Wir haben in dieser Serie an einem Punkt begonnen, der schmerzhaft war. Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Gefühl beim Lesen des ersten Artikels, als wir gemeinsam in die „Black Box“ der Tierindustrie geblickt haben. Wir mussten anerkennen: Da ist jemand. Jemand, der fühlt, der leidet, der leben will. Wir haben in den darauffolgenden Texten die „Maschinerie des Todes“ analysiert und eine kühle „Mathematik des Mitleids“ entwickelt.
Eigentlich müsste die Schlussfolgerung an diesem Punkt unserer Reise glasklar sein. Wenn wir wissen, dass Tiere empfindungsfähige Wesen sind, und wenn wir wissen, dass unser Ernährungssystem ihnen unfassbares, industrialisiertes Leid zufügt – dann gäbe es logisch nur eine Konsequenz: Wir müssten sofort aufhören, Teil dieses Systems zu sein. Wir müssten die Gabel sinken lassen.

Doch wir tun es nicht. Oder zumindest tun wir es nicht konsequent genug.
In meiner vorangegangenen Artikelserie zur intensiven Landwirtschaft haben wir das Thema bereits aus der ökologischen Perspektive beleuchtet. In Artikel 39 („Die Protein-Wende“) haben wir gesehen, dass der Verzicht auf tierische Produkte der mächtigste Hebel ist, den wir als Individuen besitzen, um die Biosphäre zu retten. Und in Artikel 40 („Das globale Fleisch-Paradoxon“) mussten wir dann jedoch die ernüchternde Bilanz ziehen, dass der Fleischkonsum weltweit unaufhaltsam weiter steigt, obwohl das Wissen um die Schäden noch nie so verfügbar war wie heute.
Das wirft eine beunruhigende Frage auf. Eine Frage, die uns in die dunklen, unaufgeräumten Ecken unserer eigenen Psyche führt. Warum streicheln wir den Hund, aber essen das Schwein? Warum empören wir uns über einen getretenen Welpen, bezahlen aber an der Supermarktkasse jemanden dafür, einem Kalb die Kehle durchzuschneiden?

Das Urteil: Vorsätzliches Ignorieren von Fakten
Lassen Sie mich mit einer persönlichen Erfahrung beginnen. Ich habe einmal vor Gericht gestanden. Man kann das in meiner Biografie nachlesen. Der Grund war ein Buch, das ich über den hohen Pestizideinsatz der Obstbauern in Südtirol geschrieben hatte. Ich warf ihnen damals vor, sich eines Verbrechens schuldig zu machen, das noch in keinem Strafgesetzbuch der Welt steht. Ich nannte es: „Vorsätzliches Ignorieren von Fakten mit Todesfolge.“
In jenem Fall ging es um den Menschen und das Gift. Es ging um die Weigerung, Zusammenhänge zu sehen, die offensichtlich sind, weil die Konsequenzen dieser Einsicht ökonomisch oder sozial unbequem wären. Ich wurde am Ende freigesprochen.
Denn mein Vorwurf ist zwar hart, aber zutreffend. Wenn wir ehrlich sind, machen wir uns alle dieses Vergehens schuldig. Im Falle der Tierindustrie ist das jedenfalls so – nur in einem unermesslich größeren Ausmaß. Wir alle begehen das „Verbrechen“ des „Vorsätzlichen Ignorierens von Fakten mit Todesfolge“ täglich im Supermarkt und am Esstisch.

