Kann ein Mensch davon überleben?

Wir wissen jetzt, wie groß unser Stück Erde ist: rund 1.900 Quadratmeter Ackerland für jeden von uns. Damit können wir nun die eigentliche Frage stellen. Kann ein Mensch davon überleben?

Diese Frage erscheint mir sehr wichtig: Denn wenn ein Mensch von seinem theoretischen Anteil am Weltacker überleben kann, dann kann es im Prinzip jeder Mensch. Dann reicht das Ackerland der Erde für alle, und es dürfte, zumindest theoretisch, keinen Hunger auf der Welt geben.

Bevor wir jedoch die Frage klären können, welche Pflanze uns am besten ernähren kann, müssen wir eine grundsätzlichere Frage klären. Wie viele Kalorien brauchen wir eigentlich?

Wie viele Kalorien brauchen wir?

Unser Körper braucht Energie. Wir messen sie in Kilokalorien, im Alltag sagen wir einfach Kalorien. Wie viele Kalorien ein Mensch braucht, hängt von seinem Alter ab, von seinem Geschlecht und davon, wie viel er sich bewegt. Ein Kind braucht weniger als ein Erwachsener, ein Bauarbeiter mehr als eine Büroangestellte.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung veröffentlicht dafür Richtwerte. Ich habe sie für meine Familie nachgeschlagen.

Im Jahr 2017, als ich mir die Frage nach den 2.000 Quadratmetern zum ersten Mal stellte, war ich selbst 51 Jahre alt. Ich arbeitete am Schreibtisch, bewegte mich aber viel. Für jemanden wie mich veranschlagt die Gesellschaft für Ernährung 2.500 bis 2.800 Kalorien am Tag. Meine Frau war 32 und arbeitete als Fotografin. Sie brauchte rund 2.100 Kalorien. Der größere unserer beiden Buben war elf und brauchte etwa 2.200 Kalorien, also bereits genauso viel wie seine Mutter. Sein Bruder war sechs und benötigte 1.600 Kalorien pro Tag. Unsere Tochter war drei, sie brauchte 1.100 Kalorien. Und das Baby, ein halbes Jahr alt, kam mit rund 600 Kalorien aus.

Zusammen waren das also gut 10.000 Kalorien am Tag. Geteilt durch sechs sind es rund 1.700 Kalorien pro Kopf.

So funktioniert ein Durchschnitt: Er gleicht die Großen und die Kleinen aus. Für unsere Rechnung brauchen wir allerdings einen Durchschnitt für die ganze Welt.

Ich nehme dafür den Wert, mit dem die Vereinten Nationen ihre Nahrungshilfe planen: 2.100 Kalorien pro Person und Tag. Dieser Wert gilt für eine ganze Bevölkerung, mit Kindern und Alten, mit Menschen, die schwer arbeiten, und solchen, die sich wenig bewegen. Sechs Menschen mit diesem Durchschnittsbedarf bräuchten zusammen 12.600 Kalorien, meine Familie kam mit gut 10.000 aus. Wir rechnen also eher großzügig.

Was sollen wir anbauen?

Nachdem wir nun wissen, wie viele Kalorien wir benötigen, zurück zur eigentlichen Frage: Was bauen wir auf unseren 1.900 Quadratmetern an?

Wir wollen unser Gedankenexperiment zunächst so einfach wie möglich halten und uns auf eine einzige Pflanze beschränken. Und zwar auf jene Pflanze, die auf einem Quadratmeter die meisten Kalorien liefert.

In unseren Breiten ist das die Zuckerrübe. In Österreich erntet man auf einem Quadratmeter rund acht Kilo Rüben. Etwa ein Sechstel davon ist Zucker, das sind gut 1,3 Kilo. Ein Kilo Zucker hat 4.000 Kalorien. Ein Quadratmeter Zuckerrüben liefert also rund 5.300 Kalorien im Jahr.

Auf 1.900 Quadratmetern sind das gut zehn Millionen Kalorien im Jahr. Geteilt durch 365 Tage ergibt das rund 27.500 Kalorien pro Tag. Geteilt durch 2.100 Kalorien pro Kopf, reicht das für 13 Menschen.

