40) Das globale Fleisch-Paradoxon

In meinem Artikel “Die Protein-Wende” habe ich einen mächtigen Hebel beschrieben, um durch unsere Ernährung die Welt zu verändern. Dass dieser Hebel von immer mehr Menschen eingesetzt wird, ist eine sehr erfreuliche Tatsache. Blickt man auf die westlichen Industrienationen, so erscheint die Protein-Wende als gewaltige Erfolgsbewegung, die in vollem Gange ist. Die Verschiebung, die sich in kürzester Zeit vollzogen hat, ist ein Grund zur Freude und lässt sich eindrucksvoll durch Zahlen belegen.

A. Der Aufbruch

Die “Protein-Wende” ist kein Nischen-Phänomen mehr, sondern ein globaler, ökonomischer und kultureller Trend.

1. Vegetarier & Veganer

In den Daten zeigt sich eine klare Richtung und eine massive demografische Verschiebung.

In Deutschland ernähren sich 2024 bereits 9% der Menschen vegetarisch und 3% vegan. Diese 12% Gesamtanteil verbergen jedoch die eigentliche Dynamik. Denn es handelt sich bei diesen Zahlen um demografische Durchschnittswerte, die einen tiefen Generationen-Graben verdecken. Die Daten des BMEL-Ernährungsreports zeigen:

  • Altersgruppe 14-29 Jahre: 14% ernähren sich vegetarisch und 6% vegan. 
  • Altersgruppe über 60 Jahre: 6% ernähren sich vegetarisch und 1% vegan.

Fast jeder Fünfte (20%) unter 30 lebt also fleischfrei. Diese Zahl ist der Frühindikator (”Leading Indicator”), der das zukünftige Wachstum signalisiert, während die 12% der Gesamtbevölkerung nur den nachlaufenden Indikator (”Lagging Indicator”) darstellen, da die Indikator die älteren Kohorten miteinschließt.

Dieser Wandel ist übrigens, wie auch alle anderen Veränderungen im Bereich der Nachhaltigkeit, hauptsächlich weiblich. Laut einer Forsa-Umfrage sind in Deutschland 9% der Bevölkerung vegetarisch. Diese Zahl wird jedoch primär von Frauen getragen: 12% der Frauen leben vegetarisch, aber nur 6% der Männer.

Der hier skizzierte Trend bestätigt sich in ganz Europa:

  • In der Schweiz lag der Anteil 2024 bei 6,0% (5,3% Vegetarier, 0,7% Veganer). Die Zahl der Menschen, die kein Fleisch essen, ist dort in nur fünf Jahren um rund 40% gestiegen. Auch hier treibt die Jugend die Wende an: 8,4% der 14- bis 34-Jährigen leben vegetarisch, aber nur 2,1% der Generation 55+.
  • In Österreich leben 2024 bereits 9,6% der Bevölkerung fleischfrei (6,9% Vegetarier, 2,7% Veganer) – eine Verdopplung seit 2017.
  • Schweden meldet mit 10-12% einen der höchsten Anteile in Europa.
  • Die Niederlande haben zwar nur unter 3% strikte Vegetarier/Veganer, dafür sind dort aber bereits 25% aller Hauptmahlzeiten vegetarisch und nur mehr 31% der Bevölkerung geben an, nie ein vegetarisches Hauptgericht zu essen.
  • In Nordamerika sind die Zahlen kleiner, aber wachsend: Die USA melden 4-5% Vegetarier und 1-2% Veganer, Kanada bereits 9,4% (7,1% Vegetarier, 2,3% Veganer).

In Großbritannien, das als einer der Pioniere der Bewegung gilt, ist der Markt besonders reif und die Datenlage entsprechend nuanciert. Je nach Erhebung (Statista, YouGov, Finder) lag der Veganer-Anteil 2024 zwischen 2% und 4,7% und der Vegetarier-Anteil zwischen 5% und 7%. Der gesamte “fleischfreie” Block (inklusive Pescetariern) macht beeindruckende 10% bis 16,2% der Bevölkerung aus. Auch hier wird der Wandel klar von der Jugend getragen (Gen Z ist doppelt so wahrscheinlich vegan wie die Generation 65+), wobei die Hauptmotive Tierschutz (57%), Gesundheit (52%) und Umwelt (48%) sind.

