Biodiversität, Teil 3: Wo die Hebel liegen und warum sie bisher nicht gezogen werden
Der Weltbiodiversitätsrat nennt fünf direkte Treiber des Artenverlusts, angeführt von derUmwandlung von Lebensräumen in Ackerland und Weide, gefolgt von derÜbernutzung durch Fischerei und Holzeinschlag, dazu Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten.

Diese fünf sind allerdings nur die Übertragungsmechanismen. Dahinter liegen: Bevölkerung, Konsum, Produktion, Handel, Technologie, Institutionen, Werte.Vier Glieder dieser Kette verdienen genaueres Hinsehen.
- Das erste ist das Produkt aus Bevölkerungszahl und Pro-Kopf-Konsum, wobei der zweite Faktor die weit größere Spreizung hat.
- Das zweite ist der internationale Handel: Je nach Studie wird etwa ein Drittel der Artenbedrohungen in ärmeren Ländern dem Konsum in reicheren zugerechnet, die Zerstörung wird importiert und in ferne Länder ausgelagert.
- Das dritte sind die Subventionen, mit denen jährlich mehrere hundert Milliarden Dollar in genau die Praktiken fließen, die den Schaden anrichten.
- Und das vierte ist der institutionelle Grundfehler dahinter: Die Leistungen von Ökosystemen haben keinen Preis, ihre Zerstörung ist für den Einzelnen deshalb rational, weil die Gewinne privat anfallen und die Kosten von der Allgemeinheit getragen werden.
Technisch und wissenschaftlich liegen alle Lösungen mehr oder weniger vollständig auf dem Tisch. Nichts von dem, was hier folgt, braucht eine Erfindung, die es noch nicht gibt. Beim Ernährungssystem, in dem der größte Hebel liegt, ist die Richtung erstaunlich unstrittig:
- mehr Ertrag je Hektar, natürlich im Rahmen des nachhaltig Möglichen, und zwingend gekoppelt an den harten Schutz des dadurch freiwerdenden Landes, weil höhere Effizienz sonst einfach in Expansion umschlägt;
- daher eine Verschiebung weg von tierischen Produkten, wobei die große Ökobilanz-Auswertung von Poore und Nemecek den möglichen Rückgang des globalen Agrarflächenbedarfs auf etwa drei Viertel beziffert, eine Fläche in der Größenordnung Afrikas;
- weniger Lebensmittelverluste, weil rund ein Drittel der Produktion nie gegessen wird;
- und Präzisionsdüngung, weil ein großer Teil des ausgebrachten Stickstoffs die Pflanze nie erreicht.
- Bei der Fischerei ist es noch einfacher, denn Überfischung ist keine Knappheit, sondern ein Managementfehler: Bestände erholen sich oft innerhalb eines Jahrzehnts, wenn man sie lässt.
Warum es trotzdem nicht geschieht
Wir haben bei der biologischen Vielfalt – wie auch in vielen anderen Problembereichen – also kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungs- und Interessenproblem. Der Kern ist immer derselbe: Die potenziellen Kosten der Lösung sind konzentriert, sichtbar und sofort fällig, der Nutzen für die Allgemeinheit ist diffus, unsichtbar und tritt erst später ein. Wer eine Rinderweide im Amazonas aufgibt, verliert sein Einkommen in diesem Jahr, der Nutzen verteilt sich auf acht Milliarden Menschen und auf Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Eine kleine Gruppe mit hohem Einsatz pro Kopf schlägt in politischen Systemen aber fast immer eine große Gruppe mit kleinem Einsatz pro Kopf. Das ist der Grund, warum Agrarlobbys überall überproportional stark sind, während die weitgehend unorganisierte Allgemeinheit kaum ins Gewicht fällt.

