39) Wenn Pandemien aufhören, Unfälle zu sein

Die Evolution setzte Naturseuchen mathematische Grenzen. Doch künstliche Erreger brechen diese Schranke. Warum die Zukunft unserer Zivilisation an einem dünneren Faden hängt, als wir glauben.

Im Frühjahr 2020 legte eine einzelne Virusvariante das öffentliche Leben fast aller Länder lahm. COVID-19 hat nach gängigen Schätzungen rund 17 Millionen Menschen zusätzlich sterben lassen – etwa einer von 500 Menschen weltweit – und die wirtschaftlichen Kosten überstiegen 10 Billionen Dollar. Gemessen an dem, was die Biologie anrichten kann, war das jedoch ein milder Fall.

Denn dieses Virus ist entstanden, nicht entworfen. Wie die schlimmsten Seuchen der Geschichte war es ein Wurf der Natur: blind, an keine Absicht gebunden. Das ändert sich gerade. Zum ersten Mal in 200.000 Jahren erwirbt unsere Art die Fähigkeit, Krankheitserreger nicht nur zu bekämpfen, sondern ihren genetischen Code zu lesen, zu verändern und neu zu schreiben.

Damit stellt sich eine Frage, die es in unserer gesamten Evolution vorher nicht gab: Was geschieht, wenn ein solcher Erreger nicht mehr zufällig entsteht, sondern am Reißbrett konstruiert wird?

1. Das mathematische Ende der Evolution: Warum die biologische Schranke fällt

Die Geschichte kennt furchtbare Seuchen, und keine einzige davon hat unsere Spezies ausgelöscht. Die Pest des Justinian tötete im 6. Jahrhundert etwa sechs Millionen Menschen, was rund 3 Prozent der damals lebenden Weltbevölkerung entsprach. Der Schwarze Tod nahm im 14. Jahrhundert zwischen 20 und 75 Millionen Menschen das Leben – etwa ein Zehntel der globalen Bevölkerung. Die Spanische Grippe von 1918 infizierte mindestens ein Drittel aller Menschen und tötete weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung. Selbst der historisch verheerende Columbian Exchange im 16. Jahrhundert, bei dem europäische Kolonisten unabsichtlich Pocken und Paratyphus nach Amerika einschleppten, tötete in Mexiko rund 80 Prozent der indigenen Bevölkerung und in isolierten Gemeinschaften bis zu 98 Prozent. Jedes Mal brach die betroffene Welt ein, aber jedes Mal erholte sie sich.

Dass keine dieser Katastrophen zum endgültigen Ende der Menschheit führte, ist kein biologischer Zufall. Der Philosoph Toby Ord hat dafür ein mathematisches Argument formuliert: Läge das natürliche Aussterberisiko der Menschheit hoch – etwa über 0,1 Prozent pro Jahrhundert –, dann hätten wir in den vergangenen 200.000 Jahren unserer Existenz astronomisches Glück gehabt. Unsere bloße Existenz ist weit weniger überraschend, wenn das reale Risiko durch rein natürliche Ursachen bei unter 0,001 Prozent pro Jahrhundert liegt. Ord setzt – auf der Basis dieser Überlegung – das existenzielle Risiko durch natürlich entstehende Pandemien bei unter 1 zu 2.000 pro Jahrhundert an.

Warum ist dieses natürliche Aussterberisiko so gering? Die Antwort liegt in der inhärenten Logik der natürlichen Auslese. Ein Erreger, der seinen Wirt zu schnell tötet, blockiert seine eigene Ausbreitung – ein Toter steckt niemanden mehr an. Die Evolution prämiert deshalb unter gewöhnlichen Umständen selten die absolut tödlichste Variante eines Erregers, sondern bevorzugt ein dynamisches Gleichgewicht aus Ansteckung und Schaden. Die schlimmste aller Kombinationen – eine extrem hohe Letalität bei gleichzeitig extrem hoher Übertragbarkeit – wird in der Natur durch die blinde Auslese eher abgewählt als belohnt. Das ist die biologische Schranke: keine physische Mauer, sondern eine mathematische Tendenz der Evolution.

