33) Atomkrieg I: Das Risiko des letzten Vorhangs

Was ein Atomkrieg wirklich bedeutet, wer sich das Recht nimmt, mit unserer Existenz zu spielen, und warum unser Vorstellungsvermögen angesichts dieser Szenarien versagt.

Im Sommer 1942 versammelte Robert Oppenheimer in einem Büro an der Universität Berkeley einige der besten theoretischen Physiker der Welt, um die erste Atombombe zu entwerfen. Am zweiten Tag legte Edward Teller seine Berechnungen vor. Eine atomare Detonation würde Temperaturen erreichen, die jene im Zentrum der Sonne überschreiten — etwa fünfzehn Millionen Grad Celsius. Solche Hitze, so Teller, könnte mehr entzünden als nur ihren eigenen Brennstoff. Sie könnte den Wasserstoff der Ozeane zur Fusion bringen und das Meer verkochen. Sie könnte den Stickstoff der Atmosphäre entzünden und die Erde in Flammen hüllen. Es war nicht klar, ob dies physikalisch möglich war. Hans Bethe widersprach sofort und überzeugend, doch niemand konnte es ausschließen.

Oppenheimer fuhr quer durchs Land zu seinem Vorgesetzten Arthur Compton, der später schrieb: „Besser die Sklaverei unter den Nazis hinzunehmen, als das Risiko einzugehen, den letzten Vorhang über der Menschheit zuzuziehen.” Eine geheime wissenschaftliche Untersuchung wurde in Auftrag gegeben. Sie schloss, dass eine Entzündung der Atmosphäre wahrscheinlich unmöglich sei, konnte es aber nicht beweisen und keine exakte Wahrscheinlichkeit angeben. Der Bericht empfahl ausdrücklich weitere Forschung. Die Leitung in Los Alamos behandelte ihn dennoch als abschließend.

Am Morgen des 16. Juli 1945 detonierte die erste Atombombe in der Wüste von New Mexico. James Conant, Präsident der Harvard University, war anwesend. Als der Blitz so viel länger und heller war als erwartet, durchfuhr ihn die Gewissheit, die Atmosphäre brenne nun tatsächlich. Sie tat es nicht. Spätere Berechnungen mit besseren Computern bestätigten, dass es physikalisch unmöglich war. Es bestand kein objektives Risiko. Aber es bestand ein subjektives Risiko: die Bombenbauer wussten nicht mit letzter Sicherheit was geschehen würde. Sie zündeten die Bombe trotzdem.

Toby Ord datiert in The Precipice (2020) den Beginn dessen, was er das Zeitalter „des Abgrunds” nennt — das Zeitalter erhöhten existenziellen Risikos — auf genau diesen Moment.

Lange vor Toby Ord erkannte ein anderer in Echtzeit, dass die Welt sich mit der Entwicklung von Atomwaffen für immer und unwiderruflich verändert hatte.

Die Antiquiertheit des Menschen

Auch die erste intensive philosophische Auseinandersetzung mit der Bombe begann nicht im Kreis von Physikern, sondern bei einem Philosophen: Günther Anders entwickelte, im ersten Band von Die Antiquiertheit des Menschen (1956) eine Begrifflichkeit, mit der er das Atomzeitalter zu erfassen versuchte.

Anders’ Tagebücher der Reise nach Hiroshima und Nagasaki von 1958, später publiziert als Hiroshima ist überall (1982), vertieften diese Auseinandersetzung. Der Titel ist dabei als These zu verstehen: Hiroshima ist nicht ein vergangener Ort, sondern ein dauerhafter Zustand. Wir leben — Anders’ Formulierung — in der Frist: in einer geborgten Zeit zwischen dem, was geschehen könnte, und dem, was geschehen wird, wenn wir nicht handeln. Ords „Precipice” ist die spätere englische Übersetzung derselben Diagnose.

Zwei Begriffe aus Anders’ Werk werden in diesem Artikel und in meiner Serie immer wiederkehren.

Apokalypseblindheit: die strukturelle anthropologische Unfähigkeit, das, was wir hervorgebracht haben, in seiner ganzen Tragweite vorzustellen. Das Gefälle zwischen Herstellen und Vorstellen ist zu groß geworden.

Antiquiertheit des Menschen: die These, dass der Mensch seinen eigenen Produkten unterlegen ist. Wir bauen Dinge, die wir moralisch und imaginativ nicht mehr bewältigen können.

Restrisiko und Legitimität

Aus der eingangs geschilderten Trinity-Szene ergeben sich zwei strukturelle Fragen, die das Feld Risikoforschung organisieren.

Die erste betrifft Expertenwissen. Zeitgleich mit den Berechnungen zu einer möglichen Entzündung der Atmosphäre, im Berkeley-Sommer 1942, stellten dieselben Physiker eine zweite thermonukleare Großberechnung an. Sie betraf die Frage, ob Lithium-7 in einer Wasserstoffbombe inert bleiben würde. Sie kamen zum Schluss, dass es sich genau so verhalten würde. 1954 zeigte der Test Castle Bravo das Gegenteil: Die Bombe explodierte mit dem Zweieinhalbfachen der erwarteten Sprengkraft, weil Lithium-7 unter extremer Hitze eben doch mitfusionierte. Es war einer der größten Strahlenunfälle der Geschichte. Von zwei thermonuklearen Großfragen wurde im selben Sommer eine richtig und eine falsch beantwortet. Auf dieser Faktenbasis wurde damals entschieden. Und es ist nicht klar, ob das bis heute besser oder vielleicht sogar schlechter geworden ist.