Leider würden diese 13 Menschen nicht lange überleben. Denn Zucker liefert zwar Energie, aber sonst nichts: kein Eiweiß, kein Fett, keine Vitamine, keine Mineralstoffe. Und ohne Eiweiß baut der Körper seine eigenen Muskeln ab. Ohne Vitamin C bekommt er nach ein bis drei Monaten Skorbut. Wer nur Zucker isst, wird zwar satt, stirbt aber dennoch.

Zweiter Versuch: Mais

Wählen wir also eine Pflanze, von der Menschen tatsächlich leben könnten. Wählen wir ein Getreide. Unter den Getreidearten bringt in unseren Breiten der Mais den höchsten Ertrag.

In Österreich erntet man rund zehn Tonnen Körnermais pro Hektar. Das ist ein Kilo pro Quadratmeter. Ein Kilo Maiskörner hat etwa 3.500 Kalorien. Auf 1.900 Quadratmetern ernten wir damit rund 6,6 Millionen Kalorien im Jahr. Das sind gut 18.000 Kalorien pro Tag, genug für fast neun Menschen.

Und Mais ernährt uns viel besser als Zucker. Er enthält Eiweiß, Fett, Ballaststoffe und Mineralstoffe. Aber kann man davon langfristig überleben?

Die Geschichte hat diese Frage bereits beantwortet. Im 18. und 19. Jahrhundert aßen arme Bauern in Norditalien oft kaum etwas anderes als Polenta. Viele von ihnen bekamen eine Krankheit, die man nach ihrem auffälligsten Zeichen benannte: Pellagra, „raue Haut“. Zuerst entzündet sich die Haut, vor allem dort, wo die Sonne sie trifft. Dann kommen Durchfall und Verwirrung dazu. Unbehandelt endet die Krankheit tödlich.

Auch das Maisexperiment muss daher als gescheitert betrachtet werden. Wir müssen unsere Frage modifizieren.

Eine bessere Frage stellen

Kalorien pro Quadratmeter alleine genügen nicht. Wir suchen eine Pflanze, die zwei Dinge zugleich kann. Sie soll auf der geringstmöglichen Fläche so viele Kalorien wie möglich liefern. Und sie soll uns dabei möglichst vollständig ernähren.

Der beste Kandidat dafür ist – Trommelwirbel – die Kartoffel. Sie liefert nicht nur Stärke, sondern auch Eiweiß, und zwar eines, das unser Körper besonders gut verwerten kann. Dazu enthält sie Vitamin C, Kalium und viele B-Vitamine.

Die Rechnung mit der Kartoffel

Ein Kilo Kartoffeln hat etwa 750 Kalorien.

Wie viel wir pro Quadratmeter ernten, hängt vom Feld ab, vom Wetter und davon, wie wir anbauen. In Österreich liegt der Durchschnitt aller Betriebe, die Bio-Betriebe eingeschlossen, bei rund 35 Tonnen pro Hektar. Das sind 3,5 Kilo pro Quadratmeter. Intensiv bewirtschaftete Felder bringen mehr. Im Bio-Anbau erntet man weniger, meist 20 bis 25 Tonnen pro Hektar, also 2 bis 2,5 Kilo pro Quadratmeter. Rechnen wir mit beiden Werten.

Beim Durchschnittsertrag liefert ein Quadratmeter rund 2.600 Kalorien im Jahr. Auf 1.900 Quadratmetern sind das fast fünf Millionen Kalorien, also rund 13.700 Kalorien am Tag. Das reicht für sechseinhalb Menschen. Es hätte auch für meine gesamte Familie im Jahr 2017 ausgereicht.

Beim Bio-Ertrag rechnen wir mit 2,2 Kilo pro Quadratmeter. Ein Quadratmeter liefert dann immer noch rund 1.650 Kalorien im Jahr. Auf 1.900 Quadratmetern sind das 3,1 Millionen Kalorien, also rund 8.600 Kalorien am Tag. Das reicht immer noch für vier Menschen.

Die Frage nach dem Anbau – bio oder intensiv – werden wir in einem späteren Kapitel besprechen. Für den Augenblick genügt uns die ermittelte Spanne: Von einem einzigen Anteil am Ackerland der Erde werden vier bis sechseinhalb Menschen satt.

Eine Sensation?

Das ist eine erstaunliche Zahl. Jeder Mensch hat einen theoretischen Anteil von 1.900 Quadratmetern, und jeder von diesen Anteilen ernährt vier bis sechseinhalb Menschen. Müsste die Erde dann nicht vier- bis sechseinhalbmal so viele Menschen ernähren können, wie heute auf ihr leben? Das wären 34 bis 54 Milliarden Menschen.

