Der europäische Skandal
Der vielleicht größte Skandal auf europäischer Ebene kam ans Licht, als eine von Mitgliedern des Europäischen Parlaments in Auftrag gegebene Untersuchung ergab, dass der entscheidende deutsche Bewertungsbericht zur Wiederzulassung von Glyphosat in der EU in weiten Teilen ein Plagiat war. Der Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bildete die wissenschaftliche Grundlage für die positive Empfehlung der EFSA und damit für die Entscheidung der gesamten EU.
Die von dem Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden zusammen mit Plagiatsexperten durchgeführte Analyse verglich den BfR-Bericht mit dem Zulassungsantrag, den Monsanto und andere Unternehmen als „Glyphosate Task Force“ (GTF) eingereicht hatten. Das Ergebnis war niederschmetternd: In den entscheidenden Kapiteln, in denen die öffentlich zugängliche wissenschaftliche Literatur zu Gesundheitsrisiken bewertet wird, waren über 50 % des Textes wortwörtlich aus den Unterlagen der Industrie kopiert worden, ohne dies als Zitat kenntlich zu machen. In manchen Abschnitten betrug der Plagiatsanteil sogar bis zu 90 %.
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Kritisch ist dabei, dass das BfR nicht nur die Beschreibung der Studien, sondern auch deren Bewertung und die schlussendlichen Konklusionen der Industrie übernahm.Die von Monsanto verfassten Bewertungen, die unabhängige Studien als „nicht relevant“ oder „unzuverlässig“ abtaten, wurden als eigene, unabhängige Analyse der Behörde ausgegeben. Die Kontrollinstanz schrieb schlicht beim Antragsteller ab.

EFSA und ILSI: Im Netzwerk des Einflusses
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stützte ihre positive Empfehlung für Glyphosat maßgeblich auf diesen fehlerhaften und plagiierten BfR-Bericht und übernahm dessen Schlussfolgerungen. Kritiker wie die Organisation Corporate Europe Observatory (CEO) weisen seit langem auf systemische Probleme bei der EFSA hin, die ihre Unabhängigkeit untergraben. Dazu gehören der „Drehtür-Effekt“, bei dem Personal nahtlos zwischen Regulierungsbehörden und der Industrie wechselt, sowie der starke Einfluss des International Life Sciences Institute (ILSI).
ILSI ist eine global agierende Organisation, die maßgeblich von Dutzenden großen Lebensmittel-, Chemie- und Agrarkonzernen, darunter auch Monsanto, finanziert wird. ILSI fungiert als hochwirksame Lobbygruppe, die darauf abzielt, die wissenschaftlichen Methoden und Bewertungsstandards der Regulierungsbehörden im Sinne der Industrie zu formen und zu beeinflussen. Zahlreiche Experten, die in den Gremien der EFSA saßen oder sitzen, hatten gleichzeitig Verbindungen zu ILSI, was einen permanenten Interessenkonflikt schafft.
Erkenntnisse und Implikationen
Der Plagiatsskandal erbringt den ultimativen Beweis für das Versagen des europäischen Zulassungssystems. Das System sieht vor, dass eine Behörde eines Mitgliedstaates (hier das BfR) den Antrag der Industrie unabhängig und kritisch prüftund diese Prüfung als Grundlage für die Entscheidung der gesamten EU dient. Das BfR hat diese Aufgabe nachweislich nicht erfüllt. Statt als unabhängiger „Watch Dog“ zu agieren, übernahm es die Rolle eines „Stenografen“ für die Industrie. Folglich basierte die gesamte EU-Entscheidung nicht auf einer unabhängigen wissenschaftlichen Bewertung, sondern auf einer ungeprüften Selbsteinschätzung des Antragstellers. Das System ist in seinem Kern gescheitert.
Dieser Vorfall ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Probleme. Der Einfluss von Organisationen wie ILSI und der Drehtür-Effekt sind keine individuellen Verfehlungen, sondern Symptome eines Systems, in dem die Grenzen zwischen Regulierern und Regulierten verschwimmen. Wenn Experten, die für die öffentliche Sicherheit verantwortlich sind, enge Verbindungen zu von der Industrie finanzierten Lobbygruppen unterhalten, entsteht eine Kultur der Nähe, die eine kritische und distanzierte Bewertung von Risiken systematisch erschwert.

The Neverending Story –
Die EU-Zulassungsverlängerungen
Verlängerung gegen den Willen der Bürger
Trotz der IARC-Einstufung als „wahrscheinlich krebserregend“, der ersten Enthüllungen aus den Monsanto Papers und massivem öffentlichen Druck wurde die EU-Zulassung für Glyphosat Ende 2017 um fünf Jahre verlängert. Diese Entscheidung ignorierte auch die erfolgreiche Europäische Bürgerinitiative „Stop Glyphosate“, die von über einer Million EU-Bürgern unterzeichnet wurde und ein Verbot forderte.
Der Weg zur 10-Jahres-Verlängerung
Der Prozess für die nächste Erneuerung begann bereits 2019. Eine von vier EU-Mitgliedstaaten gebildete Bewertungsgruppe (AGG) und anschließend die EFSA und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) führten die wissenschaftliche Prüfung durch. Ihr Fazit: Es wurden keine „kritischen Problembereiche“ identifiziert, die eine Zulassungserneuerung verhindern würden. Die ECHA bestätigte 2022 erneut ihre Einschätzung von 2017, dass die wissenschaftlichen Kriterien für eine Einstufung als krebserregend, mutagen oder reproduktionstoxisch nicht erfüllt seien. Da der komplexe Bewertungsprozess mehr Zeit als geplant in Anspruch nahm, wurde die auslaufende Zulassung zunächst technisch um ein Jahr bis zum 15. Dezember 2023 verlängert.
Politische Pattsituation und die Entscheidung der Kommission
Im Herbst 2023 kam es zur entscheidenden politischen Phase. Die Europäische Kommission schlug auf Basis der positiven wissenschaftlichen Bewertungen eine Erneuerung der Zulassung um weitere zehn Jahre vor. Bei der Abstimmung im zuständigen Ausschuss der Mitgliedstaaten (SCoPAFF) im Oktober 2023 wurde jedoch keine qualifizierte Mehrheit für oder gegen den Vorschlag erreicht. Große und bevölkerungsreiche Länder wie Deutschland und Frankreich enthielten sich der Stimme und verhinderten so eine klare Entscheidung.
Auch eine zweite Abstimmung im Berufungsausschuss im November 2023 endete mit dem gleichen Ergebnis: einer politischen Pattsituation. Gemäß den EU-Vorschriften ist die Europäische Kommission in einem solchen Fall verpflichtet, die Entscheidung allein zu treffen. Am 28. November 2023 folgte sie ihrem eigenen Vorschlag und erneuerte die Zulassung für Glyphosat offiziell bis zum 15. Dezember 2033.

