Warum Atomkrieg nicht isoliert betrachtet werden kann, warum Großmachtkrieg das übergeordnete x-Risiko ist, und was der Begriff Polykrise wirklich bedeutet.
Am 21. September 2022 hielt Wladimir Putin eine Rede zur Teilmobilmachung russischer Reservisten. Eingebettet in den Text stand ein Satz, der von westlichen Beobachtern als nukleare Drohung gelesen wurde. Fünf Tage später wurden die Nord-Stream-Pipelines sabotiert, das wichtigste Element der europäischen Gasversorgung. Im selben Monat erreichte die Inflation in der Eurozone Werte über zehn Prozent — die höchsten seit Einführung der gemeinsamen Währung. Russisches Militär hielt das Kernkraftwerk Saporischschja besetzt, Europas größtes Atomkraftwerk. Die Klimaverhandlungen vor der COP27 in Sharm El-Sheikh begannen mit dem öffentlichen Eingeständnis, dass die Pariser 1,5-Grad-Grenze de facto nicht mehr erreichbar sei. Im KI-Bereich liefen Verhandlungen über Sicherheitsstandards zwischen den USA und China ins Leere.
Fünf Krisen gleichzeitig. Jede einzelne bereits bedrohlich genug. Im Zusammenspiel jedoch entsteht etwas Neues.
Das ist das Geflecht, das ich nun – im dritten Teil meiner aktuellen Serie – entwirren will. Denn die ersten beiden Teile haben einen möglichen Atomkrieg behandelt, als wäre er ein isoliertes Problem — was bedroht uns, wie wahrscheinlich ist es, wie genau könnte es dazu kommen. Diese Isolation war zwar methodisch sinnvoll, inhaltlich aber künstlich. Atomkrieg steht nicht für sich. Er ist Teil eines schwer entwirrbaren Knotens aus Risiken, die einander wechselseitig verstärken.

Toby Ord hat für dieses Geflecht ein begriffliches Werkzeug entwickelt, auf das ich mich in diesem Artikel beziehen werde.
Direkte Risiken und Risikofaktoren
Eine der wichtigsten Unterscheidungen in The Precipice trennt zwei Klassen von Gefahren.
Direkte Risiken sind Ereignisse oder Prozesse, die selbst die Auslöschung oder den Zivilisationskollaps der Menschheit herbeiführen könnten. Atomkrieg gehört dazu. Künstliche Intelligenz gehört dazu. Synthetische Pandemien gehören dazu. Klimawandel gehört – vielleicht – dazu. Diese vier bilden also die direkten Risiken.
Risikofaktoren hingegen sind Bedingungen oder Ereignisse, die die Wahrscheinlichkeit anderer Risiken erhöhen, ohne selbst direkt existenziell zu sein. Eine globale Wirtschaftskrise ist kein x-Risiko. Aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit politischer Instabilität, beschleunigt Rüstungswettläufe, schwächt internationale Kooperation. Dadurch erhöht sie das Risiko von Großmachtkrieg, Atomkrieg, vernachlässigter KI-Sicherheit. Sie ist also ein Risikofaktor.
Manche Risiken sind beides. Klimawandel ist ein direktes Risiko und ein Risikofaktor für die Selbstvernichtung der Menschheit zugleich: Im Extremfall könnte er die Bewohnbarkeit der Erde so weit verschlechtern, dass eine entwickelte Zivilisation nicht überleben kann. Lange bevor der Klimawandel jedoch diese Schwelle erreicht, erzeugt er bereits Ressourcenkonflikte, Migrationskrisen und politische Destabilisierung, die andere Risiken verstärken. Diese Risikofaktoren entstehen durch Ernteausfälle, Hitzewellen, Überschwemmungen, Konflikte um Wasser. Diese Doppelrolle macht den Klimawandel besonders gefährlich.

