34) Atomkrieg II: Wie nah am Abgrund?

Drei Männer, drei Beinahe-Vorfälle und die wahrscheinlichsten Szenarien für einen nuklearen Schlagabtausch im 21. Jahrhundert.

In der Nacht des 26. September 1983 saß Stanislav Petrov, Oberstleutnant der sowjetischen Luftverteidigungstruppen, in einer Kommandozentrale südlich von Moskau. Sein Posten war das Frühwarnsystem Oko, das die sowjetische Führung im Falle eines amerikanischen Erstschlags informieren sollte. Um 0:14 Uhr Ortszeit meldete das System einen Raketenstart von einer US-Basis. Innerhalb von Minuten kamen vier weitere Meldungen.

Petrov hatte etwa fünfzehn Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob er die Warnung weiterleiten würde. Die Vorschrift war eindeutig: Bei einer Mehrfachmeldung dieser Art war die sowjetische Generalstabsspitze sofort zu informieren. Diese Information hätte unter den damaligen Bedingungen — drei Wochen nach dem Abschuss von Korean Air Lines Flug 007 durch sowjetische Jäger, mitten in einer der angespanntesten Phasen des Kalten Krieges — mit hoher Wahrscheinlichkeit einen sowjetischen Vergeltungsschlag ausgelöst.

Petrov meldete einen Fehlalarm.

Es war tatsächlich einer. Spätere Untersuchungen ergaben, dass Sonnenlicht, das in einer ungewöhnlichen Wolkenformation reflektiert worden war, vom Satellitensensor als Raketenflammen interpretiert wurde. Hätte das System statt fünf Raketen hundert gemeldet, wäre Petrovs Einschätzung möglicherweise nicht zu halten gewesen. Wäre nicht Petrov im Dienst gewesen, sondern ein vorschriftstreuer Offizier, wäre die Eskalationskette vermutlich angelaufen.

Petrov bekam für seine Entscheidung nie offizielle Anerkennung. Er wurde später aus dem Dienst entlassen. 2017 starb er, nahezu vergessen.

Die Episode dient hier nicht als Anekdote, sondern als empirisches Material. Solche und ähnliche Fälle zeigen uns, an welchen Stellen, durch menschliches und technisches Versagen, ein Atomkrieg ausbrechen kann, ohne dass irgendein Akteur ihn wollte.

Zwei weitere Beinahe-Vorfälle

Petrov ist nicht der einzige Mensch, der die Welt in den letzten siebzig Jahren vor einem Atomkrieg bewahrt hat. Die Liste dokumentierter Beinahe-Vorfälle ist lang. Zwei weitere Fälle zeigen exemplarisch, an welchen Punkten die Eskalationskette in Gang gesetzt werden könnte.

Arkhipov und das U-Boot B-59 (27. Oktober 1962)

Mitten in der Kubakrise. Das sowjetische U-Boot B-59, mit einem nuklearen Torpedo bewaffnet, wird in der Karibik von US-amerikanischen Zerstörern mit Übungs-Wasserbomben aufgespürt. Die Wasserbomben — eigentlich als Signal gedacht, dafür, dass das U-Boot auftauchen sollte — werden vom Kapitän der B-59, Valentin Savitsky, als realer Angriff interpretiert.

Savitsky hatte seit Tagen keinen Funkkontakt zu Moskau. Die Klimaanlage des U-Boots war ausgefallen, die Innentemperaturen waren auf über 50 Grad Celsius gestiegen, viele Männer waren erschöpft und manche bewusstlos. Unter diesen Bedingungen entschied Savitsky: „Vielleicht ist der Krieg da oben schon ausgebrochen, während wir hier tatenlos zusehen. Wir werden jetzt angreifen! Wir werden sterben, aber wir werden sie mit in den Abgrund reißen — wir werden keine Schande über unsere Marine bringen!”

Der Start des nuklearen Torpedos verlangte die Zustimmung von drei Offizieren. Savitsky und der politische Offizier stimmten zu. Der dritte, Vasili Arkhipov, lehnte ab. Er war nicht offiziell Mitglied der Schiffsführung, aber sein zufälliger Rang als Flottillenkommandant gab ihm ein Vetorecht.