Die Reife dieses Marktes zeigt sich auch in seiner Reaktion auf ökonomische Schocks: Als die Inflation 2024/25 stieg, sank der Anteil der pragmatischen Flexitarier (die 13-21,5% der Bevölkerung ausmachen) laut Kantar leicht von 23,2% auf 21,5% – ein klares Zeichen, dass die Bewegung die ideologische Nische verlassen hat und in der ökonomischen Realität der breiten Masse angekommen ist.

Als globaler Ausreißer gilt Indien, wo je nach Erhebung 22-33% der Bevölkerung vegetarisch leben. Die oft genannte hohe Veganer-Zahl von 19% ist jedoch irreführend, da sie mit der milchkonsumierenden Kultur Indiens (Ghee, Paneer) unvereinbar ist. Seriösere Schätzungen für den Veganismus in Indien liegen bei 9-11%.

2. Der schlafende Riese: Flexitarier

Die mit Abstand größte Bewegung ist jedoch nicht der Totalverzicht, sondern die bewusste Reduktion.

Die beeindruckendste Zahl des gesamten Aufbruchs liefert Euromonitor: 42% der globalen Konsumenten identifizieren sich als Flexitarier, die ihren Fleischkonsum aktiv einschränken. Fünf Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 26%.

Die Implikation dieser Entwicklung ist weitreichender, als es den Anschein hat, wenn man sich die Gesamtzahlen vor Augen führt. Die Euromonitor-Daten zeigen das volle Bild: 42% Flexitarier + 6% Vegetarier + 4% Veganer. Das bedeutet, dass 52% der globalen Konsumenten – eine absolute Mehrheit – bereits aktiv ihren Konsum von tierischen Produkten einschränken oder darauf verzichten. Die “Protein-Wende” hat den Mainstream erreicht.

Auch nationale Zahlen bestätigen das: In Deutschland bezeichnen sich 41% als Flexitarier; rechnet man Vegetarier und Veganer hinzu, bedeutet dies, dass nur noch 47% der Deutschen angeben, keiner dieser reduzierenden Kategorien anzugehören.

Auch hier treibt die Demografie den Wandel unumkehrbar an: 54% der “Gen Z” (Jahrgänge 1995-2009) vermeiden aktiv Fleisch und tierische Produkte, verglichen mit nur 34% der “Baby Boomer”.

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3. Die ökonomische Explosion: Der Markt reagiert

Die demografische Verschiebung und die Mainstream-Akzeptanz schlagen sich massiv in den Marktdaten nieder. Der Markt für vegane Lebensmittel explodiert weltweit.

Pflanzliche Alternativen: Die Prognosen sind eindeutig. Der globale Markt für vegane Lebensmittel, 2023 auf ca. 33 Milliarden USD geschätzt, soll bis 2032 auf über 103 Milliarden USD anwachsen. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 13,5%.

Obwohl sich die absoluten Zahlen verschiedener Marktforscher je nach Definition (z.B. ob nur Ersatzprodukte oder alle veganen Lebensmittel gezählt werden) unterscheiden, ist der Trend unbestritten. Alle seriösen Analysten sehen ein explosives, meist zweistelliges Wachstum (CAGR) von 9% bis 13,5%. Der Marktanteil alternativer Proteine könnte von unter 2% heute auf 5-10% bis in die 2030er-Jahre steigen.

In Deutschland wuchs der Umsatz mit vegan-vegetarischen Produkten von 2018 bis 2020 um 97%. Der Markt differenziert sich: Pflanzenmilch-Alternativen (ca. 396 Mio. € Umsatz) sind der größte Posten, gefolgt von Fleischersatz (ca. 181 Mio. €). Nischen wie vegane Fischalternativen wuchsen im selben Zeitraum um über 600%. In Österreich stieg der Umsatz allein 2023 um 11,2%.

Diese Dynamik hat zu einer leichten Marktsättigung und Konsolidierung geführt, insbesondere im US-Markt, wo die Verkäufe von Fleischalternativen 2022/23 leicht stagnierten oder sanken. Dies ändert jedoch nichts am globalen Trend.

Als stärkstes Signal gilt die Reaktion der Fleisch-Industrie: Die größten Akteure der konventionellen Fleischindustrie, von Tyson Foods über JBS bis zu den deutschen Herstellern, investieren mittlerweile massiv in eigene pflanzliche Linien oder strategische Partnerschaften, um an der Wende teilzuhaben.

Das “Bessere” Fleisch (Weidehaltung): Parallel zum veganen Markt wächst der Markt für das “bessere” Fleisch. Die genaue globale Marktgröße ist schwer zu fassen, da Definitionen (z.B. “100% Grass-fed” vs. “Grass-fed, grain-finished”) stark variieren. Die Schätzungen für 2023/24 reichen von 13 Milliarden USD bis 48 Milliarden USD.

