28) Mit der Lizenz zu töten

Die Belastungsgrenze für „Neue Substanzen“ gilt als überschritten. Im Fokus: Pestizide – Wirkstoffe, die in Millionen Tonnen freigesetzt werden, um biologisches Leben gezielt zu vernichten

Was Novel Entities sind

Im Jahr 1900 kannte die menschliche Zivilisation rund 5.000 chemische Verbindungen. Heute sind es über 350.000, davon mehr als 70.000 in kommerziellen Anwendungen. Hinzu kommen Mikro- und Nanoplastikpartikel, Pharmazeutika, technische Materialien wie Kohlenstoffnanoröhren und gentechnisch modifizierte Organismen. Die Wissenschaft fasst alle diese Stoffe unter dem Begriff Novel Entities zusammen — neue Substanzen, die in der Erdgeschichte vorher nicht existierten. Sie bilden die siebte der neun planetaren Belastungsgrenzen, die heute als überschritten gilt.

Diese Belastungsgrenze unterscheidet sich grundlegend von den anderen acht. Beim Klimawandel können wir CO₂ messen, beim Süßwasser den globalen Wasserhaushalt, bei den Stickstoffkreisläufen die anthropogene Stickstoff-Fixierung. Bei den Novel Entities gibt es keine vergleichbare Einzelmessgröße. Was wir messen können, ist eine andere Asymmetrie: Die Geschwindigkeit, mit der wir neue Stoffe freisetzen, übersteigt seit Jahrzehnten die Geschwindigkeit, mit der die Wissenschaft ihre Folgen bewerten kann. Im Jahr 2022 stuften die Forscher des Stockholm Resilience Centre diese Grenze erstmals offiziell als überschritten ein. Der Planetary Health Check 2025 hat den Befund bestätigt.

Mengenmäßig dominieren in dieser Kategorie die Plastikabfälle, die heute in praktisch jedem Ökosystem nachweisbar sind, vom Marianengraben bis ins menschliche Blut. Plastik wird Gegenstand des nächsten Artikels dieser Serie sein. Heute geht es um eine andere Substanzklasse innerhalb der Novel Entities. Eine Klasse, die qualitativ eine Sonderstellung einnimmt.

Pestizide sind die einzigen neuen Substanzen, die mit der ausdrücklichen Absicht freigesetzt werden, biologisches Leben zu vernichten. Die Endung -zid sagt es deutlich. Sie basiert auf dem lateinischen Verb caedere, das tötenbedeutet. Herbizide töten Pflanzen, Insektizide Insekten, Fungizide Pilze, Rodentizide Nagetiere, Akarizide Spinnen usw. Für jede Gruppe von Lebewesen, vor der unsere Ackerkulturen geschützt werden sollen, gibt es eigene chemische Lösungen.

In der Europäischen Union sind aktuell rund 450 chemisch-synthetische Wirkstoffe zugelassen. Weltweit werden jährlich rund vier Millionen Tonnen Pestizide ausgebracht. Dieser Artikel skizziert, was diese Substanzen in der Natur und im menschlichen Körper anrichten.

Was Pestizide ermöglichen

Bevor wir zu den Schäden kommen, ein systemischer Punkt.

Eine Monokultur — ein Feld, auf dem Jahr für Jahr dieselbe Pflanze in industriellen Mengen angebaut wird — ist ein biologisch instabiles System. Sie ist ein offenes Buffet für jene Lebewesen, die diese eine Pflanze als Nahrung bevorzugen, und gleichzeitig ein leerer Tisch für alle anderen. Ohne chemische Verteidigung gegen Insekten, Pilze und Beikräuter würden Monokulturen in einer einzigen Saison zusammenbrechen. Denn die Antwort der Ökosysteme auf Vereinheitlichung ist Schädlingsdruck.

Pestizide wiederum sind unsere chemische Antwort auf diesen Schädlingsdruck. Sie sind nicht nur ein weiteres Werkzeug im Arsenal der modernen Landwirtschaft. Sie sind ihre Voraussetzung. Ohne Pestizide keine Monokulturen. Ohne Monokulturen kein industrielles Futtermittelsystem. Ohne dieses System keine Massentierhaltung in heutigen Ausmaßen.

