Ein Ranking auf der Basis von verlorenen gesunden Lebensjahren
In den vorangegangenen Teilen dieser Serie haben wir den „Ökologischen Imperativ“ als Kompass für unser Handelnetabliert: die Einsicht, dass unsere eigene Entfaltung untrennbar mit dem Schutz des gesamten Lebensgewebes verknüpft ist. Wir haben gesehen, wie moralische Pioniere das „Overton-Fenster“ – den Rahmen des aktuell politisch Umsetzbaren – verschoben haben, um die Sklaverei oder die Ungleichbehandlung von Frauen zu beenden.
Um unser soziales und ökologisches Gewebe heute effektiv zu schützen oder zu reparieren, müssen wir uns allerdings von unserer spontanen Intuition lösen, die oft von der Sichtbarkeit und Plötzlichkeit von Ereignissen verzerrt wird, und uns harten Metriken zuwenden.

Im aktuellen Artikel dieser Serie versuche ich daher, ein erstes Ranking der größten Probleme der Menschheit zu entwickeln. Die Währung, mit deren Hilfe ich dabei alles bewerte, sind DALYs (ein Konzept, das ich im vorigen Artikel vorgestellt habe). DALYs setzen sich aus zwei Komponenten zusammen:
- Wie viele vorzeitige Tode verursacht ein Problem? Wie viele Lebensjahre gehen dadurch verloren (YLL Years of Life Lost – Verlorene Lebensjahre)?
- Wie viele Lebensjahre verlieren an Qualität, weil sie durch Leid entwertet werden (YLD Years Lived with Disability – Mit Behinderung gelebte Jahre)?

Als Datengrundlage für diesen Artikel dient die Global Burden of Disease Studie (GBD), die vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) alle zwei Jahre erstellt wird.
Zur Einordnung
Das Ranking, das auf dieser Datenbasis entsteht, ist freilich nur eine erste Annäherung.
- Es ist eine Momentaufnahme, da es lediglich zeigt, welche Prozesse im Jahr 2023 den größten Leidensfußabdruck unter Menschen verursacht haben.
- Probleme, die heute noch nicht so viel Leid und vorzeitige Tode verursachen, aber vorhersehbar an Fahrt aufnehmen werden, wie zum Beispiel die Klimakrise oder das Artensterben, sind vorläufig noch nicht in dem Ranking enthalten.
- Auch den Leidensfußabdruck von nicht-menschlichen Tieren habe ich vorerst (noch) nicht berücksichtigt.
- Darüber hinaus wird diese Momentaufnahme dadurch verzerrt, dass das hier vorgestellte Ranking vorläufig lediglich auf einem einzigen Parameter beruht: auf entwerteten und entgangenen Lebensjahren (DALYs).
In späteren Artikeln der Serie werde ich diesen Parameter für unser Ranking einer Kritik unterziehen und weitere Parameter vorschlagen. Wir werden dann auch Probleme, die sich bereits in der Pipeline befinden (Klimawandel, Artensterben, etc.), sowie lediglich potenzielle, aber dafür fatale Probleme (Atomkrieg) mit einbeziehen.
Ranking der 20 größten Krankheitslasten
Werfen wir zunächst einen Blick darauf, „was“ uns tötet oder beeinträchtigt. Diese „Causes“ sind hierarchisch organisiert und auf jeder Ebene wechselseitig ausschließend. Ein DALY entspricht dabei dem Verlust eines Jahres in voller Gesundheit.

Ranking der 20 größten Risikofaktoren
Während Krankheiten die Symptome sind, zeigen uns die Risikofaktoren, „warum“ wir leiden. Diese Faktoren sind nicht wechselseitig ausschließend und stellen die „Hebel“ dar, an denen Politik und Individuum ansetzen können.

