Wenn jemand mit unserer Zukunft spielt, müssen wir ihm den Revolver aus der Hand nehmen. Über das Wesen existenzieller Risiken und die Frage, ob deren Prävention oberste Priorität haben sollte.
In dieser Serie verfolgen wir das Ziel, die größten Probleme der Menschheit zu erkennen, zu ordnen und ihren Zusammenhang zu begreifen. Dazu haben wir zunächst die größten Probleme der Gegenwart betrachtet – also jene, die heute schon viele Lebensjahre kosten oder entwerten. Danach ging es um die Totalzerstörung der Biosphäre durch die Missachtung der neun planetaren Belastungsgrenzen. Die Probleme aus dieser zweiten Kategorie zählen aktuell zwar noch nicht zu den drängendsten der Gegenwart, haben aber das Potenzial, zu unserem größten Problem zu werden, wenn wir nicht radikal umsteuern. Heute wollen wir uns einer weiteren Problemkategorie zuwenden: den existenziellen Risiken.

Der Begriff der Existenziellen Risiken (kurz: X-Risks) beschreibt Bedrohungen, die das Potenzial haben, die gesamte Menschheit dauerhaft zu vernichten oder ihre zukünftige Entwicklung unwiederbringlich zu beschneiden.
Kernmerkmale existenzieller Risiken
Um ein Risiko als „existenziell“ einzustufen, muss es laut dem Philosophen Nick Bostrom zwei Kriterien erfüllen:
- Terminalität (Endgültigkeit): Das Ereignis ist nicht umkehrbar. Es führt entweder zum Aussterben der Spezies Mensch oder zum dauerhaften Kollaps der Zivilisation.
- Pan-Generationalität: Es betrifft nicht nur die gegenwärtig lebenden Menschen, sondern raubt allen zukünftigen Generationen die Möglichkeit, überhaupt zu existieren.

Die wichtigsten Kategorien
Die Forschung, etwa durch das Future of Humanity Institute (Oxford) oder das Centre for the Study of Existential Risk (Cambridge), unterteilt diese Risiken in zwei Gruppen:
1. Natürliche Risiken
Diese bestehen seit Jahrmillionen und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit ist statistisch gesehen relativ stabil, wenn auch sehr gering:
- Supervulkanausbrüche: Massive Eruptionen, die einen vulkanischen Winter auslösen könnten.
- Kometen- oder Asteroiden einschläge: Große Objekte, die die Atmosphäre und das Klima weltweit destabilisieren.
- Kosmische Ereignisse: Wie etwa Gammastrahlenausbrüche in Erdnähe.
2. Anthropogene (vom Menschen verursachte) Risiken
Diese gelten heute als deutlich wahrscheinlicher und gefährlicher, da sie mit dem technologischen Fortschritt exponentiell zunehmen:
- Atomkrieg: Ein großflächiger Einsatz von Atomwaffen, der einen nuklearen Winter zur Folge hätte.
- Biologische Risiken: Global wirkende Pandemien, die entweder durch Unfälle in Laboren oder durch gezielte Biowaffen (synthetische Biologie) entstehen.
- Künstliche Intelligenz (KI): Das Risiko, dass eine superintelligente KI Ziele verfolgt, die nicht mit menschlichen Werten vereinbar sind (Alignment-Problem).
- Klimawandel: Extreme Kipppunkte im Klimasystem, die die Erde für den Menschen unbewohnbar machen könnten.

Warum ist diese Auseinandersetzung wichtig?
In dieser Artikelserie sind wir davon ausgegangen, dass ein Problem umso größer ist, je mehr Leid es verursacht – gemessen an entwerteten oder verlorenen Lebensjahren. Die größte denkbare Katastrophe ist daher – vor dem Hintergrund dieser Überlegung – ein Ereignis, das nicht nur alle gegenwärtigen Lebensjahre raubt, sondern darüber hinaus die Existenz aller zukünftigen Generationen verhindert.
Eine solche Katastrophe wird, so kann man argumentieren, allein durch die Schwere ihrer Auswirkungen zu unserem dringlichsten Problem – selbst wenn diese Katastrophe nur mit einer gewissen, womöglichen geringen Wahrscheinlichkeit eintritt.
Wenn jemand mit der Zukunft der gesamten Menschheit „russisches Roulette“ spielt, wird unsere größte Sorge vermutlich darin bestehen, ihm den geladenen Revolver aus der Hand zu nehmen. Da es bei den X-Risks kein „Danach“ und keine Erholung gibt, besitzt deren Prävention, so die Argumentation, Vorrang vor allen „laufenden“ Problemen der Gegenwart.

Abgrenzung zu Globalen Katastrophen
Nicht jede globale Katastrophe ist ein existenzielles Risiko. Eine schwere Wirtschaftskrise oder ein Krieg mit Millionen Opfern ist eine Tragödie, aber solange sich die Menschheit davon erholen und ihre Entwicklung fortsetzen kann, gilt das Risiko als „lediglich“ global-katastrophal, aber nicht als existenziell. Ein X-Risk hingegen ist ein Ereignis, nach dessen Eintritt es kein „Danach“ gibt.
Fahrplan für die nächsten Artikel
In den kommenden Wochen werde ich jeweils zwei Artikel über jedes anthropogene X-Risiko publizieren, einen Artikel über das Problem und einen Artikel über mögliche Lösungen: Atomkrieg, synthetische Biologie, Künstliche Intelligenz und Klimawandel (unter dem Gesichtspunkt als existenzielle Bedrohung).