Wer Pestizide kritisiert, greift damit das System an, das in dieser Serie immer wieder als eine von zwei großen Ursachen der ökologischen Krise benannt wurde — neben der Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Pestizide gegen die Natur

Der direkteste und am besten dokumentierte Schaden des massiven Pestizideinsatzes betrifft die Biodiversität. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit, die Daten aus über 1.700 Einzelstudien synthetisierte, hat diesen Befund umfassend quantifiziert: Pestizide haben in nahezu allen untersuchten Fällen messbar negative Wirkungen auf Nicht-Zielorganismen. Betroffen sind über 800 Arten — Mikroben, Pilze, Pflanzen, Insekten, Fische, Vögel, Säugetiere — über alle trophischen Ebenen hinweg.

Die europäischen Daten sind dramatisch. Die Biomasse fliegender Insekten in deutschen Schutzgebieten ist innerhalb von 27 Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Die Feldvogelpopulationen Europas sind seit 1980 um etwa 60 Prozent eingebrochen. Auf der Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Flächen der EU ist heute ein Bestäuberdefizit messbar — obwohl 84 Prozent der europäischen Nutzpflanzen zumindest teilweise auf Insektenbestäubung angewiesen sind. Die Krise der Biodiversität bedroht damit unmittelbar die Ernährungssicherheit, die sie vorgeblich gewährleisten soll.

Diese Wirkung folgt einer Kaskade, die das Monokultursystem selbst auslöst. Wo ein Bauer von 100 Pflanzenarten auf eine reduziert, fallen 99 von 100 Insektenarten weg, die von verschwundenen Pflanzen lebten. Mit ihnen 99 von 100 Vogelarten, die sich von diesen Insekten ernährten. Die eine verbliebene Insektenart aber — diejenige, die ausgerechnet die kultivierte Pflanze frisst — vermehrt sich, weil ihre natürlichen Gegenspieler verschwunden sind. Sie wird zum „Schädling“. Pestizide sind dann die Antwort, die das Problem nicht löst, sondern verschärft: Denn Pestizide töten nicht nur „Schädlinge“, sondern auch die noch verbleibenden „Nützlinge“, sie machen das System noch instabiler und erhöhen die Notwendigkeit weiterer Pestizidanwendungen. Resistenzentwicklung tut das Übrige. Was als Lösung verkauft wurde, führt in Wirklichkeit zu fortschreitender Abhängigkeit.

Atmosphärischer Ferntransport: das Beispiel Vinschgau

Eine der hartnäckigsten Fehleinschätzungen in der Debatte um Pestizide war jahrzehntelang die Annahme, dass diese Wirkstoffe weitgehend am Ausbringungsort verbleiben. Aktuelle Forschung zur Pestizid-Drift hat diese Annahme widerlegt. Bis zu 25 Prozent der versprühten Pestizide werden durch Luftströmungen verfrachtet — manchmal über hunderte oder sogar tausende Kilometer.

Der Vinschgau in Südtirol gehört zu den intensivsten Apfelanbaugebieten Europas. Eine systematische Studie, durchgeführt entlang von Höhenprofilen von 500 bis über 2.300 Metern, hat dokumentiert, was im Tal versprüht wird und wo es ankommt. Die Forscher wiesen Pestizidrückstände an 95 Prozent der untersuchten Standorte nach. Insgesamt fanden sie 27 verschiedene Wirkstoffe, davon 76 Prozent endokrin aktiv, also hormonell wirksam. Die Rückstände erreichten Hochtäler, Berggipfel, Spielplätze und Standorte innerhalb von Nationalparks.

Was diese Studie zeigt, ist nicht ein lokales Problem, sondern ein Strukturmerkmal des Systems. Wo intensiv gespritzt wird, ist auch ein weites Umland betroffen, einschließlich Schutzgebieten. Der Begriff sensible Zone — Wohngebiete, Schulen, Krankenhäuser, Wasserschutzgebiete — verliert seine Bedeutung, wo die Atmosphäre selbst zum Transportmedium wird.