Wer jedoch einen Erreger im Labor entwirft, ist an diese evolutionäre Logik nicht mehr gebunden. Was die Natur meidet, weil es sich für das Überleben des Virus im Ökosystem nicht auszahlt, kann ein Mensch gezielt bauen. Seit zwei Jahrhunderten züchten wir Erreger; mittlerweile schreiben wir ihren Code. Damit bricht die synthetische Biologie vollständig mit der Evolutionsgeschichte: Sie erzeugt Eigenschaften, die unter natürlicher Auslese nie entstehen würden. Jene Schranke, auf die wir uns bisher verlassen konnten, war nie ein unumstößliches Naturgesetz. Sie war eine Eigenschaft des Zufalls. Und diesen Zufall können wir nun gezielt umgehen.

2. Die unsichtbaren Erreger: Stealth-Viren und das unaussprechliche Risiko des Spiegel-Lebens

Die eigentliche Sorge der Biosicherheitsforschung gilt dabei zwei Phänomenen, die in der Natur nicht vorkommen: dem „Stealth-Erreger“ und dem künstlichen Spiegel-Leben.

Ein „Stealth-Erreger“ (heimlicher Erreger) ist ein Virus, das die logische Lücke unserer klassischen Gesundheitssysteme ausnutzt. Derzeit bemerken wir Krankheitsausbrüche primär an ihren Symptomen: Patienten strömen in Krankenhäuser, Menschen sterben. Ein Stealth-Erreger jedoch verbreitet sich völlig symptomfrei und unbemerkt im globalen Netzwerk – exakt nach dem Vorbild von HIV, bei dem Infizierte über ein Jahrzehnt hinweg hochgradig ansteckend, aber völlig beschwerdefrei sein können. Wenn ein solcher Erreger so konstruiert wird, dass er sich über Jahre hinweg unbemerkt global verteilt und erst nach einer langen, fest einprogrammierten Latenzzeit eine schwere, tödliche Erkrankung auslöst, versagt jede herkömmliche Quarantänestrategie. Er breitet sich im Verborgenen aus, bis es für eine Eindämmung zu spät ist.

Noch radikaler ist der Hebel, der aus der Grundlagenbiologie erwächst. Im Dezember 2024 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe aus 38 Spitzenwissenschaftlern, darunter mehrere Nobelpreisträger, eine explizite Warnung vor dem sogenannten „Spiegel-Leben“ (Mirror Life). Alle fundamentalen Bausteine des Lebens auf der Erde (DNA, RNA, Aminosäuren) besitzen eine feste Chiralität, eine molekulare Händigkeit. So ist unsere natürliche DNA ausnahmslos rechtshändig gedreht, während Proteine aus linkshändigen Aminosäuren bestehen. Ein Organismus, dessen Bausteine durchweg spiegelverkehrt aufgebaut sind, existiert in der Natur nicht. Ihn im Labor zu synthetisieren – beispielsweise als funktionsfähiges Spiegel-Bakterium –, halten Forscher in weniger als einem Jahrzehnt für technologisch machbar.

Die Arbeitsgruppe wies nach, dass die Erschaffung von Spiegel-Bakterien das potenziell gefährlichste derzeit bekannte Biorisiko darstellt. Da das menschliche Immunsystem über Jahrmillionen ausschließlich auf die Erkennung der natürlichen Molekül-Händigkeit kalibriert wurde, wären Spiegel-Bakterien für unsere biologische Abwehr vollkommen unsichtbar. Sie besäßen zudem in der Biosphäre keinerlei natürliche Fressfeinde oder Regulatoren und könnten sich als extrem invasive Spezies ausbreiten. Die Forscher betonen: Ein Leben in einer mit Spiegel-Bakterien verseuchten Umwelt käme einer schweren, irreversiblen Immunschwäche gleich. Jeder Kontakt mit kontaminiertem Staub oder Boden wäre potenziell tödlich. Aus diesem Grund fordern die Wissenschaftler, diese Forschungslinie strikt zu meiden, solange ihre Sicherheit nicht lückenlos bewiesen ist.