Vor diesem Hintergrund trifft Toby Ord eine erstaunliche Einschätzung in Bezug auf den Atomkrieg. Seine Rolle als Risikofaktor für andere x-Risiken könnte quantitativ wichtiger sein als seine Rolle als direktes Risiko. Ein nuklearer Schlagabtausch im 21. Jahrhundert — selbst wenn er nicht zur direkten Auslöschung führt — würde mit hoher Wahrscheinlichkeit folgende Wirkungen entfalten:
- Internationale Kooperation würde auf Jahrzehnte hinaus erschwert. Das untergräbt die Bewältigung von Klimawandel, Pandemievorsorge und KI-Sicherheit, die alle globale Koordination verlangen.
- KI-Entwicklung würde weiter militarisiert. Mit verringerter Aufmerksamkeit für das Alignment-Problem.
- Biotech-Entwicklung würde in Richtung Biowaffen getrieben. Mit erhöhtem Risiko synthetischer Pandemien.
- Ökonomische und politische Bedingungen würden entstehen, in denen demokratische Aufsicht über riskante Technologien weiter erodiert.
Selbst ein „lediglich” globaler, aber nicht vollständig selbstzerstörerischer Atomkrieg würde daher das x-Risiko in den folgenden Jahrzehnten deutlich erhöhen. Atomkrieg ist nicht nur ein potenzielles End-Ereignis. Er ist auch ein Beschleuniger anderer potenzieller End-Ereignisse.
Großmachtkrieg als übergeordneter Risikofaktor
Eine Stufe oberhalb des Atomkriegs identifiziert Ord einen Risikofaktor, der in den aktuellen Diskussion selten als direktes x-Risiko verstanden wird: Großmachtkrieg.
Ein solcher Konflikt zwischen Großmächten kann aber sehr schnell zur existenziellen Gefahr werden.
Erstens: Es besteht die Möglichkeit, dass er nuklear wird. Das ist der direkte Weg, den Teil 2 dieser Serie ausführlich behandelt hat.
Zweitens: Er unterbricht die internationale Kooperation in jenen Bereichen, die für die Bewältigung aller anderen x-Risiken notwendig sind. Klimaverhandlungen in der Zeit von Großmacht-Konflikten sind kaum durchführbar. KI-Sicherheits-Standards können nicht gegen den Willen einer Großmacht durchgesetzt werden. Biologische Risiken brauchen funktionierende WHO-Strukturen, die nur in einem Umfeld gegenseitigen Vertrauens arbeiten können.
Drittens: Er zieht Ressourcen und Aufmerksamkeit ab. Forschungsgelder, die in eine Pandemievorsorge fließen könnten, fließen in Waffensysteme. Diplomatische Kapazität, die für Klimaverhandlungen nötig wäre, geht in Sanktionsregime und Bündnispflege. Auch öffentliche Aufmerksamkeit ist ein endlicher Rohstoff.
Viertens: Er beschleunigt die Entwicklung gefährlicher Technologien unter reduzierten Sicherheitsstandards. Die historische Evidenz ist eindeutig. Atomwaffen wurden im Zweiten Weltkrieg entwickelt, nicht in einer friedlichen Forschungsumgebung. Der Erste Weltkrieg führte zu chemischen Waffen und zu jener politischen Konstellation, die Hitler und Stalin den Aufstieg ermöglichte, und damit indirekt zu Hiroshima. Wer KI im Wettlauf gegen einen geopolitischen Gegner entwickelt, hat geringere Anreize, Alignment-Probleme gründlich anzugehen.
Ord schätzt, dass allein der Risikofaktor Großmachtkrieg etwa 1 % x-Risk für das 21. Jahrhundert bedeutet. Das ist eine Wahrscheinlichkeit von 1:100 — höher als seine Einschätzung des direkten Atomkriegs-Risikos, höher als die meisten anderen einzelnen Faktoren. Wenn diese Zahl stimmt, ist die Vermeidung von Großmachtkriegen ein zentrales Feld der x-Risk-Reduktion, unabhängig vom Einsatz von Atomwaffen.

Das hat unmittelbare Konsequenzen. Diplomatie zwischen den USA, China und Russland ist nicht nur Sicherheitspolitik. Sie ist x-Risk-Politik. Eine Eskalation um Taiwan, eine fortgesetzte Eskalation in der Ukraine, eine technische Konfrontation zwischen den USA und China im KI-Bereich — all das erhöht sämtliche x-Risiken gleichzeitig. Wer in der gegenwärtigen Stunde Großmacht-Konfrontationen riskiert, erhöht implizit das existenzielle Risiko — auch wenn der Betreffende das selbst nicht so sieht.
Sicherheitsfaktoren — das positive Gegenstück
Bis hierher habe ich nur über Risikofaktoren gesprochen — Bedingungen, die x-Risiken erhöhen. Aber es gibt auch das Gegenstück: Sicherheitsfaktoren, Bedingungen, die x-Risiken reduzieren.
Sicherheitsfaktoren sind oft strukturell unsichtbar. Speziell dann, wenn sie funktionieren. Niemand redet über die »International Atomic Energy Agency«, solange sie ihre Inspektionsarbeit macht. Niemand redet über die WHO, solange keine Pandemie ausbricht. Niemand redet über das Montrealer Protokoll, das die Ozonschicht gerettet hat — und das möglicherweise die größte Erfolgsgeschichte internationaler x-Risk-Vermeidung darstellt.
Die wichtigsten Klassen von Sicherheitsfaktoren:
- Institutionen mit Kompetenz und Legitimität: IAEO, WHO, IPCC, OPCW, der UN-Sicherheitsrat mit aller seiner Brüchigkeit, die Internationale Strafgerichtsbarkeit
- Verträge mit Verifikations-Mechanismen: New START, Nichtverbreitungsvertrag, Biological Weapons Convention, Chemiewaffenkonvention, das Pariser Klimaabkommen
- Wissenschaftliche Kooperation über politische Gräben hinweg: gemeinsame Klimaforschung, gemeinsame Pandemiesurveillance, gemeinsame AI-Safety-Forschung
- Vertrauensbildende Maßnahmen wie Krisenhotlines, gegenseitige Inspektionen, transparente Doktrinen
- Demokratische Strukturen mit funktionierender Öffentlichkeit, die riskante technologische Entwicklungen prüfen und korrigieren kann
- Bildung und gemeinsame Begriffe, die es Bürgern erlauben, x-Risiken zu verstehen und politisch zu adressieren

