38) Atomkrieg VI: Die Logik der Rettung

Wie wir maximale Wirkung gegen ein maximales Risiko erzielen – auch abseits des Pentagons.

Der sechste und letzte Teil meiner Atomkrieg-Serie fragt: Welcher Beitrag des einzelnen Lesers lohnt sich? Welche Organisationen sind womöglich eine Spende wert? Welche Berufe senken das existenzielle Risiko eines Atomkriegs? Welche Hebel hat ein Bürger, der nicht im Pentagon sitzt?

Wie sich Wirkung priorisieren lässt — das ITN-Framework

Wer als Einzelner gegen ein Risiko von der Größe eines Atomkriegs etwas ausrichten will, hat begrenzte Mittel. Zeit, Geld, Aufmerksamkeit. Die Frage ist nicht, ob man etwas tun kann, sondern wo sich das Tun am stärksten auswirkt.

Die Bewegung des Effektiven Altruismus hat dafür ein Werkzeug entwickelt. Es heißt ITN und besteht aus drei Faktoren.

Importance (Wichtigkeit). Wie groß ist die Wirkung, wenn das Problem gelöst wird? Wie viel Schaden, wenn es ungelöst bleibt? Bei x-Risiken (existenziellen Risiken für die Menschheit) ist diese Größe maximal — sie betrifft die gesamte zukünftige Menschheit.

Tractability (Lösbarkeit). Wie viel kann zusätzliche Anstrengung tatsächlich bewirken? Manche Probleme sind groß, aber vorläufig nicht zuverlässig lösbar; jede zusätzliche Ressource verpufft mit hoher Wahrscheinlichkeit. Beim nuklearen Risiko ist diese Lösbarkeit allerdings mittel bis hoch — wir kennen die Maßnahmen (siehe Teil 5), wir wissen, dass viele davon historisch funktioniert haben, wir haben dokumentierte Erfolge wie das Montrealer Protokoll oder New START.

Neglectedness (Vernachlässigtheit). Wie viel wird bereits getan? Bei Problemen, an denen bereits viele andere Menschen arbeiten, hat unser Beitrag einen geringen zusätzlichen Grenznutzen. Bei Problemen jedoch, an denen wenige andere arbeiten, kann der Beitrag des Einzelnen einen entscheidenden Unterschied machen.

Atomkrieg ist nach diesem Maßstab erstaunlich vernachlässigt. Während des Kalten Krieges war das Feld groß, gut finanziert, intensiv beforscht. Nach 1991 schrumpfte es drastisch. Die Aufmerksamkeit verlagerte sich auf den Klimawandel, heute auf KI. Die Gefahr eines Atomkrieges blieb zwar nahezu gleich hoch, aber zivilgesellschaftlich unbeachtet.

Daraus ergibt sich folgende Kalkulation: hohe Importance × mittlere Tractability × hohe Neglectedness = hoher Grenznutzen. Atomkrieg-Prävention ist ein Feld, in dem zusätzliche Anstrengung überdurchschnittlich viel bewirken kann.

Die wichtigsten Organisationen

Wer spenden will, findet eine Auswahl von Organisationen mit dokumentierter Wirkung. Vier seien hier genannt — die Liste ist natürlich nicht vollständig.

1. Nuclear Threat Initiative (NTI), gegründet 2001 von Sam Nunn und Ted Turner. bestfinanzierte NGO im Feld. Programme zur Sicherung nuklearen Materials, zur Reduktion spaltbarer Bestände, zur Risiko-Reduktion durch direkten Dialog mit Atommächten. Hatte dokumentierte Wirkung auf mehrere US-Russland-Verträge.

2. Federation of American Scientists (FAS), gegründet 1945 von Manhattan-Project-Wissenschaftlern, die nach Hiroshima öffentlich Verantwortung übernehmen wollten. Liefert seit 80 Jahren unabhängige Analysen zu Atomwaffenarsenalen, Doktrinen und Risiken. Aus diesem Milieu stammt das Bulletin of the Atomic Scientists mit seiner Doomsday Clock.

3. Council on Strategic Risks (CSR). Jüngere Organisation, gegründet 2015, fokussiert auf vernetzte Risiken — Atomwaffen, Klimakaskaden, biologische Gefahren — und ihre Wechselwirkungen. Liefert politikorientierte Analysen für US-Regierung, Kongress und Militärführung.