Verschärfend kommt hinzu, dass ein großer Teil der Nutznießer gar nicht mitentscheiden kann:
- Menschen, die noch nicht geboren sind,
- Menschen in anderen Ländern,
- nicht-menschliche Lebewesen ohne Stimmrecht.
Wer bezahlt, wählt; wer profitiert, wählt nicht.
Ein besonderes Problem stellen auch die Zeithorizonte dar, denn der ökologische Nutzen zeigt sich oft erst in zehn bis dreißig Jahren, während Politiker in Wahlzyklen von vier bis fünf Jahren rechnen. Dazu kommt das Kapital, das in Schlachtbetrieben, Futtermittelhäfen und Hochseetrawlern steckt und amortisiert werden will. Und schließlich noch das Problem der sogenannten Tragik der Allmende: Halbiert Land A seine Flotte, während Land B seine verdoppelt, hat Land A die Einbußen, aber die Fische sind trotzdem weg. Auch das Verlagerungsproblemblockiert eine nachhaltige Entwicklung: Wenn Europa extensiviert, aber annähernd gleich viele Tierprodukte konsumiert, exportiert es die Zerstörung und verkauft das gleichzeitig der eigenen Bevölkerung als Erfolg.
Von den Aichi-Zielen für 2020 (zwanzig globale Kernziele zum Schutz der biologischen Vielfalt, die im Jahr 2010 auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention in der japanischen Präfektur Aichi beschlossen wurden) wurde kein einziges vollständig erreicht. Der Befund lautet jedoch nicht, dass wir nicht wüssten, wie — sondern dass niemand zugleich das Interesse und die Macht hat, es zu tun.
Die kurze Liste
Wir wollen hier die Frage nach möglichen Lösungen verschärfen und nicht nur danach fragen, was besonders wichtig wäre, sondern welche Eingriffe mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Verlust verhindern. Vorab jedoch ein wichtiger Hinweis zu Problemen der Methode: Für die Vielfalt gibt es nichts, was der Kosten-pro-Tonne-Vergleich beim Klima leistet. Es fehlt die gemeinsame Einheit — wie schwer wiegt eine gerettete Inselvogelart gegen tausend Hektar Amazonaswald? Was hier also aufgestellt werden kann, ist eine begründete Einschätzung und kein durchgerechnetes Rechenergebnis. Die von uns getroffene Auswahl lässt sich verteidigen, die Reihenfolge nur schwer. Sortiert ist unsere Liste nach Wirkung geteilt durch politischen Widerstand, ergänzt um die Frage, wie unterversorgt ein Lösungsfeld ist.
Der klarste Fall einer besonders effektiven Lösung sind Fischereisubventionen, genauer: die Treibstoffprivilegien der Grundschleppnetzflotten. Genau jene Fangmethode, die den meisten Schaden anrichtet, ist zugleich die energieintensivste, und ein erheblicher Teil dieser Flotten wäre ohne verbilligten Treibstoff betriebswirtschaftlich nicht lebensfähig. Man muss also kein funktionierendes Geschäft zerstören, sondern aufhören, ein defizitäres zu bezahlen. Der internationale Rahmen existiert mit dem WTO-Fischereiabkommen von 2022 bereits, es fehlt lediglich an Ratifikationen.

Ein zweiter besonders effektiver Hebel ist die Beseitigung invasiver Säugetiere auf Inseln. Eingeschleppte Ratten und Katzen sind für einen großen Teil der historischen Vogel-Aussterbefälle verantwortlich, ihre Entfernung ist technisch gelöst und bereits hunderte Male erfolgreich durchgeführt. Diese Methode wirkt endgültig und kostet pro Insel Millionen statt Milliarden. Es gibt keinen politischen Gegner, es fehlt lediglich an Geld und an Aufmerksamkeit.