Aber wie kommt es dazu? Warum stellen wir das nicht ab? In unserem Leben stolpern wir doch alle irgendwann einmal – früher oder später – über das Tierleid. Ein Klassenkollege erzählt uns davon, es wird in der Schule thematisiert, wir sehen spät nachts eine verstörende Doku im Fernsehen. Irgendwann begreifen wir: hier leiden Tiere für uns. In unermesslichen Zahlen und in unermesslichem Ausmaß.
Manche Kinder reagieren darauf mit der einzig logischen Konsequenz: Sie weigern sich, in dieser Kultur, die ihnen bisher als selbstverständlich erschien, weiterhin mitzuspielen. Sie beschließen plötzlich gegen den Willen ihrer Eltern – wenn sie dazu das Rückgrat haben und ihre Erziehung das zulässt: „Nein, ich esse das nicht mehr.“ Sie haben die natürliche Antwort des Herzens auf das Leid des Mitgeschöpfes gegeben.
Doch die meisten von uns verlernen diese Antwort wieder. Wir trainieren sie uns ab. Wir lernen, unser Bewusstsein zu spalten.
Die Szene: Das Begräbnis der Katze
Ich erinnere mich an eine Begegnung, die mir dieses Phänomen so drastisch vor Augen führte wie nichts zuvor. Ich saß mit der Freundin eines Bekannten am Tisch eines Kaffeehauses. Sie war sichtlich aufgewühlt. Sie erzählte mir mit Tränen in den Augen, wie sehr sie nach dem Tod ihrer geliebten Katze getrauert hatte. Sie schilderte mir jedes Detail des Begräbnisses, die Blumen, die kleine Kiste im Garten, den Schmerz des Verlustes. Man spürte ihre tiefe, aufrichtige Empathie für dieses Lebewesen.
Und ich schwöre, ich erfinde das nicht: Während sie mir unter Tränen von dieser Liebe und ihrem Leid erzählte, biss sie herzhaft in einen Schinken-Käse-Toast.
Ich saß da und war fasziniert. Es ist rätselhaft, wie uns diese geistige Operation gelingt. Wie schafft es das menschliche Gehirn, ein und dieselbe Kategorie von Lebewesen – empfindungsfähige Säugetiere mit Augen, Gehirn und Schmerzempfinden – in Sekundenbruchteilen in zwei völlig verschiedene Gruppen aufzuteilen? Links das „Familienmitglied“, das betrauert wird. Rechts der „Brotbelag“, der verzehrt wird.

Die Diagnose: Der unsichtbare Elefant namens Karnismus
Die Psychologie hat eine Erklärung für dieses Phänomen. Der Zustand, in dem unsere Werte (wir sind tierlieb, wir wollen kein Leid verursachen) und unser Handeln (wir essen Fleisch) kollidieren, erzeugt eine psychische Spannung. Man nennt das „kognitive Dissonanz“. Es ist ein unangenehmes Gefühl, ein inneres Summen, das uns sagt: Hier stimmt was nicht.
Um nicht verrückt zu werden, müssen wir diese Spannung auflösen. Da wir unser Verhalten (das Essen, die Tradition, den Genuss) oft nicht ändern wollen oder können, ändern wir stattdessen unsere Wahrnehmung.
Die Sozialpsychologin Melanie Joy hat dafür einen Begriff geprägt: Karnismus. Karnismus ist das unsichtbare Glaubenssystem, das uns von Kindesbeinen an konditioniert. Es ist die kulturelle Brille, durch die wir lernen, bestimmte Tierarten als essbar und andere als nicht essbar zu betrachten. Es ist der Grund, warum wir uns in Europa vor Hundefleisch ekeln, aber Schweinefleisch lieben, während es in anderen Kulturen anders sein mag. Es hat nichts mit Biologie zu tun, sondern ausschließlich mit Ideologie.
Damit dieses System stabil bleibt, stützt es sich auf drei Rechtfertigungs-Säulen, die Melanie Joy die „Drei Ns“ nennt. Wir reden uns ein, Fleischessen sei:
- Normal: „Alle tun es, wir haben es immer schon getan.“
- Natürlich: „Der Mensch ist ein Jäger, wir stehen an der Spitze der Nahrungskette.“
- Notwendig: „Ohne Fleisch wird man krank, man braucht das Protein.“
Dabei handelt es sich freilich um bequeme Mythen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Denn was „normal“ ist, ist lediglich eine Frage der Kultur, nicht der Moral. Dass etwas in der Natur vorkommt (wie Gewalt), macht es nicht ethisch richtig. Und „notwendig“ ist tierisches Protein für ein gesundes Leben nachweislich nicht.