Das U-Boot tauchte auf. Die Krise endete einige Tage später diplomatisch.

Was hätte ein nuklearer Torpedoschuss aus einem U-Boot in der Karibik in dieser Phase des Kalten Krieges ausgelöst? Die wahrscheinliche Antwort: einen vollen Schlagabtausch. Die US-Doktrin sah vor, einen Einsatz nuklearer Waffen gegen eigene Truppen — selbst durch ein einzelnes U-Boot — mit massiver Vergeltung zu beantworten. Die sowjetische Doktrin antwortete auf US-Vergeltung gleichermaßen. Wohin hätte das geführt? Mit hoher Wahrscheinlichkeit in den vollen Atomkrieg.

Die Norwegen-Rakete (25. Januar 1995)

Sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges. Norwegen startet eine wissenschaftliche Höhenforschungsrakete vom Typ Black Brant XII zur Untersuchung der Polarlichter über Spitzbergen. Die Mission war Wochen vorher offiziell angekündigt worden, auch gegenüber Russland. Diese Information war jedoch nicht an die operative Ebene der russischen Luftverteidigung weitergegeben worden.

Russisches Radar identifizierte die Rakete in einer Flugbahn, die einem möglichen Erstschlag aus einem US-U-Boot ähnelte — speziell einer Trident-Rakete mit einem elektromagnetischen Vorbereitungsschlag, der russische Frühwarnsysteme ausschalten würde, bevor die eigentlichen Sprengköpfe folgten. Die Warnung wurde durch die gesamte Befehlskette nach oben gereicht. Präsident Boris Jelzin wurde geweckt. Der nukleare Befehlskoffer, der Tscheget, wurde geöffnet — zum ersten und bislang einzigen Mal in Russlands postsowjetischer Geschichte unter konkreter Eskalationsdrohung.

Erst Satellitendaten lösten die Lage auf. Die Rakete war keine Trident, sondern eine norwegische Forschungsrakete. Vom Moment der Aufklärung blieben weniger als zehn Minuten bis zur Katastrophe.

Was die drei Vorfälle zeigen

Beim ersten — Petrov — entscheidet ein einzelner Mensch entgegen seiner Vorschrift und nimmt damit der gesamten Eskalationsautomatik den Treibstoff.

Beim zweiten — Arkhipov — entscheidet ein einzelner Mensch unter physisch extremen Bedingungen über ein Veto, das er formal kaum hätte legitimieren können.

Beim dritten — Norwegen — wäre durch eine vorhersehbare Routineinformation die ganze Lage zu verhindern gewesen. Sie wurde nicht weitergegeben.

Drei Vorfälle, drei verschiedene Stellen der Eskalationskette, drei verschiedene Formen von Fehlern. Was sie gemeinsam haben: Sie zeigen, dass der entscheidende Schutzwall gegen einen Atomkrieg in vielen historischen Momenten nicht eine Institution war, nicht ein Vertrag, nicht eine Doktrin — sondern eine einzelne Person, die anders entschied, als sie hätte entscheiden sollen. Sie zeigen, wie nahe wir dem Abgrund bereits gekommen waren.

Als grundlegende Literatur seien Scott Sagans The Limits of Safety (1993, organisationssoziologisch) und Daniel Ellsbergs The Doomsday Machine (2017, Insider-Sicht eines ehemaligen US-Nuklearstrategen) empfohlen.

Welche Szenarien heute wahrscheinlich sind

Was ergeben diese historischen Daten für die Frage, welche Szenarien heute am wahrscheinlichsten sind? Anders gefragt: Wie könnte die Welt in einen Atomkrieg schlittern? Sechs Wege lassen sich unterscheiden, grob geordnet nach abnehmender Wahrscheinlichkeit.