Bisher war für solche Eingriffe biologisches Spitzenkönnen erforderlich. Das ändert sich rasant durch den massiven Einsatz künstlicher Intelligenz. Sogenannte biologische KI-Modelle (BAIMs), insbesondere Protein-Sprachmodelle (pLMs), sind heute in der Lage, Proteinstrukturen am Computer so zu designen und zu verfeinern, dass sie Eigenschaften wie Immunflucht oder Letalität maximieren. Gekoppelt mit automatisierten Laborplattformen verkürzen diese Systeme den Zyklus aus Design, Synthese und Test dramatisch. Das Center for AI Safety und die Organisation SecureBio zeigten in Tests, dass spezialisierte KI-Modelle die meisten menschlichen Virologen bei der Bewältigung komplexer Laborprotokolle bereits heute übertreffen. Zudem wurde nachgewiesen, dass herkömmliche Large Language Models (LLMs) Forschern präzise, akkurate Anleitungen darüber geben können, wie man ein funktionstüchtiges, lebendes Poliovirus aus rein synthetischen DNA-Konstrukten im Labor reaktiviert.

3. Die Proliferation der Schöpfung: Warum Biologie kein Spaltmaterial braucht

Vor zwei Jahrzehnten war die Entzifferung des menschlichen Genoms das größte kollektive Projekt der Biologie: Es dauerte dreizehn Jahre und verschlang rund drei Milliarden Dollar. Heute ist ein komplettes Genom für unter 1.000 Dollar in weniger als einer Stunde sequenziert. Der umgekehrte Weg – die künstliche Synthese von DNA – ist im selben Zeitraum um den Faktor 1.000 billiger geworden. Gentechnische Werkzeuge wie CRISPR oder Gene Drives wurden innerhalb von nur zwei Jahren nach ihrer Entdeckung von Schülerteams in internationalen Wettbewerben erfolgreich repliziert.

Mit diesem rasanten Kostensturz geht eine gefährliche Proliferation und Demokratisierung des Feldes einher. William MacAskill stellt der synthetischen Biologie die historische Entwicklung von Atomwaffen gegenüber. Bei nuklearen Waffen hatte die Menschheit strukturelles Glück: Das dafür notwendige spaltbare Material ist extrem schwer herzustellen, die Anreicherung erfordert riesige, sichtbare Industrieanlagen, und die Fähigkeit dazu bleibt zwingend bei Staaten monopolisiert. Von außen ist relativ leicht erkennbar, wer an einer Atombombe baut.

Bei synthetisch hergestellten Erregern gilt kein einziger dieser Schutzfaktoren. Die Baupläne und genetischen Rezepte für hochtödliche Plagen wie die Spanische Grippe von 1918 oder die Pocken sind vollständig und frei zugänglich im Internet veröffentlicht. Wer den Bauplan besitzt, für den verliert die physische Kontrolle von Proben in Hochsicherheitslagern ihren Sinn. Im Prinzip lässt sich ein tödliches Virus heute in einem Labor von der Größe einer Garage für Materialkosten von unter 50.000 Dollar herstellen. Wer einen Erreger bauen kann, kann zudem hunderte verschiedene Varianten konstruieren und sie durch automatisierte Systeme an tausend Orten der Welt gleichzeitig freisetzen.

Zusätzlich verschärfen moderne KI-Systeme dieses Proliferationsrisiko: Maßgeschneiderte, autonome KI-Agenten haben in Experimenten demonstriert, dass sie in der Lage sind, die Gencodes letaler Proteine so in unverdächtige Segmente zu zerlegen, dass sie die automatisierten Screening-Filter kommerzieller DNA-Synthesefirmen unbemerkt passieren. Die Bruchstücke werden unbemerkt bestellt und erst im Ziellabor final zusammengesetzt.

4. Das Unvermögen der Eindämmung: Die unheimliche Statistik der Laborunfälle

Ein synthetischer Erreger muss nicht absichtlich freigesetzt werden, um eine globale Katastrophe auszulösen; ein einfacher Unfall in der legitimen Forschung reicht völlig aus. Und die historische Realität der Biosicherheitslabore ist im wahrsten Sinne des Wortes chilling – sie löst ein kaltes Grauen aus. Selbst auf der höchsten biologischen Sicherheitsstufe (BSL-4) entweichen Erreger regelmäßig durch menschliches Versagen oder technische Mängel.