Die Strategie des Wegschauens
Falls die drei Glaubenssätze allein nicht ausreichen, um unser Gewissen dauerhaft zu betäuben, betreiben wir zusätzlich mentale Gymnastik. Wir nutzen eine Reihe von psychologischen Abwehrmechanismen, um die Realität auf Distanz zu halten:
- Linguistische Tarnung: Haben Sie bemerkt, dass wir unsere Sprache säubern? Wir essen (zumeist) nicht direkt Schwein, sondern ein „Schnitzel“ oder „Speck“. Unsere Sprache verschleiert die Herkunft, um den Ekel zu umgehen.
- Ent-Individualisierung: Wir geben Tieren Nummern statt Namen. Ein Tier mit einem Namen zu essen, ist fast unmöglich. Fragen Sie jemanden, der früher sein eigenes Hausschwein geschlachtet hat – das war oft ein traumatischer Akt. Die Industrie hilft uns heute dabei, indem sie die Tiere in gesichtslosen Massen, in dunklen Hallen, weit weg von unseren Augen hält. Das Schnitzel im Supermarkt ist steril, in Plastik verpackt, ohne Gesicht, ohne Geschichte.
Das Angst-Tier Mensch
Aber warum sind wir so anfällig für diese Selbsttäuschung? Warum lassen wir uns so leicht manipulieren? Das erscheint mir die wesentliche Frage zu sein … Eine mögliche Antwort: Wir Menschen sind keine einsamen Wölfe. Wir sind Herdentiere. Wir benötigen nichts mehr als die Einbettung in ein soziales System. Wir wollen nicht an den Rand gedrängt oder ausgestoßen werden. Das halten wir nicht aus.
Der Mensch, dieses bewusste Tier, leidet an großer Angst. Er weiß, dass er sterben wird. Er weiß, dass er allein hilflos ist. Er braucht die Herde. Und um Teil der Herde zu bleiben, muss er sich mit ihr synchronisieren – auch geistig. Wir denken, was rund um uns gedacht wird. Wir übernehmen das Weltbild der anderen, sei es auch noch so schizophren. Wenn alle am Tisch den Schinken-Toast essen und dabei nett plaudern, dann kann das doch nicht falsch sein, oder? Das logische Denken – also die Erkenntnis, dass es absurd ist, die Katze zu lieben und das Schwein zu töten – hat gegen diese soziale Urgewalt keine Chance. Wir weigern uns, logische Schlüsse zu ziehen, wenn sie uns emotional isolieren würden. Die Angst, „anders“ oder „schwierig“ zu sein, ist größer als der Wunsch, „gut“ zu sein.

Der Ausweg: Der Stachel im Fleisch
Wie entkommen wir diesem Dilemma? Ich schlage zwei Maßnahmen vor: radikale Ehrlichkeit und den Weg der kleinen Schritte.
Nicht wenige Menschen scheitern nämlich an ihrem eigenen Perfektionsanspruch. Sie erkennen das Problem zwar, glauben aber, sie müssten von heute auf morgen vollständige Veganer werden, um moralisch integer zu sein. Und weil das im Alltag schwer ist, weil die Gewohnheit stark ist und der soziale Druck immens, machen sie lieber gar nichts. Sie verdrängen das Problem wieder komplett. Das ist das „Alles-oder-Nichts“-Denken.
Ich plädiere für einen anderen Weg. Einen Weg, den ich mir in Bezug auf mich selbst angewöhnt habe. Ich versuche, die Frage nach Richtig oder Falsch unparteiisch zu betrachten, wie ein Richter, der nicht einmal für sich selbst Partei ergreift. Ich schaue mir die Fakten an. Und wenn ich erkenne: „Was ich da tue, ist eine moralische Katastrophe“, aber ich bin aus Gewohnheit, Sucht oder Bequemlichkeit noch nicht fähig, es ganz abzustellen – dann tue ich etwas Ungewöhnliches: Ich gebe es zu.
Ich lüge mir meine Tat nicht schön. Ich sage nicht: „Ach, das bisschen Fleisch macht doch nichts.“ Ich sage: „Das ist falsch. Ich tue es trotzdem. Und das ist mein Versagen.“ Ich erlaube der Erkenntnis der Fakten, der moralischen Erkenntnis, ein Stachel in meinem Fleisch zu sein. Ich lasse den Schmerz der Dissonanz zu, statt ihn wegzuargumentieren.
Und ich bin kein Freund des Rigorismus. Ich finde es gut, diesen moralischen Stachel zu haben und das Problem schrittweise zu verringern. Lassen Sie mich das an einem drastischen Beispiel verdeutlichen: Es ist ein Vorteil, wenn ein Plantagen-Besitzer, der seinen Sklaven täglich mit der Peitsche misshandelt, beschließt, es sonntags nicht mehr zu tun. Sicher, das ist ein sehr zweifelhafter „Fortschritt“, und moralisch ist es immer noch verwerflich. Aber für den Sklaven ist nun wenigstens der Sonntag sicher. Natürlich ist „moralisch richtig“ im Fall des Sklaven nicht die Mitte. Und der Weg der Mitte, der Weg der Reduktion kann auch in Bezug auf das Tierleid nicht richtig sein. Wenn wir einmal verstanden haben, dass Tiere fühlen wie wir, dann erkennen wir, dass wir unseren Leidensfußabdruck so nah wie möglich an Null-Tierleid heranführen müssen. Die einzig wahre Lösung ist das Ende der Ausbeutung. Aber ich bin dennoch der Meinung, dass auch ein kleiner Schritt wertvoll ist – solange wir uns damit nicht zufriedengeben und den moralischen Stachel nicht entfernen. Solange wir wissen: Wir sind auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel.
Diese Haltung ermöglichte mir meinen eigenen „Zick-Zack-Kurs“. Ich war Vegetarier, dann kurz wieder nicht, dann wieder doch. Als ich mit dem Buddhismus in Kontakt kam, wurde ich vegan – aber mit einem Augenzwinkern: Wenn man mich einlud und die Pizza war mit Käse überbacken, dann aß ich sie, um die Gemeinschaft nicht zu stören. Ich habe also – wenn man so will – eine bewegte moralische Biografie und höre nie auf, an meinen Urteilen und an meinen Praktiken zu arbeiten.