  • Der wahrscheinlichste ist der akzidentelle Start — eine Eskalation, die niemand wollte. Das ist das Petrov-Szenario: Ein Frühwarnsystem meldet einen Angriff, der keiner ist, und die Vergeltungsdoktrin setzt sich in Gang, bevor jemand den Fehler bemerkt. Anders als die übrigen fünf Wege braucht dieser keinen politischen Konflikt, keine feindselige Absicht, nicht einmal eine Krise. Er braucht nur einen technischen Fehler im falschen Moment. Genau deshalb steht er an erster Stelle.
  • Der zweite Weg führt über einen regionalen Konflikt zwischen zwei Atommächten. Indien und Pakistan haben seit 1947 vier Kriege geführt; beide besitzen seit 1998 Atomwaffen; Kaschmir bleibt ein offener Konfliktherd. Eine konventionelle Auseinandersetzung könnte hier nuklear werden, ohne dass eine der beiden Seiten es von Beginn an plante. Auch die Konfrontation zwischen Russland und der NATO im Kontext des Ukrainekriegs gehört in diese Klasse.
  • Der dritte Weg ist die Eskalation eines konventionellen Großmachtskrieges, der nuklear kippt. Das wahrscheinlichste Beispiel der kommenden Jahrzehnte ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und China um Taiwan. Ein solcher Krieg begänne konventionell. Aber sobald eine Seite zu verlieren droht und die Niederlage als existenziell empfindet, verschiebt sich die Schwelle für den nuklearen Einsatz.
  • Der vierte Weg ist der vorsätzliche Erstschlag in einer Use-it-or-lose-it-Logik. Ein Akteur fühlt sich existenziell bedroht — etwa weil der Gegner kurz vor einer technischen Innovation steht, die das eigene Arsenal entwertet — und schlägt zu, solange der Schlag noch wirkt. Diese Logik ist gefährlich gerade weil sie rational sein kann: Wer glaubt, seine Zweitschlagsfähigkeit bald zu verlieren, hat einen ‚rationalen‘ Anreiz, zuerst zu handeln.
  • Der fünfte Weg führt über Terror oder asymmetrische Akteure mit improvisierten oder gestohlenen Sprengsätzen. Dieser Weg ist real, aber er führt eher zu einer globalen Katastrophe als zu einer existenziellen: Die Skalierung bleibt begrenzt. Ein einzelner Sprengsatz in einer Großstadt wäre ein Verbrechen historischen Ausmaßes — aber er löst keinen Nuklearwinter aus.
  • Der sechste Weg ist der Verlust der Kontrolle über vorhandene Waffen nach einem Staatszerfall. Wenn ein Atomwaffenstaat zerfällt, werden seine Sprengköpfe zu herrenlosem Material. Das oft diskutierte Beispiel ist Pakistan; ein hypothetischer Zerfall Russlands gehört ebenfalls hierher. Hier ist der Ursprung politische Instabilität und die weitere Entwicklung kaum vorhersehbar.

Die ersten drei Wege sind die quantitativ wichtigsten. Sie überschneiden sich teilweise — auch mit den weniger wahrscheinlichen. Ein regionaler Konflikt kann akzidentell eskalieren; ein konventioneller Großmachtskrieg kann die Use-it-or-lose-it-Logik des vierten Weges in Gang setzen. Die meisten Maßnahmen zur Verhinderung eines Atomkriegs, denen wir uns später zuwenden werden, zielen aber primär darauf ab die ersten drei Wege in die Katastrophe zu verhindern.

Was die Schätzungen sagen

Toby Ords Schätzung lautet, wie wir im vorigen Artikel erfahren haben, etwa 1:1000 für nuklear ausgelöstes menschliches Aussterben im 21. Jahrhundert. Andere ernsthafte Forscher liegen mit ihren Schätzungen um eine bis zwei Größenordnungen höher — Schätzungen bis 1:50 oder 1:30 sind in der Fachliteratur nicht selten.

Diese Spreizung um den Faktor 30 ist bemerkenswert. Wahrscheinlichkeitsschätzungen für ein singuläres, noch nie eingetretenes Ereignis sind notwendigerweise Bayessche Modelle mit hoher subjektiver Komponente. Selbst die einschlägigen Experten teilen weder die Grundannahmen noch die Modellierungsverfahren.