  • Der Fall Pirbright (2007): In Großbritannien brach auf einer Farm die Maul-und-Klauen-Seuche aus. Das Leck wurde direkt zu einem BSL-4-Spitzenlabor zurückverfolgt, das an einem Impfstoff arbeitete. Das Virus war schlicht durch ein schlecht gewartetes, schadhaftes Abwasserrohr ins Erdreich und ins Grundwasser gesickert. Nach einer Untersuchung wurde der Betrieb wieder freigegeben – nur damit das Virus zwei Wochen später durch ein exakt baugleiches Leck erneut entwich.
  • Der CDC-Vorfall (2014): In den USA wurden Dutzende Mitarbeiter der amerikanischen Spitzenbehörde CDC potenziell lebenden Anthrax-Sporen ausgesetzt. Der Grund: Die Proben waren vor dem Transport in Labore niedrigerer Sicherheitsstufen nicht vollständig und ordnungsgemäß inaktiviert worden; die dortigen Mitarbeiter trugen zum Teil keine ausreichende Schutzausrüstung.
  • Swerdlowsk (1979): In einer sowjetischen Militäranlage entfernte ein Techniker einen verstopften Filter einer Anthrax-Trocknungsanlage. Er hinterließ eine handschriftliche Notiz, vergaß aber den Eintrag im zentralen Logbuch. Schichtleiter starteten die Anlage ohne Filter; die Sporen trieben mit dem Wind über die Stadt und töteten mindestens 60 Menschen (einige Schätzungen liegen bei über 100 Toten).
  • Birmingham (1978): Die Fotografin Janet Parker infizierte sich über den Luftweg in einem Raum direkt über einem Pockenlabor in Birmingham und starb – ein volles Jahr nachdem die Pocken in der freien Natur als offiziell ausgerottet galten.

Zwischen 1979 und 2009 kam es in Laboren mit besonders gefährlichen Erregern zu insgesamt 444 dokumentierten Infektionen, unter anderem mit Ebola, SARS und Anthrax. Da Laborunfälle weltweit nicht konsistent und transparent erfasst werden, liegt die Dunkelziffer weitaus höher. Bei einer statistischen Baseline von einer Infektion auf je 250 Labormitarbeiter pro Jahr im US-Biodefence-Sektor ist die Freisetzung eines hochübertragbaren, fabrizierten Erregers im Laufe eines Jahrhunderts ein mathematisch sehr wahrscheinlicher Zufall. Und falls ein am Reißbrett optimiertes Virus mit hoher Letalität entweicht, schützt uns keine evolutionäre Schranke mehr.

5. Der Fluch des Einzelgängers: Die unerbittlichen Zahlen des Risikos

Aber warum sollte überhaupt jemand eine solche Seuche absichtlich freisetzen? Als klassische Kriegswaffe taugen Biowaffen historisch schlecht, weil sie unzuverlässig sind und als Bumerang auf die eigene Bevölkerung zurückschlagen. Doch die Geschichte zeigt, dass Staaten und apokalyptische Gruppen diese rationale Schranke ignorieren.

Das sowjetische Biowaffenprogramm lief über 64 Jahre hinweg im Verborgenen – trotz der Unterzeichnung der Biowaffenkonvention im Jahr 1972. Es betrieb geheime, auf keiner Landkarte verzeichnete Städte und hortete tonnenweise Pocken und Pest. Südafrikas geheimes rassistisches Programm Project Coast erforschte in den 1980er Jahren biologische Erreger, die gezielt und selektiv bestimmte ethnische Gruppen sterilisieren oder töten sollten.

Und nicht jeder Akteur ist ein rational kalkulierender Staat. Zwischen 1984 und 1995 versuchte die japanische Weltuntergangssekte Aum Shinrikyo aktiv, die Menschheit vollständig auszurotten. Sie beschäftigte promovierte Biologen und Chemiker und verübte erfolgreiche, tödliche Anschläge mit Sarin- und VX-Gas. Sie scheiterte damals lediglich an der technologischen Hürde, Anthrax stabil zu aerosolisieren und zu verbreiten. Wenn diese technologische Hürde durch den Kostensturz und die Demokratisierung der synthetischen Biologie gegen null sinkt, schließt der Kreis derer, die dazu fähig sind, solche nihilistischen Gruppen zwangsläufig mit ein.

Sobald das gefährliche Wissen erst einmal existiert, greift das, was Nick Bostrom den „Fluch des Einzelgängers“ (Unilateralist’s Curse) nennt: Wenn hunderte Wissenschaftler oder Akteure unabhängig voneinander darüber entscheiden können, ob eine gefährliche Information publik gemacht wird, reicht ein einziger unvorsichtiger oder fehlgeleiteter Akteur aus, um das Wissen unumkehrbar in die Welt zu setzen. Im Jahr 2018 synthetisierte ein kanadisches Forscherteam das ausgestorbene Horsepox-Virus (einen nahen Verwandten der Pocken) für lediglich 100.000 Dollar aus im Internet bestellter synthetischer DNA und legte die exakte Methode offen – gegen den expliziten Rat der Biosicherheits-Community.