Der dritte ist der Papierschutz. Ein großer Teil dessen, was weltweit als Schutzgebiet gemeldet ist, existiert vorläufig nur auf dem Papier, ohne Personal und ohne Kontrolle. Die Fläche zu vergrößern ist politisch teuer, die vorhandene Fläche funktionsfähig zu machen vergleichsweise billig, denn es geht (lediglich) um Ranger, Gehälter und Rechtsdurchsetzung, und kontrollieren lässt sich heute per Satellit. Hier liegt vermutlich der größte unausgeschöpfte Bestand an bereits erkämpfter, aber nicht eingelöster politischer Zustimmung.
Der vierte sind die indigenen Landrechte. Der Aufwand ist reines Verwaltungs- und Justizhandeln, die grundbuchliche Anerkennung traditioneller Rechte, kein neues Budget und keine Technologie. Indigene Völker machen rund fünf Prozent der Weltbevölkerung aus, verwalten aber Gebiete, auf denen ein sehr großer Teil der verbliebenen Vielfalt lebt, und Satellitendaten zeigen für indigene Gebiete im Amazonas geringere Entwaldungsraten als für staatliche Nationalparks.

Der fünfte ist die Regulierung einzelner Substanzen überall dort, wo ein einzelner Stoff überproportional wirkt. Der indische Geierfall ist das Musterbeispiel: ein einziges Wirkstoffverbot, und der wichtigste Treiber ist weg. Dieselbe Logik gilt für Bleimunition, an deren Rückständen im Wild jährlich Millionen Greifvögel verenden. Solche Fälle sind selten, aber wo sie auftreten, ist der Aufwand ein Regulierungsakt mit minimalem Textvolumen.
Der sechste liegt an den Nadelöhren des Welthandels. Ein kleiner Kreis von Rohstoffen — Rind, Soja, Palmöl, Holz, Kakao, Kaffee — verursacht einen enormen Teil des Landnutzungsdrucks, und wenige Importmärkte kontrollieren einen großen Teil dieses Markts. Man reguliert an einem Punkt, indem man allen Produkten den Marktzugang verweigert, für die nach einem Stichtag Naturflächen umgewandelt wurden, und wirkt dadurch auf Millionen Hektar. Das brasilianische Soja-Moratorium zeigt, dass es funktionieren kann. Die EU-Entwaldungsverordnung ist der größte laufende Test. Der Widerstand ist hier deutlich höher, und offen bleibt, ob man Zerstörung verhindert oder lediglich den Warenfluss zu Abnehmern ohne Standards umlenkt.

Der siebte ist wieder recht unspektakulär: die Ratifikation und Ausstattungbereits ausgehandelter Abkommen. Beim Hochseeschutzabkommen, beim Rahmenwerk von Kunming-Montreal und bei den WTO-Fischereiregeln liegt der Text vor, und die Wirkung hängt an Verfahren, am Personal und an der Finanzierung.
Was auf dieser Liste bewusst fehlt, ist alles, was ein neues internationales Regime braucht, alles, was frontal gegen die Agrarlobbys der reichen Länder läuft, und alles, was auf die Verhaltensänderung von Milliarden Menschen setzt. Nicht weil es unwichtig wäre — die Ernährung bleibt der größte Wirkhebel überhaupt —, sondern weil unser weiter oben aufgestelltes Kriterium den Aufwand mit einschließt.
Fußabdruck und Handabdruck
Für den Einzelnen laufen zwei Rollen ständig durcheinander. Als Konsument ist der größte Hebel die eigene Ernährung, an der grob vier Fünftel des persönlichen Fußabdrucks hängen, und darin vor allem Rind, Lamm und Milchprodukte, weil Wiederkäuer die meiste Fläche pro Kalorie brauchen. Der Unterschied zum pflanzlichen Protein liegt beim Flächenbedarf in der Größenordnung eines Faktors von zwanzig bis fünfzig. Nicht auf der Liste stehen ausgerechnet jene Dinge, die im Alltag die meiste Aufmerksamkeit bekommen: Strohhalme, Verpackung, regional gegen importiert.