Wieso aber hungern dann immer noch Menschen?

Laut dem jüngsten Welthungerbericht der Vereinten Nationen hungerten im Jahr 2025 rund 645 Millionen Menschen. Das ist etwa jeder dreizehnte Mensch auf der Erde. Es sind mehr Menschen, als in der ganzen Europäischen Union leben.

Als „hungernd“ wird jemand dann eingestuft, wenn er über längere Zeit zu wenig isst, um ein normales, aktives und gesundes Leben zu führen. Es geht also nicht nur um einen leeren Magen am Abend. Es geht um einen Zustand, der Monate und Jahre andauert.

Wer so leben muss, ist ständig müde und schwach. Die Arbeit fällt schwer oder wird unmöglich, das Denken auch. Der Körper wehrt Krankheiten schlechter ab. Eine Durchfallerkrankung oder die Masern können lebensgefährlich werden.

Am härtesten trifft das die Kinder. Im Jahr 2024 waren weltweit rund 150 Millionen Kinder unter fünf Jahren zu klein für ihr Alter, meist als Folge von Mangelernährung. Was ihnen in diesen ersten Jahren fehlt, holen sie oft nie mehr auf, weder körperlich noch geistig. Fast 43 Millionen Kinder waren akut abgemagert. Die Weltgesundheitsorganisation hat ermittelt, dass fast die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren mit Unterernährung zusammenhängt.

Und das alles in einer Welt, in der wir so intensiv anbauen wie nie zuvor, mit Kunstdünger, Pestiziden, mit Monokulturen und Maschinen.

Wenn ein einziger Anteil an der Weltackerfläche für mehrere Menschen ausreicht, warum werden dann heute nicht alle Menschen satt? Wo liegt der Fehler? Habe ich in meiner Berechnung etwas übersehen?

Erste Vermutung: Niemand lebt nur von Kartoffeln

Der naheliegende Verdacht ist, dass unsere Rechnung zu einfach war. Der Mensch lebt nicht allein von Kartoffeln.

Die Kartoffel hält uns zwar erstaunlich lange am Leben und sie hält uns erstaunlich gesund. Ein Beispiel ist Irland vor der großen Hungersnot von 1845 bis 1849. Ein großer Teil der armen Landbevölkerung lebte dort fast nur von Kartoffeln und etwas Milch, ein erwachsener Mann aß bis zu sechs Kilo am Tag. Vollständig gesund hält uns die Kartoffel jedoch nicht. Ihr fehlen vor allem Fett, Vitamin A und Kalzium. Einen Teil dieser Lücke füllte in Irland die Milch.

  • Ein paar weitere Nährstoffe fehlen übrigens nicht nur der Kartoffel, sondern jeder rein pflanzlichen Ernährung, etwa Vitamin B12. 
  • Wieder andere Nährstoffe fehlen in unseren Breiten fast jedem, etwa Vitamin D, Jod und Selen. Darauf kommen wir im nächsten Artikel zurück.

Vielleicht haben wir also den Fehler gefunden. Vielleicht reicht unser theoretischer Weltackeranteil nur deshalb für so viele Menschen, weil wir mit einer einzigen Pflanze gerechnet haben, die uns nicht vollständig ernährt.

Die nächste Frage

Fragen wir also noch einmal neu. Welche Pflanzen (Plural!) müssten wir anbauen, um wirklich gesund zu leben?Und werden dann immer noch mehrere Menschen von 1.900 Quadratmetern satt?

Quellen

• DGE-Referenzwerte Energie für Erwachsene (Nährwertrechner)

• DGE-Richtwerte für Kinder (kita.de)

• UNHCR/WFP: 2.100 kcal als Planungswert

• Statistik Austria: Feldfruchternte 2025

• Landwirtschaftsministerium: Zuckerrübe in Österreich

• Land schafft Leben: Factsheet Kartoffel

• Möller 2002: Erträge im ökologischen Kartoffelbau

• New Georgia Encyclopedia: Pellagra

• Pellagra und Joseph Goldberger (PMC)

• Welthungerbericht 2026: 645 Millionen Hungernde (Vatican News)

• WHO: Kinderunterernährung 2024

• WHO: Malnutrition

• Irish History Podcast: Pre-famine diet

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