Aber auch die untere Schranke ist absurd hoch. 1:1000 pro Jahrhundert ist eine Wahrscheinlichkeit, die in keinem anderen zivilen Risikobereich akzeptiert würde. Flugverkehr, Atomkraftwerksbetrieb, Pharmazulassung — sie alle operieren mit Sicherheitsniveaus, die um Größenordnungen strenger sind. Was bei der Menschheit insgesamt offenbar tolerabel scheint, wäre bei jedem einzelnen Verkehrsmittel skandalös.

Das Risiko verändert sich

Eine zentrale Beobachtung, die in der öffentlichen Diskussion fast völlig fehlt: Das Risiko ist überdies nicht statisch.

Toby Ord identifiziert drei Perioden. Im Kalten Krieg war das Risiko gezielter Eskalation am höchsten — entsprechend hoch war die direkte Wahrscheinlichkeit eines absichtlichen Schlagabtauschs. Mit dem Ende der bipolaren Konfrontation sank dieses Risiko zwischenzeitlich. Die Hair-Trigger-Konfiguration der meisten Raketensysteme blieb jedoch erhalten. Damit blieb das akzidentelle Risiko hoch.

Die dritte Periode, die kommenden Jahrzehnte, werden jedoch, so Ord, zum gefährlichsten Kapitel überhaupt werden. Mehrere Trends weisen in diese Richtung.

  • Verfall der Rüstungskontrollarchitektur. Der ABM-Vertrag wurde 2002 gekündigt, der INF-Vertrag 2019, der Open-Skies-Vertrag 2020. Der New-START-Vertrag läuft 2026 aus, ein Nachfolger ist unsicher.
  • Modernisierung aller Arsenale. Die USA modernisieren ihr Atomwaffenarsenal mit einem Programm im Volumen von etwa 1,7 Billionen Dollar über drei Jahrzehnte. Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel modernisieren parallel.
  • Hyperschallwaffen. Sie verkürzen die Entscheidungszeit der Verteidiger von etwa 30 Minuten auf wenige Minuten. Das schmälert das Zeitfenster für menschliche Überprüfung wie im Petrov-Fall — vielleicht sogar so weit, dass eine solche Überprüfung gar nicht mehr möglich sein wird.
  • KI-Integration in Frühwarn- und Kommandosysteme. Algorithmische Vorauswahl möglicher Bedrohungen wird in einer Periode der KI-Beschleunigung wahrscheinlicher und macht den Prozess weniger transparent und steuerbar.
  • Mögliche Aufklärung von U-Booten. Die gesicherte Zweitschlagsfähigkeit der SSBN-Trägerflotten beruht darauf, dass diese U-Boote geographisch unauffindbar sind. Fortschritte in der Sensorik — quantenmagnetisch, akustisch, KI-gestützt — könnten diese Asymmetrie aushebeln und damit den Eckpfeiler der gegenwärtigen Abschreckungsstabilität.
  • Multipolarität statt Bipolarität. Während des Kalten Krieges existierten zwei klar identifizierbare Pole. Heute haben wir neun Atomwaffenstaaten, von denen mehrere — Nordkorea, Pakistan, Indien — in Regionen mit hoher konventioneller Konfliktwahrscheinlichkeit operieren. Die Spielmatrix ist komplexer geworden.

Das Fazit von Toby Ord: Der Großteil des nuklearen Risikos ensteht in den kommenden Jahrzehnten und aufgrund dieser Entwicklungen.

Soviel zur Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Schlagabtauschs als isoliertes Ereignis. Aber genau diese Isolation existiert nur theoretisch. Praktisch stünde ein Atomkrieg in Wechselwirkung mit anderen Risikofaktoren. Konkret: Ein Atomkrieg erhöht die Wahrscheinlichkeit anderer katastrophaler Szenarien, und sie erhöhen ihrerseits die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges.

Im nächsten Teil der Serie untersuchen wir daher dieses Geflecht der Risikofaktoren.

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