(Spoiler: Sie sind legal) – Platz 1 wird dich überraschen: Experten bewerten 20 Substanzen nach ihrem Schaden für Individuum und Gesellschaft.
In unserer bisherigen Artikelserie haben wir den Ökologischen Imperativ als Kompass etabliert: Er soll uns dabei helfen, das Gewebe des Lebens zu schützen und jede Form der Blockade von Entfaltung abzubauen. Vor diesem Hintergrund wenden wir uns heute einer gewaltigen Quelle der Zerstörung und Entwertung menschlichen Lebens zu: den Suchtgiften. Jenen Substanzen also, deren Konsumenten eine kurzfristige Belohnung des Gehirns gegen wertvolle gesunde Lebensjahre eintauschen.
Um die tatsächliche Dimension dieses Problems zu begreifen, müssen wir das Bild, das manche von uns mit dem Thema Drogen verbinden, für einen Augenblick vergessen, wir müssen unsere intuitive Angst vor „Kriminellen“ und „Illegalen“ zur Seite schieben und eine Evaluation auf Basis der harten Währung der DALYs (der verlorene gesunde Lebensjahre) durchführen.

Nikotin: Die Hauptursache von Leid und vorzeitigem Tod
Die meisten Menschen geben eine falsche Antwort, wenn man sie fragt, welche Droge weltweit die meisten Opfer fordert. Die nackten Zahlen der Global Burden of Disease Studie korrigieren diese Fehlwahrnehmung: Tabak (Nikotin) ist mit einem Leidensfußabdruck von etwa 200 Millionen DALYs der weltweit führende vermeidbare Risikofaktor für Krebs und Lungenleiden.
Jahr für Jahr sterben rund 7,36 Millionen Menschen eines vorzeitigen Todes aufgrund von Tabakkonsum. Das sind rund sechsmal so viele Menschen, wie jährlich durch alle Morde und Suizide zusammengenommen ihr Leben verlieren – und es übertrifft sogar die gesamte weltweite Kindersterblichkeit unter fünf Jahren (4,9 Millionen) um fast drei Millionen Opfer pro Jahr.
Nikotin rangiert damit auf Platz 3 der gefährlichsten Risikofaktoren der Menschheit – weit vor Hunger oder unsauberem Wasser. Besonders tragisch dabei: Die Sucht des Einzelnen schadet auch seinem Mitmenschen. Jedes Jahr sterben weltweit – immer noch – rund eine Million Menschen an den Folgen des Passivrauchens, ohne jemals selbst eine Zigarette angezündet zu haben.

Alkohol: Das unterschätzte Suchtgift
Gemessen an der Zahl der entwerteten oder zerstören Lebensjahre folgt auf den Tabakkonsum der Alkoholkonsum, der jährlich rund 75 Millionen gesunde Lebensjahre vernichtet. An den Folgen dieses Suchtgiftes sterben Jahr für Jahr rund 2,6 Millionen Menschen. Während wir Abends gemütlich zusammensitzen und plaudern, während wir uns womöglich vor Gewaltverbrechen und Terrorismus fürchten, erweist sich das Glas Bier oder Wein in unserer Hand statistisch gesehen als weitaus größere Bedrohung für unser Überleben als jede Form von interpersonaler Gewalt. Dabei ist Alkohl nicht nur ein massiver Treiber von Leberzirrhose oder psychische Zerrüttung, sondern – ironischerweise – auch eine der Hauptursachen von Gewalt, von Toten im Straßenverkehr oder nach häuslichen Konflikten.