Aber: wie groß ist das existenzielle Risiko durch fabrizierte Erreger in diesem Jahrhundert tatsächlich? Die ehrliche Antwort ist: Niemand weiß es genau, es sind Wetten kluger Köpfe auf einen unsicheren Lauf der Dinge. Aber die Zahlen der besten verfügbaren Risikoanalysen und des großen Existential Risk Persuasion Tournaments (XPT) sind ungemütlich hoch:

  • Die Wahrscheinlichkeit für eine biologische Katastrophe, bei der mindestens 10 Prozent der Menschheit sterben, wird auf 1 bis 3 Prozent bis zum Jahr 2100 taxiert.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass ein gentechnisch hergestellter Erreger mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung tötet, liegt bei 4 bis 10 Prozent.
  • Toby Ord beziffert das rein existenzielle Risiko (Aussterben oder permanenter Zivilisationskollaps) durch fabrizierte Pandemien in diesem Jahrhundert auf etwa 1 zu 30 (ca. 3,3 Prozent). Damit ist es das zweitgrößte Risiko für die Zukunft der Menschheit überhaupt.

Schluss: Was auf dem Spiel steht

Wenn wir über das existenzielle Risiko der synthetischen Biologie nachdenken, geht es um weit mehr als um die acht Milliarden heute lebenden Menschen. Aus Sicht des Longtermismus betrifft ein solches Ereignis die Gesamtheit aller Menschen, die jemals existieren könnten: Jahrmillionen an zukünftigen Generationen, ihr ungenutztes Potenzial für Kultur, Liebe, Kunst, moralischen Fortschritt und wissenschaftliche Entdeckungen.

Wir leben in einem historisch absolut anomalen Jahrhundert. Unsere technologische Macht ist explosionsartig angewachsen, aber unsere zivilisatorische Weisheit, unsere internationalen Institutionen und unsere Vorsicht hinken dieser Entwicklung gefährlich hinterher. Wir lernen gerade, katastrophal tödliche Erreger zu entwerfen, noch bevor wir als globale Gemeinschaft gelernt haben, unfallfreie Rohre in Laboren zu garantieren. Diese tiefe Kluft zwischen unserem technischen Können und unserem moralischen Verstehen ist die eigentliche, fundamentale Gefahr.

Was eine fabrizierte Pandemie von anderen Katastrophen unterscheidet, ist ihre absolute Endgültigkeit. Ein nuklearer Krieg, so unfassbar verheerend er wäre, ließe höchstwahrscheinlich Überlebende in unbeteiligten Regionen der Südhalbkugel zurück, die die Zivilisation wieder aufbauen könnten. Selbst ein außer Kontrolle geratenes KI-System würde die zivilisatorische Struktur und den technologischen Prozess in digitaler Form irgendwie fortführen. Ein am Reißbrett optimierter, hochansteckender Stealth-Erreger jedoch, der den letzten Menschen auf der Erde infiziert und tötet, lässt schlicht niemanden zurück. Er löscht die Fackel des Bewusstseins auf diesem Planeten für immer aus.

Die Menschheit hat das Risiko großer Asteroiden jahrzehntelang ignoriert, bis sie 1994 live zusehen musste, wie ein Komet den Jupiter mit der Wucht von hunderten Milliarden Tonnen TNT traf. Erst danach bauten wir das Spaceguard-System auf. Bei fabrizierten Erregern können wir einen solchen ersten Einschlag nicht abwarten. Der erste Einschlag wäre bereits das unwiderrufliche Ende.

Doch die Frist ist noch nicht abgelaufen. Die technologischen und regulatorischen Mittel, um künstliche Pandemien frühzeitig im Keim zu ersticken oder sie physikalisch unmöglich zu machen, existieren bereits. Und sie kosten, gemessen an dem astronomischen Wert unserer Zukunft, fast nichts. Davon wird der nächste Artikel handeln: von der konkreten Architektur unserer Verteidigung.

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