Die zweite Frage betrifft Legitimität. Toby Ord stellt diese Frage nüchtern und fast beiläufig in einer Fußnote: Es ist unklar, ob auch nur ein einziger gewählter Vertreter über das Restrisiko informiert wurde. Wissenschaftler und Militär schienen die volle Verantwortung für eine Handlung übernommen zu haben, die alles Leben auf der Erde bedrohte. War das eine Verantwortung, die zu übernehmen ihnen zustand?

Diese Frage wird bei jedem der vier existenziellen Risiken wiederkehren, denen meine Serie nachgehen wird. Wer hat das Recht, im Namen aller eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, deren Verhalten niemand garantieren kann? Im Namen aller einen Krankheitserreger zu modifizieren? Im Namen aller fossile Brennstoffe zu verbrennen, bis das Klimasystem kippt? Im Namen aller Atomwaffen zu modernisieren?

Das Drama der menschgemachten x-risks ist, dass wir – anders als etwa bei einem Asteroideneinschlag – vor uns selbst geschützt werden müssen — und dass jene, die die Entscheidung treffen, dies oft nicht im Auftrag derer tun, deren Leben sie aufs Spiel setzen.

Warum Zahlen?

Bevor wir uns dem Mechanismus zuwenden, durch den ein Atomkrieg uns zu vernichten droht, eine methodische Anmerkung.

Vage Ausdrücke wie „äußerst unwahrscheinlich” werden empirisch von manchen Lesern als eins zu vier interpretiert, von anderen als eins zu fünfzig. Bei alltäglichen Entscheidungen mag das egal sein. Bei existenziellen Risiken ist es ruinös. Hinzu kommt: „äußerst unwahrscheinlich” trägt für die meisten Leser die Konnotation „klein genug, um es beiseite zu legen” — eine Bedeutung, die sich mit den Einsätzen verschiebt und die gerade bei hohen Einsätzen versagt.

Deshalb werden in diesem Artikel und in der ganzen Serie Zahlen genannt. Nicht weil sie objektiv wären; sondern weil Diskussionen ohne sie unschärfer werden.

Ords zentrale Schätzung für nuklear ausgelöstes menschliches Aussterben im 21. Jahrhundert lautet etwa 1:1000. Das ist niedriger als seine Schätzung für unkontrollierte KI (1:10) oder konstruierte Pandemien (1:30), aber höher als die Summe aller natürlichen Risiken zusammen. Andere ernsthafte Forscher liegen um eine bis zwei Größenordnungen höher. Diese Spreizung ist ein epistemisches Problem, das benannt werden muss. Aber sie macht die Frage nicht prinzipiell unbeantwortbar — sie macht sie nur schwerer beantwortbar.

Drei Stufen der Katastrophe

Eine weitere Begriffsklärung ist nötig, bevor wir uns mit der existenziellen Katastrophe eines möglichen Atomkrieges befassen.

Toby Ord unterscheidet sehr nachvollziehbar zwischen drei Kategorien dessen, was unter einem „existenziellen Risiko” verstanden werden kann.

  • Auslöschung: Die Menschheit endet.
  • Unwiederbringlicher Zivilisationskollaps: Die Menschheit überlebt, aber eine entwickelte Zivilisation lässt sich nie wieder aufbauen.
  • Permanente Dystopie: Wir überleben technologisch entwickelt, aber in einem dauerhaft entwerteten Zustand — Lock-in schlechter Werte, totalitärer Singleton, eingefrorene Entwicklung.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn wir müssen wissen, wovon genau wir reden, wenn wir vom Atomkrieg als einem „existenziellen Risiko” sprechen. Die Auslöschungsschwelle erreicht ein Atomkrieg womöglich nicht. Die Zivilisationskollaps-Schwelle sehr wahrscheinlich schon.

Der eigentliche Mechanismus: Nuklearwinter

Die unmittelbaren Folgen eines globalen Atomkriegs — Druckwellen, Hitze, akute Strahlung, lokaler Fallout — würden hunderte Millionen Menschen töten. Aber sie würden nicht die gesamte Menschheit töten.

Die Vorstellung, wir hätten „genug Atomwaffen, um die Welt mehrfach zu zerstören”, nennt Toby Ord loose talk — eine nachlässige Formel, die auf einem naiven Hochskalieren der Hiroshima-Opferzahlen beruht und die geographische und technische Realitäten ignoriert. Atomwaffen werden auf Ziele gerichtet. Eine Megatonnen-Bombe auf eine Großstadt tötet nicht zehnmal so viele Menschen wie eine Kilotonnen-Bombe; ab einer gewissen Größe wird die zusätzliche Sprengkraft auf bereits zerstörte Vororte verschwendet. Selbst bei vollem Einsatz aller heutigen Sprengköpfe wäre die direkte Tötung auf Hunderte Millionen begrenzt.