Korrrektur des Zerrbildes der Gefahr durch illegale Drogen
An dieser Stelle unserer datenbasierten Recherche stoßen wir auf eine verblüffende statistische Tatsache: Alle illegalen Drogen zusammen (Heroin, Kokain, Amphetamine etc.) verursachen weltweit „nur“ etwa 30 Millionen DALYs. Das bedeutet: Die legalen Drogen Nikotin und Alkohol verursachen zusammen fast zehnmal soviel menschliches Leid wie das gesamte Spektrum der verbotenen Substanzen.
Der Forscher David Nutt hat bereits vor vielen Jahren eine systematische Analyse vorgelegt, die zeigt, dass unsere Wahrnehmung von Gefahr oft wenig mit der biologischen Realität zu tun hat. Nutt und sein Team vom Independent Scientific Committee on Drugs nutzten dafür die sogenannte „Multikriterielle Entscheidungsanalyse“ (MCDA). In einem aufwendigen Verfahren bewerteten Experten 20 verschiedene Substanzen anhand von 16 Schadenskriterien.
Diese Kriterien waren in zwei Hauptgruppen unterteilt: neun Faktoren betrafen den Schaden für den Konsumentenselbst (wie etwa Sterblichkeit, Gesundheitsschäden oder Abhängigkeit), während sieben Faktoren den Schaden für die Gesellschaft maßen (darunter Kriminalität, wirtschaftliche Kosten, Umweltbelastung und familiäre Konflikte).

Das Ergebnis war eine Sensation, die weltweit für Schlagzeilen sorgte: Mit einem Gesamtwert von 72 von 100 Punktenwurde Alkohol als die mit Abstand gefährlichste Droge eingestuft – weit vor Heroin (55 Punkte) und Crack (54 Punkte). Besonders frappierend war dabei, dass Alkohol zwar für den Einzelnen weniger zerstörerisch war als Heroin, aber aufgrund seiner weiten Verbreitung und der massiven sozialen Folgeschäden (wie eben Gewalt und volkswirtschaftliche Kosten) die Gesellschaft weit stärker belastet als jede andere Substanz. Tabak folgte in diesem Ranking übrigens mit 26 Punkten auf Platz sechs, während Cannabis (20 Punkte) und Halluzinogene wie LSD (7 Punkte) oder Zauberpilze (6 Punkte) am untersten Ende der Skala landeten.
Der Unterschied zwischen Gefährlichkeit und tatsächlichem Schaden
An dieser Stelle stellt sich der Leser oder die Leserin vermutlich eine berechtigte Frage: Wenn Tabak weltweit für fast dreimal so viele vernichtete Lebensjahre (DALYs) verantwortlich ist wie Alkohol, warum rangiert er in der Liste von David Nutt dann nur auf Platz sechs? Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir verstehen, dass beide Metriken unterschiedliche Aspekte des Leids beleuchten.
Während die DALY-Metrik der Global Burden of Disease Studie die schiere „Menge“ des tatsächlichen gesundheitlichen Schadens in der Weltbevölkerung misst, bewertet das Modell von Nutt das spezifische Gefahrenprofileiner Substanz auf 16 verschiedenen Ebenen.
Alkohol punktet in Nutts Ranking vor allem deshalb so hoch, weil er – weit mehr als Tabak – eine enorme Zerstörungskraft nach außen entfaltet. Die sieben Kriterien für den „Schaden an Dritten“, wie Aggression, häusliche Gewalt, Verkehrsunfälle und die massive wirtschaftliche Belastung der Gesellschaft, wiegen in der Gesamtbewertung der Experten so schwer, dass Alkohol am Ende als gefährlichste Droge eingestuft wurde.