Pestizide gegen den Menschen

Diese chemische Belastung endet daher nicht in der Umwelt. Sie setzt sich im menschlichen Körper fort. Die Belege dafür stammen aus drei methodisch unabhängigen Strängen:

  • der Erfassung der Expositionswege,
  • dem direkten Nachweis im Körper
  • und der epidemiologischen Verbindung zu konkreten Krankheiten.

Beginnen wir mit den Expositionswegen: Pestizide erreichen den Menschen über drei Pfade. Zunächst über die Nahrung— der wichtigste Pfad für die Allgemeinbevölkerung. EU-weit weisen rund 38 Prozent aller Lebensmittelproben messbare Pestizidrückstände auf. Bei behandlungsintensiven Kulturen wie Erdbeeren, Trauben und Kirschen liegen die Anteile deutlich höher. Über das Wasser — vor allem über Grundwasser, das als chemisches Gedächtnis der Landwirtschaft fungiert. Und über die Luft — vor allem für Menschen in der Nähe landwirtschaftlich genutzter Flächen, durch Drift und atmosphärische Verfrachtung.

Nun zum Nachweis im Körper: Die europäische Human-Biomonitoring-Initiative HBM4EU hat die dadurch enstehende innere Belastung der Bevölkerung systematisch erfasst. Bei 84 Prozent der untersuchten Europäer wurden Rückstände von zwei oder mehr Pestiziden gleichzeitig im Körper gefunden. Glyphosat war im Urin von 52 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen nachweisbar. Metaboliten von Organophosphaten und Pyrethroiden — den weltweit meistverwendeten Insektizidklassen — fanden sich in über 90 Prozent aller Proben. Auch im Nabelschnurblut Neugeborener sind diese Substanzen heute nachweisbar. Die Annahme, die Plazenta sei eine schützende Barriere, ist dadurch widerlegt. Die chronische Belastung beginnt bereits vor der Geburt.

Abschließend zu den Auswirkungen dieser chronischen Belastung: Unter den zugelassenen Wirkstoffen finden sich unterschiedliche Giftklassen, die praktisch jedes menschliche Körpersystem angreifen. Triazol-Fungizide blockieren das Enzym Aromatase, das männliche in weibliche Hormone umwandelt. Atrazin — in der EU verboten, global weiter eingesetzt — stört zentrale Steuerungsprozesse der Fortpflanzung. Organophosphate und Pyrethroide greifen die Reizweiterleitung im Nervensystem an. Chlorpyrifos wurde erst 2020 wegen seiner nachgewiesenen Schädigung der kindlichen Hirnentwicklung in der EU verboten. Glyphosat wurde 2015 von der WHO-Krebsagentur IARC als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, vor allem im Zusammenhang mit Non-Hodgkin-Lymphomen. Lindan gilt als eindeutig krebserregend. Mehrere große Bevölkerungsstudien aus den USA und Europa zeigen reduzierte Spermienqualität bei höher belasteten Männern, niedrigere IQ-Werte und erhöhtes ADHS-Risiko bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Organophosphaten ausgesetzt waren. Für das Immunsystem, die Leber und die Nieren, das Darmmikrobiom, das Herz-Kreislauf-System und die Atemwege existieren je eigene wissenschaftliche Studien, die spezifische Schädigungsmuster dokumentieren.

Eine ausführliche Darstellung dieser Schadenslinien findet sich in einer früheren Artikelserie auf diesem Substack. Hier soll der Hinweis genügen: Es gibt unter den heute zugelassenen Pestiziden keine Substanz ohne dokumentierte Risiken für mindestens ein Körpersystem, und es gibt kein Körpersystem, für das nicht mehrere zugelassene Substanzen ein dokumentiertes Risiko darstellen.

Quantifizierte Schäden

Was diese Belastung in Summe bedeutet, lässt sich teilweise beziffern.