Die Muschel-Option: Pragmatismus statt Dogma
Wer diesen pragmatischen, undogmatischen Weg geht, findet oft Lösungen, die dem „Alles-oder-Nichts“-Ideologen entgehen. Ein faszinierendes Beispiel dafür, das wir bereits in einem früheren Artikel behandelt haben, sind Muscheln und Austern. Für viele, die den totalen Verzicht auf tierische Kalorien scheuen, sind sie das perfekte ethische Schlupfloch. Biologisch gesehen sind Muscheln nämlich Tiere, aber sie haben kein Zentralnervensystem und nach allem, was die moderne Wissenschaft weiß, haben sie kein Schmerzempfinden und kein Bewusstsein. Sie reagieren auf Reize, wie eine Pflanze, aber sie „fühlen“ nicht.
Wer Muscheln isst, verursacht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Leid. Mehr noch: Er unterstützt ein ökologisches System, denn Muschelfarmen reinigen das Wasser und binden CO2, statt Ressourcen zu verbrauchen.
Natürlich gibt es auch hier wieder – wie so oft im Leben – einen Wermutstropfen: Da wir unsere Meere verschmutzen, reichert sich leider auch in Muscheln Mikroplastik an. Doch hier gilt es, nüchtern abzuwägen. Wer Muscheln etwa einmal pro Woche als gezielten Lieferanten für das kritische Vitamin B12, Jod und Selen nutzt, für den überwiegen die massiven gesundheitlichen Vorteile klar das Risiko. Zumal wir uns der allgegenwärtigen Mikroplastik-Belastung – etwa durch Abrieb in der Luft oder Trinkwasser – ohnehin kaum entziehen können.

Ein solcher Pragmatismus in Bezug auf die Muschel soll hier als Beweis dienen, dass man moralisch handeln kann, ohne dogmatisch zu sein. Ein solcher Pragmatismus ist eine Option für den Verstand, auch wenn das Herz vielleicht zögert.
Die entscheidende Frage
Zum Glück bin ich nicht der Einzige, der den moralischen Stachel in seinem Fleisch nicht entfernt. Mit meinem Ringen darum, ein richtigeres Leben zu führen, bin ich keineswegs allein. Es gibt viele Menschen da draußen, die sich in einem dynamischen Selbstveränderungsprozess befinden. Aber es gibt leider auch jene, die sich abschotten, die sich verhärten, die aggressiv werden, wenn man das Thema anspricht.
Eine entscheidende Frage könnte also lauten: Wie unterscheiden sich diese beiden Gruppen? Warum lassen manche den Stachel zu und wachsen, während andere ihn durch Verdrängung betäuben, bis sie nichts mehr spüren? Vielleicht liegt der Schlüssel darin, den Menschen nicht nur zu sagen, was sie falsch machen (das wissen sie tief drinnen meistens ohnehin), sondern ihnen zu zeigen, wie sie wirksam werden können, ohne ihr ganzes Leben sofort auf den Kopf stellen zu müssen. Wir müssen die Menschen zum Selbstvertrauen ermutigen und ihnen neue Wege zeigen, Einfluss zu nehmen – Wege, die vielleicht weniger Angst machen als der totale Verzicht.
In diesem Sinne hält mein nächster Artikel eine Überraschung für meine Leser und Leserinnen bereit! Denn der mächtigste Hebel, den Sie besitzen, um das Leid der Tiere zu beenden, liegt vielleicht gar nicht im Supermarktregal oder im Kühlschrank. Er liegt womöglich in Ihrer Brieftasche. Und er ist effektiver, als Sie es sich je erträumt hätten …