Das eigentliche existenzielle Risiko entsteht nicht aus der unmittelbaren Wirkung der Bomben, sondern aus dem sekundären Klimaeffekt: dem Nuklearwinter.

Ruß brennender Städte gelangt in die Stratosphäre, wo er — anders als gewöhnliche Aerosole — nicht durch Regen ausgewaschen wird. Er bleibt jahrelang in der Höhe, blockiert das Sonnenlicht, Agrarsysteme brechen zusammen. Die wissenschaftliche Grundlage dieser Szenarien stammt von Alan Robock, Owen Brian Toon und Kollegen. Moderne Klimamodelle, die seit etwa 2007 die alte TTAPS-Arbeit der 1980er Jahre weit übertreffen, machen es möglich, diese Effekte mit deutlich höherer Auflösung zu berechnen.

Robocks zentrale Schätzung für einen vollständigen Schlagaustausch zwischen den USA und Russland: ein globaler Temperatursturz von etwa sieben Grad über fünf Jahre, gefolgt von einer Erholung über weitere zehn. Die Hauptursache des landwirtschaftlichen Kollapses ist in einem solchen Fall nicht die eintretende Dunkelheit, nicht die Trockenheit. Es ist die Kälte. Verkürzte frostfreie Wachstumsperioden, die für die meisten Nutzpflanzen zu kurz sind. Mais kollabiert in Iowa, Weizen in der Ukraine, Reis in den südostasiatischen Anbaugebieten.

Auch ein „regionaler” Atomkrieg — etwa zwischen Indien und Pakistan mit jeweils rund 150 Sprengköpfen — würde nach den Modellrechnungen etwa 47 Teragramm Ruß in die Stratosphäre tragen und die globale Durchschnittstemperatur über mehrere Jahre messbar senken. Hungersnöte würden weit jenseits der Konfliktzone eintreten. Robock und Toon schätzen die globale Übersterblichkeit eines solchen begrenzten Austauschs auf etwa zwei Milliarden Menschen, fast alle durch Hunger, fast alle in Ländern, die mit dem ursprünglichen Konflikt nichts zu tun hatten.

Diese Modellrechnungen sind allerdings umstritten. Es gibt skeptische Stimmen zur Robustheit der Modelle, zur tatsächlichen Rußmenge, zu den Reaktionen der Stratosphäre. Aber die Spannweite plausibler Szenarien reicht von katastrophal bis möglicherweise auslöschend — und genau diese Unsicherheit selbst ist das wichtigste Argument für radikale Vorsicht.

Was die Forscher sagen

Die angesehensten Nuklearwinter-Forscher sehen mehrheitlich keine hohe Wahrscheinlichkeit für ein vollständiges Aussterben der Menschheit.

  • Luke Oman schätzt die Wahrscheinlichkeit globalen Aussterbens im 150-Teragramm-Ruß-Szenario auf 1:10.000 bis 1:100.000.
  • Richard Turco, einer der TTAPS-Mitautoren, hat öffentlich gesagt: „Meine persönliche Meinung ist, dass die Menschheit nicht aussterben würde, aber die Zivilisation, wie wir sie kennen, sicher.”
  • Alan Robock hält Aussterben für unwahrscheinlich. Er verweist auf die Südhalbkugel — Neuseeland, Süd-Australien, Teile Südamerikas — als geografisch und thermisch geschütztere Reservate, in denen menschliches Überleben unter Nuklearwinter-Bedingungen plausibel bleibt.

Diese Stimmen sind in der populären Diskussion selten zu hören. Wer öffentlich von „nuklearer Vernichtung” spricht, meint fast immer Auslöschung. Die einschlägigen Forscher meinen mehrheitlich etwas anderes: totaler Zivilisationskollaps.

Das Fazit: Ein vollständiger Atomkrieg bewirkt mit Sicherheit eine globale Zivilisationskatastrophe; mit nicht-trivialer Wahrscheinlichkeit einen irreversiblen Zivilisationskollaps; menschliches Aussterben ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Die Unsicherheit liegt fast vollständig im Bereich der schlimmsten plausiblen Szenarien. Und sie ist groß genug, dass sie nicht ignoriert werden sollte. Toby Ords zentrale Schätzung von 1:1000 für nukleare Auslöschung im 21. Jahrhundert bezieht sich auf genau diese Unsicherheit.

1:1000 mag klein klingen. Bei alltäglichen Entscheidungen wäre es das auch. Wo aber die gesamte Menschheit auf dem Spiel steht, ist dies keine vernachlässigbare Größe.

Im nächsten Teil stellen wir uns weitere wichtige Fragen: Wie wahrscheinlich ist der Eintritt einer solchen Katastrophe? Was lernen wir aus historischen Beinahe-Vorfällen — Petrov, Arkhipov, Norwegen 1995? Welche Szenarien halten Experten heute für die wahrscheinlichsten? Und in welche Richtung bewegt sich das Risiko in den kommenden Jahrzehnten?

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