Manche Drogen sind (noch) harmloser als sie scheinen
Das Ranking von David Nutt bedarf allerdings noch einer weiteren zusätzlichen Erklärung: Substanzen wie Cannabis oder LSD stehen zwar ohnehin bereits am unteren Ende der Skala, werden aber immer noch zu „hoch“ bewertet. Würden wir diese Drogen unter legalen, regulierten Bedingungen vertreiben, würden sie in der Gefährdungsmatrix noch einmal drastisch nach unten rutschen.
Dies liegt daran, dass das aktuelle Ranking die Gefährlichkeit illegaler Substanzen künstlich aufbläht. Viele der dokumentierten Schäden sind nämlich keine biologischen Eigenschaften des Wirkstoffs, sondern direkte Nebenwirkungen seiner Illegalität. Dabei geht es hauptsächlich um zwei Faktoren, die bei einer Legalisierung schlicht wegfallen würden:
- Die Gefahr der Unreinheit: Auf einem unregulierten Schwarzmarkt gibt es keine Qualitätskontrolle. Ein erheblicher Teil der gesundheitlichen Notfälle resultiert nicht aus dem Wirkstoff selbst, sondern aus toxischen Streckmitteln oder gefährlichen Verunreinigungen. In einem legalen Rahmen wäre die Reinheit garantiert.
- Mangelnde Dosierungssicherheit: Während man bei legalen Drogen genau weiß, wie viel Gramm Wirkstoff man konsumiert, sind Überdosierungen bei illegalen Drogen oft tragische „Dosierungsunfälle“ aufgrund schwankender Konzentrationen auf dem Schwarzmarkt. Eine staatliche Regulierung würde dieses tödliche Ratespiel beenden.
- Die soziale Zerstörung durch Kriminalisierung: Ein großer Teil der Punkte, die illegale Drogen im Bereich des „Schadens an Dritten“ sammeln, entfällt auf die Beschaffungskriminalität und das soziale Elend, das erst durch horrende Schwarzmarktpreise und die Stigmatisierung der Nutzer entsteht.

Würden wir diesen „Prohibitions-Lärm“ statistisch herausfiltern – also jene Faktoren, die lediglich Symptome einer absurden Verbotspolitik sind –, wäre der reale gesundheitliche und soziale Schaden vieler illegaler Drogen noch einmal deutlich geringer, als er ohnehin schon im Vergleich zu Alkohol und Nikotin erscheint. Wir würden dann erkennen, dass wir derzeit Ressourcen für die Verfolgung von Substanzen mit minimalem Risiko verschwenden, während der Schaden für die Gesellschaft durch die legale Verfügbarkeit der gefährlichsten Drogen enorm ist.
Das Ranking
Hier nun die Liste der 20 untersuchten Substanzen, geordnet nach ihrem Gesamtschadenswert (von 1 bis 100 Punkten):
- ⚠️ 1. Alkohol (72) – Der einsame Spitzenreiter durch massive Gewaltfolgen und soziale Kosten.
- 2. Heroin (55) – Maximal gefährlich für die körperliche Substanz des Nutzers.
- 3. Crack (54) – Enormes Zerstörungspotenzial bei hoher Abhängigkeitsrate.
- Crystal Meth (33)
- Kokain (27)
- Tabak (26) – Überraschend weit hinten im Vergleich zum absoluten Todeszoll, da der soziale Schaden im Vergleich zu Alkohol geringer gewichtet wird.
- Amphetamine / Speed (23)
- Cannabis (20) – Landet trotz Verbot am unteren Ende des Mittelfelds.
- GHB (18)
- Benzodiazepine (15) (z. B. Valium)
- Ketamin (15)
- Methadon (14)
- Mephedron (13)
- Butan (10) (Schnüffelstoffe)
- Khat (9)
- Ecstasy (9)
- Anabolika (9)
- LSD (7)
- Buprenorphin (6)
- Zauberpilze / Psilocybin (6) – Das Schlusslicht mit dem geringsten Gefahrenprofil.
Diese Auflistung verdeutlicht das Kernproblem unserer aktuellen Politik: Wir behandeln Substanzen wie LSD oder Cannabis als Staatsfeinde, während die Droge mit dem höchsten Zerstörungspotenzial für unsere Familien und Volkswirtschaften – der Alkohol – zum guten Ton gehört.

Ausblick
Morgen werden wir über die Lösung dieses Problems diskutieren, was besonders herausfordernd sein wird, da der Konsum von Dorgen, anders als andere bisherige Problemfelder, auch mit einer überraschend großen Anzahl positiver Effekte für die Gesellschaft verbunden ist. Der morgige Artikel trägt daher den Titel: „Was haben Drogen je für uns getan?“