Als Bürger ist der Hebel anders geartet, weil er nicht am eigenen Verbrauch ansetzt, sondern an den Regeln. Hundert Stunden Konsumverzicht haben einen kleinen direkten Effekt, hundert Stunden in einer erfolgreichen politischen Kampagne können eine Gesetzesänderung bedeuten und damit Millionen veränderte Entscheidungen.
Wer am Anfang seines Berufslebens steht, hält den größten Hebel überhaupt in der Hand, denn die Zahl der Menschen, die weltweit ernsthaft an Agrarpolitik, Fischereimanagement oder Naturschutzfinanzierung arbeiten, ist erstaunlich klein.
Übrigens: Die Aufteilung in Konsument und Bürger ist historisch nicht neutral entstanden. Der Fokus auf individuelle Verantwortung wurde beim Plastikmüll wie beim CO₂-Fußabdruck von den betroffenen Industrien selbst befördert, weil er Aufmerksamkeit von der Regulierung ablenkt. Individuelles Handeln ist vor allem dann wertvoll, wenn es eine politische Position glaubwürdig macht, statt sie zu ersetzen.
Beim Durchgehen dieser Liste fällt ein Muster auf. Die Punkte mit dem besten Verhältnis sind fast alle Vollzugsprobleme und keine Zielkonflikte. Geld, das bereits falsch fließt und umgelenkt werden kann. Schutz, der beschlossen und nicht umgesetzt ist. Abkommen, die unterschrieben und nicht ratifiziert sind. Im ersten der drei Artikel zum Biodiversitätsverlust erzählte ich von meinem Erlebnis am Tartscher Bichl. Gianni Bodini hat mir damals auf dem Hügel gesagt, niemand werde die Sache aufhalten, solange sich damit Geld verdienen lasse. Aus diesem abschließenden Artikel ergibt sich eine Einschränkung dazu: In den Fällen, in denen sich mit der Zerstörung gar kein Geld verdienen lässt, weil sie subventioniert wird, wäre sie am billigsten zu beenden — genau dort jedoch geschieht oft recht wenig.
Leseliste
IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services (2019). Die Bestandsaufnahme, auf der die Rangfolge der fünf Treiber beruht. Sie ist gründlich und vorsichtig formuliert, aber als Text kaum lesbar; die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger ist der einzig praktikable Zugang.
Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben (2014). Immer noch die beste Reportage über das Aussterben, mit einem besonderen Gespür für einzelne Fälle. Schwach dort, wo es um Gewichtung geht: Nach der Lektüre weiß man, dass viel verschwindet, aber nicht, welche Ursache wie schwer wiegt.
Hannah Ritchie, Not the End of the World (2024). Die datengestützte Gegenposition zur Untergangserzählung, besonders stark bei der Landnutzung und beim Argument, dass Ertragssteigerung Fläche freisetzen kann. Eine Schwäche ist ihre Darstellung der Kipppunktfrage, die sich schlecht in Zeitreihen darstellen lässt und die daher in dieser Darstellung zu klein wirkt.
Dave Goulson, Silent Earth (2021). Die Zusammenführung der Befunde zum Insektenrückgang, geschrieben von jemandem, der selbst Hummeln erforscht.
Edward O. Wilson, Half-Earth (2016). Der im positiven Sinne radikale Vorschlag, die Hälfte der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, und der klarste Ausdruck des Gedankens, dass Fläche die entscheidende Größe ist.
Rachel Carson, Der stumme Frühling (1962). Der Ursprung der ganzen Debatte und der Grund, warum viele von uns bei Naturzerstörung zuerst an Gift denken. Genau darin liegt heute die Schwäche: Die Vergiftung ist der vierte der fünf Treiber, nicht der erste.
Joseph Poore und Thomas Nemecek, Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers (Science, 2018). Die Auswertung, auf der die Flächenrechnung zur Ernährung beruht. Keine leichte Lektüre, aber die Zahlenbasis für fast alles, was heute über Ernährung und Flächenbedarf gesagt wird.