Eine Studie eines Konsortiums führender Wissenschaftler hat die jährliche Krankheitslast durch endokrin wirksame Chemikalien in der Europäischen Union berechnet. Die Schätzung beläuft sich auf 163 Milliarden Euro pro Jahr — das entspricht über 1,2 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts. Einer der größten Einzelposten innerhalb dieser Summe stammt aus der pränatalen Exposition gegenüber Organophosphat-Pestiziden: Jährlich gehen in der EU über 13 Millionen IQ-Punkte in der Bevölkerung verloren, fast 60.000 zusätzliche Fälle geistiger Behinderung sind statistisch zuzurechnen, mehr als eine Million sogenannter behinderungsbereinigter Lebensjahre — DALYs — werden durch diese Substanzklasse jährlich vernichtet.

Parkinson: der erste Riss

In dieser Kette messbarer Schäden sticht ein Punkt heraus, der im Lauf des letzten Jahrzehnts eine besondere Bedeutung gewonnen hat: die Parkinson-Krankheit.

Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung weltweit. Die Fallzahlen steigen seit Jahrzehnten so schnell, dass Fachleute mittlerweile von einer Pandemie sprechen — einer chemisch ausgelösten Pandemie. Der Mechanismus ist gut verstanden. Bestimmte Pestizide, allen voran Rotenon und Paraquat, aber auch zahlreiche Fungizide und Insektizide, schädigen die Mitochondrien jener Nervenzellen, die in einer kleinen Hirnregion, der Substantia nigra, das Botenmolekül Dopamin produzieren. Der oxidative Stress führt zum Absterben dieser Zellen. Wenn 60 bis 70 Prozent von ihnen verloren sind, treten die ersten motorischen Symptome auf — Zittern, Steifigkeit, Bewegungsverlangsamung.

Frankreich hat 2012 als erstes europäisches Land Parkinson als Berufskrankheit für Landwirte anerkannt. Italien bereits 2008. Deutschland folgte 2024 mit der Aufnahme in die Berufskrankheiten-Verordnung. Die Bedingung für die Anerkennung in Deutschland: 100 Anwendungstage von Pestiziden im Berufsleben.

Diese rechtliche Anerkennung ist nicht das Ende einer Geschichte. Sie ist im Gegenteil einer der ersten medizinisch-rechtlichen Risse in einer Mauer der Verleugnung, die jahrzehntelang stand. Es handelt sich allerdings um einen Sieg mit deutlichen Einschränkungen. Die Hürden für die Anerkennung sind nach wie vor hoch, die Dunkelziffer ist groß, und die Anerkennung gilt nur für berufliche Anwender, nicht für die deutlich größere Gruppe von Anwohnern landwirtschaftlich genutzter Flächen, deren Belastung über die Drift erfolgt. Die Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit ist somit das, was im Strafrecht ein erstes Geständnis wäre — noch nicht die ganze Wahrheit, aber das erste Eingeständnis, dass die Wahrheit beweisbar geworden ist.

Fazit

Pestizide sind die einzigen unter den Neuen Substanzen, die mit der Absicht zu töten freigesetzt werden. Sie zerstören die Biodiversität direkt und indirekt. Sie sind in jedem menschlichen Körper nachweisbar. Sie verursachen messbare Schäden in Milliardenhöhe pro Jahr allein in der EU. Mit Parkinson hat das medizinische und rechtliche System begonnen, einen ersten Teil dieser Schäden anzuerkennen.

Was dieser Artikel nicht erklärt, ist die eigentlich entscheidende Frage. Wenn die Beweislage so eindeutig ist, warum bleibt das System so stabil? Warum werden in der EU jedes Jahr neue Wirkstoffe zugelassen, alte Zulassungen verlängert, Grenzwerte je nach politischer Lage angehoben oder gesenkt? Warum hat die unabhängige Wissenschaft die Beweislast — und nicht die Industrie?

Diese Frage ist Gegenstand des zweiten Teils dieses Artikels. Er behandelt die drei Hebel, mit denen die wissenschaftliche Evidenz politisch verschleiert wird, die Architektur des Versagens hinter dem Zulassungssystem, und die Lösung — die einfacher ist, als die Verteidiger des bestehenden Systems uns glauben machen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert