vermutlich weniger ins Gewicht fallen – und welches womöglich vernachlässigte Problem würde plötzlich gigantische Ausmaße annehmen?