4. ALLFED (Alliance to Feed the Earth in Disasters), in Teil 5 bereits behandelt. Erforscht Resilienz-Maßnahmen, vor allem in der Nahrungsmittelproduktion unter Bedingungen kollabierender Landwirtschaft. Klein, technisch, unterfinanziert — und damit ein klassischer Fall von hoher Neglectedness.

Für eine längere Liste empfehlen sich die Bewertungen von Longview Philanthropy und Founders Pledge, die regelmäßig x-Risiko-Organisationen evaluieren.

Die Hebel des Einzelnen

Drei Klassen von Hebeln stehen jedem Leser offen.

1. Spenden. In einem vernachlässigten Feld zählt jeder Euro überproportional. Wer in einem reichen Land lebt, kann durch gezielte Spende mehr Wirkung erzielen als durch berufliche Umorientierung — vor allem, wenn die Spende einer Organisation mit hohem Grenznutzen zufließt. Dabei gilt: Mehrjährige, regelmäßige Spenden an wenige hochwirksame Organisationen schlagen einmalige, breit gestreute fast immer.

2. Karriere. Für jüngere Leser, die noch berufliche Weichen stellen, sind die direkten Karrierewege interessant: Rüstungskontrolle, Diplomatie, x-Risiko-Forschung an Universitäten oder Think Tanks (Centre for the Study of Existential Risk in Cambridge, Forethought Foundation), Journalismus mit Schwerpunkt auf existenziellen Risiken. Die Organisation 80,000 Hours, gegründet von William MacAskill und Benjamin Todd, bietet hierzu detaillierte Karriereanalysen. Für ältere Leser kommt das „Earning to give“-Modell in Frage: in der eigenen, gut bezahlten Branche bleiben und einen Teil des Einkommens an besonders wirksame Organisationen spenden.

3. Stimme. Hier liegt der Hebel, der jedem Leser sofort und ohne Vorbereitung zugänglich ist. Stimme bedeutet politisches Engagement — Wahlen, Briefe an Abgeordnete oder Mitarbeit in Parteien, die sinnvolle Sicherheitspolitik vertreten. Stimme bedeutet auch Gespräche im persönlichen Umfeld, die durchbrechen, was Lifton psychic numbingnannte. Günther Anders empfahl überdies die Anstrengung der Vorstellung als alltägliche, disziplinierte Praxis. Jedes Gespräch über x-Risiken, das nicht in Apokalyptik oder in Verdrängung kippt, ist eine kleine Kampfansage gegen die Antiquiertheit des Menschen.

Eine Bemerkung zur Mischung. Diese Hebel sind nicht alternativ, sondern additiv. Wer spendet, kann auch wählen. Wer wählt, kann auch im Beruf wirken. Wer im Beruf wirkt, kann auch spenden. Was zählt, ist die Disziplin: regelmäßig, gerichtet, an Stellen mit hohem Grenznutzen.

Die Frage von Günther Anders

Die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges wurzelt in einem tieferen Problem, das auch den anderen existenziellen Gefahren zugrunde liegt, in der Asymmetrie zwischen technischer Macht und institutionell-moralischer Reife.

Genau diese Asymmetrie hat Günther Anders in Die Antiquiertheit des Menschen (Band II, 1980) als Frage formuliert: „Sind wir noch auf der Höhe dessen, was wir tun?”

Die ehrliche Antwort ist nein. Wir bauen Systeme, die wir nicht mehr bewältigen. Wir treffen Entscheidungen, deren Tragweite wir nicht fühlen. Wir leben am Abgrund, wir leben in der Frist, ohne es zu spüren.

Vielleicht können wir daher dieses Problem nicht vollständig lösen. Aber wir können einer Lösung näherkommen — und zwar durch Strukturen, die das Affektsystem nicht voraussetzen; durch Institutionen, die für die Menschheit als Ganze entscheiden können; durch eine Bevölkerung, die x-Risiken versteht, weil sie darüber diskutiert; durch eine Praxis der wiederholten Vorstellungs-Anstrengung, wie Anders sie empfohlen hat.

Aber an jedem Anfang steht ein konkreter Akt des Einzelnen. Du hast die Maßnahmen gesehen, mit denen wir dieses Problem politisch und institutionell lösen können. Du kennst die Organisationen, die daran arbeiten. Du kennst die Hebel, die dir zur Verfügung stehen.

Was du jetzt tust oder unterlässt, formt das Ergebnis mit.


Damit endet die sechsteilige Atomkrieg-Serie. In den kommenden Wochen werde ich mich den drei anderen existenziellen Risiken zuwenden — beginnend mit der synthetischen Biologie.

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