Interessanterweise fehlen in diesen Top 20 jene Gefahren, vor denen wir uns am meisten fürchten: Mord, Terror und Gewalt. Selbst die rund 720.000 Suizide und 458.000 Morde jährlich, die ich im vorigen Artikel erwähnt habe, verursachen in der globalen DALY-Rechnung weniger Leid als beispielsweise Rückenschmerzen oder Kopfschmerzerkrankungen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, unseren Blick von den spektakulären Ereignissen auf die schleichenden, systemischen Katastrophen zu lenken.
Blinde Flecken: Was in den Tabellen fehlt
Bevor wir die Daten gruppieren, müssen wir uns vor Augen führen, dass die GBD-Tabellen strukturelle Grenzen haben. Denn manche Probleme fallen durch das Raster der ICD-Diagnosecodes.
- Armut als „Ursache der Ursachen“: Armut führt zu verschmutztem Wasser, Unterernährung und fehlendem Zugang zu Medikamenten. Würde man „Extreme Armut“ als Risikofaktor listen, stünde sie im globalen Süden unangefochten auf Platz 1.
- Einsamkeit: Die WHO stuft die Gefahr von Einsamkeit als vergleichbar mit dem Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag ein. Sie wird mit weltweit 871.000 Todesfällen jährlich in Verbindung gebracht
- Antimikrobielle Resistenz (AMR): 1,27 Millionen Menschen starben 2019 direkt an resistenten Keimen. Würde man AMR als eigene Todesursache listen, wäre sie weltweit die dritthäufigste Todesursache.
- Gewalt gegen Frauen und Kinder: Sexueller Missbrauch in der Kindheit (CSA) ist ein „toxischer Stressor“, der später Diabetes, Sucht und psychische Störungen auslösen kann.
- Klimawandel: Die GBD misst aktuell vor allem thermischen Stress (+60 % Hitzetote seit 1990). Die indirekten Folgen – Ernteausfälle, Migration und neue Infektionswege – sind in diesen Daten noch massiv unterschätzt.
Gruppierung in lebensnahe „Cluster des Leidens“
Um die Daten für unser Handeln nutzbar zu machen, gruppieren wir sie nun in Cluster. Dies hilft uns, die systemischen Ursachen hinter den Zahlen besser zu verstehen.
1. Metabolischer Tsunami (Ernährung und Bewegung)
Dies ist das größte Problem der Gegenwart. Unsere Biologie kollabiert unter dem modernen Lebensstil aus Fehlernährung und Bewegungsmangel.
- Hoher Blutdruck (Rang 1): Der „Silent Killer“, getrieben durch Salz und Übergewicht. (230 Mio. DALYs)
- Hoher Blutzucker (Rang 5): Die Vorstufe zu Diabetes durch zu viel Zucker und zu wenig Aktivität. (152 Mio. DALYs)
- Hoher BMI / Adipositas (Rang 6): Die sichtbare Folge eines energetischen Ungleichgewichts. Zu viele Kalorien, zu wenig Bewegung. (128 Mio. DALYs)
- Hohes LDL-Cholesterin (Rang 7): Verkalkt die Gefäße durch falsche Fette in der Nahrung. (100 Mio. DALYs)
- Nierenfunktionsstörung (Rang 8): Meist die Spätfolge von jahrelangem Blutdruck- und Zuckerstress. (90 Mio. DALYs)
- Hoher Salzgehalt (Rang 13): Ein reiner Ernährungsfaktor, der das Herz-Kreislauf-System belastet. (41 Mio. DALYs)
- Wenig Vollkorn (Rang 15): Ein Mangel an Schutzstoffen, der den Stoffwechsel destabilisiert. (30 Mio. DALYs)
- Wenig Obst (Rang 16): Fehlende Mikronährstoffe, die für die Gefäßgesundheit essenziell sind. (25 Mio. DALYs)
Die kumulierte Last dieses Clusters liegt bei etwa 796 Millionen DALYs jährlich.
2. Die Last der Ungleichheit (Die Armutsgruppe)
Eine moralische Katastrophe, die fast ausschließlich die ärmsten 20 % der Weltbevölkerung betrifft.
- Neonatale Störungen (Rang 2 der Krankheiten): Umfassen Frühgeburt und Sepsis. (170 Mio. DALYs)
- Niedriges Geburtsgewicht (Rang 4): Ein Spiegelbild mangelnder medizinischer Versorgung von Müttern. (160 Mio. DALYs)
- Unterernährung bei Kindern (Rang 9): Verwehrt den Jüngsten die Chance auf eine gesunde Entfaltung. (80 Mio. DALYs)
- Unsauberes Wasser & Hygiene (WASH) (Rang 11): Ein vermeidbares Sterben durch fehlende Infrastruktur. (74 Mio. DALYs)
Dieses Cluster raubt der Menschheit jedes Jahr rund 484 Millionen gesunde Lebensjahre.
3. Die Sucht-Krise
Substanzen, die kurzfristige Belohnung gegen gesunde Lebensjahre eintauschen.
- Rauchen (Tabak) (Rang 3): Der führende vermeidbare Risikofaktor für Krebs und Lungenleiden. (200 Mio. DALYs)
- Alkoholkonsum (Rang 10): Zerstört Lebensqualität durch Sucht, Unfälle und Organschäden. (75 Mio. DALYs)
- Drogenkonsum (Rang 14): Verursacht massive Verluste an Lebensjahren, oft schon in der Jugend. (30 Mio. DALYs)
Zusammen verursachen diese Faktoren eine Last von etwa 305 Millionen DALYs.
4. Die moderne Dynamik (Systemstressoren)
Nebenprodukte einer technisierten, urbanen und oft isolierten Lebensweise.
Untergruppe: Umweltbelastungen (Die toxische Außenwelt)
- Feinstaubbelastung (PM2.5) (Rang 2): Wir vergiften unsere Atemluft durch Verkehr und Industrie. (224 Mio. DALYs)
- Berufsbedingte Risiken (Rang 12): Gefahren wie Belastungen durch Asbest oder Lärm. (77 Mio. DALYs)
- Blei-Exposition (Rang 17): Ein oft übersehenes Gift, das die geistige Entwicklung schädigt. (20 Mio. DALYs)
- Nicht-optimale Temperaturen (Rang 19): Die wachsende Gefahr durch Klimawandel und Hitzewellen. (15 Mio. DALYs)