Weitaus konsistenter und wichtiger ist der Trend: Analysten erwarten ein robustes Wachstum von 4,3% bis 5,4% CAGR. Die ökonomische Sprengkraft dieses “Besser”-Pfades zeigt eine beeindruckende Prognose: Analysten erwarten, dass der Verkauf von “Grass-fed” Rindfleisch in den Kernmärkten USA und Australien bis 2026 25% des gesamten Rindfleischmarktes ausmachen könnte. Dies ist kein Nischenmarkt mehr; es ist – und das ist gut so – eine massive ökonomische Bedrohung für die konventionelle (Feedlot-)Industrie.

4. Die sichtbare Wende: Kultur und Motivation

Diese ökonomische Wende wird auch in der Alltagskultur sichtbar.

  • Gastronomie: Urbane Hotspots führen den Wandel an. Berlin zählte 2025 116 rein vegane Lokale, London 122.
  • Normalisierung: In den USA geben 54% der Erwachsenen an, “manchmal oder immer” vegetarische Gerichte zu essen, wenn sie auswärts essen; 25% sagen dasselbe über vegane Gerichte. Die Nachfrage wird also nicht von den 3% Veganern getrieben, sondern von einer absoluten Mehrheit der Restaurantbesucher.
  • Lieferdienste: In Großbritannien meldete Deliveroo 2021 einen Anstieg der Suchen nach veganen Optionen um 117-163% im Vergleich zum Vorjahr.

Dieser Wandel vollzieht sich aus unterschiedlichen Motiven: Während Ältere (60-75) Fleisch primär aus Gesundheitsgründen reduzieren (64%), lassen sich 79% der “Gen Z” (1995-2009 geboren) von “Werten” (Nachhaltigkeit, Tierschutz) leiten. In den Niederlanden hat 2023 der Klimaschutz erstmals die Gesundheit als Hauptmotiv für Fleischreduktion abgelöst. In Deutschland nennen 96% der Veganer und 88% der Vegetarier Tierschutz als wichtigsten Grund, und 22% der Deutschen reduzieren ihren Konsum nachweislich aufgrund der Klimakatastrophe.

B. Das Paradoxon: Das Bild weltweit

Leider sieht das globale Gesamtbild völlig anders aus. Trotz des unbestreitbaren Aufbruchs in den Industrienationen steigt der globale Fleischkonsum insgesamt weiter an. Die Zuwächse in den Schwellen- und Entwicklungsländern überkompensieren die leichten Rückgänge im Westen bei Weitem.

1. Der globale Anstieg (Produktion)

Die vegane Bewegung ist ein stark wachsender Nischenmarkt, aber der Gesamtmarkt für Fleisch wächst global noch schneller.

Die oft zitierte Behauptung, der Fleischkonsum habe sich in 20 Jahren verdoppelt, ist dabei allerdings eine Übertreibung. Die realen Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) sind jedoch kaum weniger dramatisch: Die globale Fleischproduktion stieg von 233 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 361 Millionen Tonnen im Jahr 2022. Das ist ein Anstieg von 55% in nur zwei Jahrzehnten.

Dieser Trend ist ungebrochen. Für 2024 wird eine Produktion von 373 Millionen Tonnen erwartet. Getrieben wird dieser Anstieg primär von Geflügelfleisch, das Schweinefleisch als weltweit meistproduzierte Fleischsorte überholt hat. Chinas Rolle ist dabei zentral: Der Pro-Kopf-Verbrauch ist dort seit den 1960er Jahren sechsmal höher geworden, und das Land stellt heute 28% der weltweiten Fleischproduktion.

2. Der globale Anstieg (Pro-Kopf)

Dieser Anstieg ist nicht nur auf Bevölkerungswachstum zurückzuführen. Auch der durchschnittliche weltweite Pro-Kopf-Verbrauch ist gestiegen: von 41,4 kg (2012) auf 45,8 kg (2023).

An dieser Stelle ist eine methodische Klarstellung angebracht. Bei diesen Zahlen der OECD und FAO handelt es sich um “Verfügbarkeit an Schlachtgewicht” (carcass weight equivalent) – also die produzierte Gesamtmenge pro Kopf. Der tatsächliche Verzehr liegt durch Verluste (Knochen, Verderb, Abfälle im Handel und Haushalt) deutlich niedriger. So stand in den USA einer “Verfügbarkeit” von 124,5 kg ein “verlustbereinigter Verzehr” von nur 62,6 kg gegenüber.