Erkenntnisse und Implikationen
Der gesamte Prozess offenbart die enorme Trägheit eines technokratischen Systems. Einmal etablierte regulatorische Verfahren entwickeln eine Eigendynamik, die durch externe wissenschaftliche Kontroversen, Gerichtsurteile oder massiven öffentlichen Druck kaum noch zu beeinflussen ist. Die Behörden (AGG, EFSA, ECHA) folgten ihrem formalen Prozess, der auf den fehlerhaften Grundannahmen des Systems beruht – wie der alleinigen Testung des reinen Wirkstoffs (ohne Berücksichtigung von Beistoffen) und der starken Gewichtung von Industriestudien. Auf dieser Basis kamen sie zwangsläufig zu einer positiven Empfehlung.
Die Enthaltung wichtiger Mitgliedstaaten wie Deutschland und Frankreich war letztlich eine politische Entscheidung, die Verantwortung zu vermeiden. Diese politische Feigheit führte paradoxerweise dazu, dass die Europäische Kommission, eine nicht direkt gewählte Exekutive, eine der umstrittensten Entscheidungen der letzten Jahre im Alleingang treffen musste. Die Politik hat sich aus der Verantwortung gestohlen und sie an die Bürokratie zurückdelegiert, die wiederum auf der Grundlage eines kompromittierten Systems entschied.
Ein Plädoyer für eine Reform
Die Chronik des Zulassungsskandals um Glyphosat ist mehr als die Geschichte eines einzelnen Wirkstoffs. Sie ist der Beweis für ein grundlegend fehlerhaftes System zum Schutz von Mensch und Umwelt. Die Analyse zeigt ein sich über Jahrzehnte wiederholendes Muster: Frühe wissenschaftliche Warnzeichen werden ignoriert oder durch den Druck der Industrie unterdrückt. Der Hersteller greift durch Lobbying, statistische Manipulation, verdecktes Ghostwriting und aggressive Angriffe auf Kritiker aktiv in den wissenschaftlichen und regulatorischen Prozess ein. Die Regulierungsbehörden wiederum versagen aufgrund systemischer Schwächen – darunter mangelnde Transparenz, strukturelle Interessenkonflikte und realitätsferne Testmethoden – als unabhängige Kontrollinstanz und agieren stattdessen oft als Erfüllungsgehilfen der Industrie.
Die Akte Glyphosat ist damit nicht die Geschichte eines bedauerlichen Einzelfalls, sondern ein Symptom, das eine grundlegende Reform des Zulassungssystems für Pestizide zwingend erforderlich macht. Die Lehren aus diesem Skandal münden in klaren Forderungen:
- Vollständige Transparenz: Alle von der Industrie für die Zulassung eingereichten Sicherheitsstudien, einschließlich der Rohdaten, müssen vollständig und unverzüglich öffentlich zugänglich gemacht werden. Das Prinzip der „Geschäftsgeheimnisse“ darf nicht länger als Deckmantel für die Geheimhaltung von Daten dienen, die die öffentliche Gesundheit betreffen.
- Garantierte Unabhängigkeit: Die Sicherheitsprüfungen dürfen nicht länger auf der Selbstkontrolle der Hersteller beruhen. Sie müssen von unabhängigen, öffentlich finanzierten Institutionen durchgeführt oder zumindest von diesen mit den Rohdaten verifiziert werden.
- Realitätsnahe Tests: Das Zulassungsverfahren muss die Produkte bewerten, die tatsächlich auf den Markt kommen. Es müssen die kommerziellen Formulierungen auf ihre Langzeit- und Kombinationswirkungen („Cocktaileffekte“) getestet werden, nicht nur die isolierten Wirkstoffe.
- Strikte Regeln für Interessenkonflikte: Der „Drehtür-Effekt“ zwischen Industrie und Behörden muss wirksam unterbunden werden. Verbindungen von Experten zu Industrielobbygruppen wie ILSI müssen ein klares Ausschlusskriterium für die Mitarbeit in Bewertungsbehörden sein.
Ohne eine solche grundlegende Reform wird sich der Fall Glyphosat immer und immer wieder und in Bezug auf alle Pestizide wiederholen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft und in die Institutionen, die sie schützen sollen, wird weiter erodieren.
Es geht um mehr als ein Herbizid; es geht um die Glaubwürdigkeit und Funktionsfähigkeit unseres gesamten Schutzsystems.