Die Bilanz der Außenwelt: Diese Untergruppe summiert sich auf eine Last von ca. 336 Millionen DALYs jährlich.
Untergruppe: Psychische & Soziale Belastungen (Die entwertete Innenwelt)
- Kopfschmerzerkrankungen (Rang 13 der Krankheiten): Steigen rasant durch Stress und moderne Arbeitsrhythmen. (45,5 Mio. DALYs)
- Depressive Störungen (Rang 10 der Krankheiten): Entwerten Millionen von Lebensjahren durch tiefe psychische Not. (56,3 Mio. DALYs)
- Angststörungen (Rang 20 der Krankheiten): Eine wachsende Last in einer immer komplexeren Welt. (30 Mio. DALYs)
- Häusliche Gewalt (Rang 20): Ein verborgener Treiber für chronische Krankheiten. (6 Mio. DALYs)
- Einsamkeit (Der „Blinde Fleck“): So gefährlich wie 15 Zigaretten pro Tag. Die

Bilanz der Innenwelt: Ohne die (noch ungemessene) Volllast der Einsamkeit verursacht diese Untergruppe bereits ca. 170,3 Millionen DALYs jährlich.
Die moderne Dynamik schlägt insgesamt mit einer Last von etwa 517 Millionen DALYs zu Buche.
5. Die biologische Resilienz (AMR)
- Antimikrobielle Resistenz (AMR): Untergräbt das Fundament der modernen Medizin.
Als „Hidden Giant“ würde AMR mit über 1,27 Millionen Toten eine der führenden Krankheitslasten darstellen.
6. Die „Außenseiter“: Risiken ohne klares Cluster
- Verkehrsunfälle (Rang 8 der Krankheiten): Der hohe Preis des Individualverkehrs. (65,1 Mio. DALYs)
- Unsicherer Sex (Rang 18): Ein vermeidbarer Übertragungsweg für lebensverkürzende Krankheiten. (20 Mio. DALYs)
- Stürze (Rang 15 der Krankheiten): Ein spezifisches Risiko einer alternden Gesellschaft. (43,8 Mio. DALYs)
Diese beiden Faktoren entziehen der Welt jährlich etwa 129 Millionen DALYs.
Ausblick
In den folgenden Artikeln dieser Serie werden wir zunächst jedes dieser Problem-Cluster genauer ausleuchten. Es wird also um Ernährung und Bewegung gehen, um Drogen, um Armut und Kindersterblichkeit, um Umweltbelastungenund Psychische Belastungen und um Antimikrobielle Resistenz.
Danach werden wir fragen, wie sich das Ranking verändern würde, wenn wir weitere Parameter hinzufügten – etwa “Entfaltung auf der Basis von Capabilities” gemäß Amartya Sen und Martha Nussbaum.
Schließlich werden wir zukünftige und potenzielle Gefahren sowie X-Risiken (Existenzielle Risiken) mit einbeziehen, um unser dadurch Ranking immer weiter zu verfeinern.
Unser Ziel bei alledem: die größten Probleme der Gegenwart möglichst klar zu erkennen und zu ordnen, so dass wir wissen, wo wir den Hebel ansetzen müssen – so wie einst jene Moralischen Pioniere, die gegen die Sklaverei kämpften.

Nächste Woche in unserer Serie: Der metabolische Tsunami – Wie unsere westliche Diät die bei weitem größte Menschheitskatastrophe befeuert.