Für die ökologische Bilanz – den Flächen- und Futtermittelverbrauch, die “Kalorienvernichtung” und die Methanemissionen, die wir in dieser Serie analysiert haben – ist jedoch diese Brutto-Produktionsziffer der einzig relevante Maßstab.

3. Treiber und Prognosen

Prognosen der OECD-FAO erwarten einen weiteren Anstieg des globalen Fleischkonsums um 14% bis 2034. Der globale Fleischmarkt wird voraussichtlich von 1,3 Billionen USD (2024) auf 1,8 Billionen USD bis 2030 anwachsen.

Die Treiber sind klar: Bevölkerungswachstum (das allerdings abflacht) und steigender Wohlstand. Diese Treiber wirken jedoch unterschiedlich, wie eine tiefere Analyse der OECD-Daten zeigt:

  • In Ländern mit mittlerem Einkommen (wie in Asien) ist die Hälfte (50%) des Wachstums auf höheren Pro-Kopf-Konsum (steigenden Wohlstand) zurückzuführen.
  • In Ländern mit niedrigem Einkommen (wie in Afrika) beruhen drei Viertel (75%) des Wachstums auf reinem Bevölkerungswachstum.

4. Die “Zweiklassengesellschaft” der Ernährung

Die beiden Trends – Veganismus und steigender Fleischkonsum – schließen sich nicht aus, weil sie an unterschiedlichen Orten stattfinden. Wir erleben eine “Zweiklassengesellschaft” der globalen Ernährung.

Trend A: Stagnation & Wandel in den “gesättigten Märkten” Hier findet der Aufbruch statt. In Regionen wie der EU stagniert der Pro-Kopf-Konsum oder ist leicht rückläufig. Die EU-Kommission prognostiziert, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Rindfleisch in der EU weiter sinken wird (von 9,8 kg auf 9,2 kg bis 2035).

Trend B: Rasantes Wachstum in den “Wachstumsmärkten” Hier findet der massive Anstieg statt.

Der Westen hat ein extrem hohes “Peak-Meat”-Niveau erreicht, während der Globale Süden einen enormen “Nachholbedarf” hat. Die USA liegen bei über 126 kg, Europa bei ca. 80 kg, der asiatische Durchschnitt aber nur bei ca. 30 kg und der afrikanische bei ca. 15 kg.

Die Wucht der Zahlen ist eindeutig:

  • Asien allein wird voraussichtlich 55% des globalen Produktionswachstums im nächsten Jahrzehnt ausmachen. Prognosen erwarten einen Anstieg des Gesamtkonsums um 18% bis 2030.
  • Afrika wird laut OECD-FAO einen substanziellen Anstieg von 33% im nächsten Jahrzehnt erleben, getrieben durch das Bevölkerungswachstum.

C. Bewertung: Ein Rennen gegen die Zeit

Diese gegenläufigen Trends sollen jedoch kein Grund zur Resignation sein. Sie stellen einfach nur eine nüchterne Bilanz des Status quo dar. Wir erleben das zentrale Paradoxon unserer Zeit: Das Rettende wächst, aber das Zerstörerische wächst schneller.

Doch der Aufbruch in den reichen Ländern ist – meiner Meinung nach – das entscheidendere Faktum. Er zeigt, wie schnell ein kultureller Wandel – angetrieben durch Aufklärung über Gesundheit, Ethik und Klima – ökonomische Realitäten schaffen kann. Die “Protein-Wende” ist keine Utopie; sie findet statt, und ihre ökonomische Sprengkraft ist bereits messbar.

Der “Westen” exportiert derzeit zwei Dinge gleichzeitig: das Problem (das industrielle Agrarsystem als Geschäftsmodell) und die Lösung (die pflanzliche Alternative als Trend).

Nun muss sich nur noch das Verhältnis zwischen diesen beiden kulturellen Export-Phänomenen verändern. Und warum auch nicht? Wenn die neue Bewegung in den Industrieländern so schnell Momentum gewinnen konnte, warum dann nicht auch in den reich werdenden Ländern? Die Herausforderung besteht darin, die “Protein-Wende” zu globalisieren, bevor das industrielle Fleischsystem seine Zerstörungskraft voll entfaltet. Die Länder mit Nachholbedarf müssen die destruktive Phase des “westlichen Fleisch-Wohlstands” überspringen.

Aufgeben ist keine Option. Im Gegenteil: Die Fakten liefen uns gute Gründe, die Bemühungen zu verdoppeln.

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