Die analytische Pointe: Wer x-Risiken senken will, hat zwei orthogonale Hebel: Direkte Risiken bzw. Risikofaktoren reduzieren und Sicherheitsfaktoren stärken. Was wie ein Hebel scheint, sind in Wahrheit zwei.
Das Montrealer Protokoll von 1987 ist hier ein aufschlussreiches Beispiel. Es hat keinen Risikofaktor direkt reduziert — die Produktion von FCKW ging weiter. Es hat jedoch einen Sicherheitsfaktor geschaffen: eine Verifikations-Architektur mit Auflagen, Stichtagen, Reziprozität. Und das hat funktioniert. Die Ozonschicht erholt sich. Was beim Klimawandel bisher nicht gelungen ist, ist damals – in Bezug auf das deutlich kleinere Risiko der FCKWs – auf globaler Ebene gelungen.
Die schlechte Nachricht: In der gegenwärtigen Periode erodieren beide Hebel gleichzeitig. Risikofaktoren steigen — Großmachtkonflikt, Klimaeskalation, KI-Wettlauf —, und Sicherheitsfaktoren werden schwächer — Verträge laufen aus, Institutionen verlieren Legitimität, wissenschaftliche Kooperation wird politisiert, demokratische Aufsicht über Technologie weicht privater Selbstregulierung.
Diesem Befund muss sich die x-Risiko-Politik heute stellen.
Polykrise
Es gibt einen Begriff, der das hier beschriebene Geflecht recht genau beschreibt, der jedoch manchmal falsch verwendet oder verstanden wird: Polykrise.

Der Begriff stammt ursprünglich aus den Arbeiten des Soziologen Edgar Morin aus den 1990er Jahren. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat ihn dann um 2022 für die Beschreibung der aktuellen globalen Lage genutzt. Er nutzte den Begriff Polykrise zur Beschreibung eines Zustands, in dem mehrere Krisen — politisch, ökonomisch, ökologisch, geopolitisch — gleichzeitig und miteinander wirken, sodass es schwieriger wird, jede einzelne von diesen Krisen zu lösen.
Das zeichnete sich in den 2020er Jahren nämlich sehr deutlich ab. COVID war eine Pandemiekrise — und gleichzeitig eine Lieferkettenkrise, eine Vertrauenskrise in Wissenschaft und Politik, eine Inflationsvorbereitung, eine Beschleunigung der Plattformökonomie und ihrer Wirkungen. Der Ukrainekrieg ist nicht nur ein Krieg — er löste gleichzeitig eine Energiekrise aus, eine Ernährungskrise im globalen Süden, ein Rüstungswettlauf, eine Beschleunigung der KI-Militarisierung. Der Klimawandel ist ein klimatisches Problem — und gleichzeitig ein Migrationsthema, ein politisches Polarisierungsthema, ein Verteilungsthema zwischen Generationen und Hemisphären.
Die x-Risiken meiner aktuellen Serie sind also lediglich die existenziellen Speerspitzen der Polykrise, Manifestationen eines tieferen Geflechts.
Alle vier existenziellen Gefahren teilen dabei vier Eigenschaften:
- Sie sind alle vom Menschen erzeugt, nicht naturgegeben
- Sie werden in den kommenden Jahrzehnten gefährlicher, nicht weniger gefährlich
- Sie sind alle nur durch globale Kooperation steuerbar — keine einzelne Nation kann sie allein bewältigen
- Sie wurzeln alle in derselben Asymmetrie zwischen technischer Macht und institutionell-moralischer Reife — in der Antiquiertheit des Menschen, die Anders 1956 so präzise benannt hat
Die Pointe. Alle vier x-Risiken werden nicht zufällig gleichzeitig akut. Sie sind die Konsequenz von tieferliegenden Bedingungen. Genau deshalb wird der Lösungsweg, dem sich diese Serie später zuwendet, das Geflecht verstehen und an der gemeinsamen Wurzel ansetzen müssen, nicht nur bei den einzelnen Symptomen.
Wenn das Geflecht so klar erkennbar ist, wenn die Risiken so präzise benannt sind, wenn die Bedingungen ihrer Verstärkung so sichtbar werden — warum handeln wir (bislang) trotzdem nicht? Warum greifen wir nicht ein? Die Antwort auf diese Frage liegt nicht nur in der Politik oder den Institutionen. Sie liegt in uns selbst. Im nächsten Teil dieser Serie wenden wir uns daher dieser unbequemen Frage zu.


